Archiv
22. Dezember 2012

Alle gegen den Streber

Angst vor Mobbing: Jeder zweite Schüler stellt sich dümmer, als er ist. Das bringe gar nichts, sagt Schulpsychologin Tanja Grimaudo.

Wenn eine Sechstklässlerin auf einmal nicht mehr weiss, was 14 plus fünf gibt, ist sie nicht unbedingt verträumt oder gar dumm. Vielleicht stellt sie sich dümmer, als sie ist, um nicht den Neid der Klassenkameraden zu erregen. Das lässt jedenfalls eine Studie aus England vermuten: Von 1042 befragten Jugendlichen hat fast jeder zweite schon einmal sein Wissen versteckt, um nicht zum Mobbingziel zu werden. Und obwohl Talentshows populär sind wie nie zuvor, gab über ein Viertel der Befragten an, sie hätten aufgehört zu singen, tanzen und schauspielern, weil sie Angst haben, wegen ihrer besonderen Talente gemobbt zu werden. «Das ist ein bedenklicher Befund», kommentiert Tanja Grimaudo Meyer (37), Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons Basel-Stadt.

Meist gibt es einen Haupttäter und mehrere Mitläufer

Auch in der Schweiz passