Archiv
23. September 2013

Alle gegen einen

Jedes Wochenende ermöglichen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter den Fussballern, dass sie überhaupt spielen können. Dafür ernten sie Beleidigungen statt Dankbarkeit.

Alain Bieri: derzeit der beste Schiedsrichter der Schweiz
Alain Bieri aus Bern ist derzeit der beste Schiedsrichter der Schweiz. Er möchte in seiner Karriere unbedingt einmal den Cupfinal leiten.

Arschloch, blinde Nuss, schwarze Sau: Das sind noch die harmlosen Beschimpfungen, die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter jedes Wochenende über sich ergehen lassen müssen. Manchmal setzt es sogar mehr als nur böse Worte ab: Spieler, Trainer oder Zuschauer greifen die Unparteiischen an, schlagen und verletzen sie. So passiert Ende August beim 3.-Liga-Spiel Italgrenchen gegen Subingen, als ein Spieler dem Schiri an die Gurgel ging und ihm die Pfeife aus dem Mund schlug. Das Spiel musste abgebrochen werden.

Profischiedsrichter Alain Bieri (34) aus Bern lebt zu 50 Prozent vom Pfeifen. Er versteht jeden Kollegen, der nach einem solch negativen Erlebnis den Rücktritt bekannt gibt. Auch er musste schon wegen aufgebrachten Zuschauern das Stadion unter Polizeischutz verlassen und erhielt Drohbriefe mit Zeitungsausschnitten zugeschickt. «Es gibt wohl keinen Schiedsrichter in der höchsten Schweizer Liga, dem so etwas noch nicht passiert ist», sagt Bieri. Sein schlimmstes Erlebnis: Nach dem Spiel Bellinzona gegen St. Gallen im Mai 2011 zerkratzten Fans das Auto seines Schiedsrichterkollegen und zerstachen die Pneus. Seither ist Bieris Telefonnummer geheim, die Wohnadresse nicht im Telefonbuch eingetragen und die Autonummer gesperrt.

Godi Dienst pfiff so viele Finalspiele wie kein anderer Schweizer Schiri
Godi Dienst pfiff so viele Finalspiele wie kein anderer Schweizer Schiri (Bild: Keystone).

SCHWEIZER PROMISCHIRIS
Ausserdem zum Thema: WM-Finale und Champions League: Diese Schweizer Schiris waren international am erfolgreichsten. Zum Artikel

In tieferen Ligen ist die Situation nicht besser. Sie wird zusätzlich erschwert, indem frisch ausgebildete Jungschiedsrichter nach Konditionstest, vier Kurswochenenden und nur zwei Spielen mit Betreuung alleine losziehen müssen. Organisation, Anreise, Begrüssung der Spieler und Trainer, Spielleitung und Rapportmeldung an den Verband gehören dann schon zum Aufgabenbereich von 16-Jährigen. Manch einer ist damit überfordert.

Jeremy Kohler (links) und Joshua Siebenpfund wollen hoch hinaus.

Jeremy Kohler (21) und Joshua Siebenpfund (22) aus Basel sind seit fast fünf Jahren Schiedsrichter. «Die Anfangszeit war nicht einfach», erzählen sie. Schwierigkeiten bereiteten nicht die älteren, erwachsenen Spieler, sondern Gleichaltrige: «Wir wurden dauernd beschimpft. Böse Worte gehörten zum Alltag.» Sie blicken ungern zurück. «Ich fragte mich damals schon, warum ich mir das antue», sagt Joshua.

Als Frau ist es in Männerdomäne doppelt schwierig

Noch schwieriger ist es als Frau in der Männerdomäne Fussball. Jlona Berger (51) aus Oberweningen ZHmuss bessere Leistungen bringen als ein Mann, um von den Spielern dieselbe Anerkennung zu erhalten. Und natürlich hört sie regelmässig Macho-Sprüche wie «geh doch zurück an den Kochherd!». Aber auch Gewalt gehört dazu: «Bei einem Spiel rannte ein Spieler fuchsteufelswild auf mich zu. Ich machte einen Schritt zur Seite und er schlug nicht mich, sondern einen Gegenspieler nieder.»

Jeremy Kohler: Das Auftreten neben dem Platz ist genauso wichtig wie auf dem grünen Rasen.

Warum setzen sich Menschen in ihrer Freizeit diesen Risiken aus und lassen sich in praktisch jedem Spiel beleidigen? «Viele sagen, dass Schiris eigentlich gar nicht gewinnen können. Das stimmt. Man hat fast schon verloren, wenn man den Platz betritt», sagt Alain Bieri. Wenn es ihm gelingt, aus dieser Ausgangslage etwas Positives herauszuholen, findet er das spannend. Zudem zehrt der Berner von schönen Erinnerungen.

Im Cup-Halbfinalspiel letzte Saison zwischen Winterthur und Basel verwehrte er dem Heimteam einen glasklaren Penalty. «Aus meiner Position sah ich das Foul nicht.» Trotzdem setzte er sich nach dem Schlusspfiff in die Stadionbeiz, um etwas zu essen. Winterthurer Fans kamen auf ihn zu und es entwickelte sich eine rege Diskussion. «Ich sagte ihnen, dass mir der Entscheid wohl am meisten wehtut.» Ein Fehler beim Pfeifen sei selten matchentscheidend. «Bei einem nicht gegebenen Penalty in der 90. Minute wird oft vergessen, wie viele Torchancen die Spieler zuvor vergeben hatten.» Die Fans zeigten nach der Diskussion Verständnis. Man verabschiedete sich per Handschlag.

Ein Hobby mit enorm grossem Zeitaufwand

Der Fussballverband stuft Alain Bieri als besten Schiedsrichter der Schweiz ein. Für seine Karriere gab er eine gute Stelle als Personalverantwortlicher der Nationalbank auf und liess sich vom Verband in einem 50-Prozent-Pensum anstellen. Längerfristig wollte er dem Arbeitgeber die vielen Fehlstunden für sein Hobby nicht zumuten. Speziell im Sommer zwischen Juni und August sind die guten Schiris viel unterwegs. Sie erfahren erst etwa zehn Tage vor dem nächsten Europacup-Einsatz, ob das Flugzeug in Luxemburg oder Kasachstan landet. «Ich musste immer eine ganze Woche frei nehmen. Längerfristig ging das nicht.»

Einen Teilzeitjob kann sich aber nur leisten, wer auf höchstem Niveau pfeift. In den tieferen Ligen sind die Entschädigungen zu gering (siehe Box auf Seite 25). Jeremy Kohler und Joshua Siebenpfund arbeiten fünf Tage pro Woche. Kohler als Kundenberater, Siebenpfund ist Bauzeichner. Am Wochenende sind sie Schiedsrichterassistenten in der dritthöchsten Schweizer Liga und erhalten dafür pro Spiel je 250 Franken – inklusive Reisespesen. Die zeitliche Belastung ist hoch: Sie reisen jedes Wochenende durch die ganze Schweiz, gehen zweimal pro Woche ins Konditionstraining und besuchen darüber hinaus Weiterbildungen.

Jlona Berger: Spieler sagen mir regelmässig, ich solle zurück an den Kochherd.

Die jungen Männer kleiden sich einheitlich in Anzug und weisses Hemd. Vorgeschrieben ist das auf ihrem Niveau noch nicht, aber sie machen es gern. «Das Auftreten neben dem Platz ist genauso wichtig wie das auf dem grünen Rasen», sagt Kohler. Man spürt ihre Leidenschaft fürs Schiedsrichterwesen, ihren Einsatzwillen. «Mich beeindruckt die Kollegialität untereinander. Schiedsrichter sind eine verschworene Gemeinschaft, die einander hilft.» Es sei schön dazuzugehören, sagt Joshua.

Der Schiedsrichter kann nicht ausgewechselt werden

Jlona Berger ist seit 20 Jahren Schiedsrichterin.

Auch Jlona Berger ist von Herzen gerne Schiedsrichterin. Seit 20 Jahren pfeift sie Fussballspiele von Männern und Frauen. Eigentlich hätte sie schon längst aufhören sollen. «Das hat mir zumindest der Arzt vor fünf Jahren empfohlen. Meine Knie sind eigentlich kaputt.» Aber daran denkt sie nicht. «Ich lebe für den Fussball», sagt Jlona Berger. Wegen der Schmerzen braucht sie nach jedem Spiel kühlende Pflaster und Tabletten, um wieder halbwegs laufen zu können.

Aber ihre Motivation ist grösser als die Angst vor dem Rollstuhl. Aktuell pfeift sie etwa alle zwei Wochen ein Spiel. Darüber hinaus betreut und bewertet sie junge Schiris und hilft bei der Frauenförderung in ihrem Einzugsgebiet mit. Sie weiss, wovon sie spricht: Als junge Frau spielte sie auf höchstem Niveau Fussball in der Nationalliga A und wollte nach einer katastrophalen Schirileistung selbst wissen, ob diese Pfeiferei wirklich so schwierig ist.

Alain Bieri: Viele sagen, dass Schiris eigentlich gar nicht gewinnen können. Das stimmt. Man hat fast schon verloren, wenn man den Platz betritt.

«Der Schiedsrichter kann nicht ausgewechselt werden», erklärt Alain Bieri seinen Entschluss, die Pfeife in die Hand zu nehmen. Seine Fussballkarriere war nur mässig erfolgreich. Er drückte meistens das Bänkli und musste als Ersatzspieler dem Schiedsrichter mit der Fahne assistieren. Das gefiel ihm so gut, dass er sich als 16-Jähriger für den Anfängerkurs meldete.

Auch Joshua Siebenpfund und Jeremy Kohler merkten schon bald, dass der Profifussball für sie als Spieler ein Traum bleibt. «Unser Talent war begrenzt», sagen sie heute lachend. Jetzt soll es im Schiedsrichterwesen klappen: Bei beiden ist ein enormer Ehrgeiz zu spüren. Langfristig setzen sie sich Einsätze in der Champions League und ein WM-Finale zum Ziel. «Wir investieren so viel Zeit, weil wir hoch hinauswollen.» Trotz allem bleiben sie realistisch und wissen, dass sie einen Schritt nach dem anderen nehmen und sich für die Challenge- und anschliessend für die Super League empfehlen müssen.

Freizeit bleibt neben der Schiedsrichterei kaum noch. «Der Freundeskreis kommt zu kurz», gibt Joshua Siebenpfund zu. Auch Alain Bieri, der seit zehn Jahren in einer Beziehung lebt, sagt ehrlich: «Ich fordere mehr ein, als ich zurückgebe.» Fussballspiele kann er sich heute nicht mehr entspannt ansehen. «Wenn ich den Fernseher einschalte, achte ich nur auf den Schiedsrichter. Zur Weiterbildung.» Als Ausgleich zum Beruf eignet sich der Fussball deshalb nicht mehr. «Heute gehe ich an Konzerte oder ins Theater. Das ist mein neues Hobby.» Wie lange er noch aktiv bleibt, weiss Bieri nicht. Schiris auf höchstem Niveau erreichen erst mit dem 45. Geburtstag die Alterslimite.

In den unteren Ligen dürfen sie bis zum 68. Lebensjahr pfeifen. Für Jlona Berger ist das viel zu jung. «Wenn es nach mir ginge und meine Knie halten, würde ich bis 80 weitermachen.»

Probleme auf Fussballplätzen in Angriff nehmen

Das Engagement und die Leidenschaft für die Schiedsrichterei macht manch böses Wort vergessen. Doch es bleibt die Gefahr, jedes Wochenende tätlich angegriffen zu werden. Was muss sich ändern, damit nichts mehr passiert? Alain Bieri setzt bei der Trainerausbildung an: «Was Trainer heute den Jungen vorleben, ahmen diese später nach.» Bei 30-Jährigen dürfte es heute zu spät sein.

Aber auch die Schiedsrichtergilde braucht härtere Richtlinien. «Ich würde zum Beispiel vorschreiben, dass jeder Schiri in der Super League nur noch 50 Prozent arbeiten darf.» Heute sei wenig reglementiert. Schiedsrichter müssten lediglich die Konditionstests bestehen und bei Spielen verfügbar sein.

Autor: Reto Vogt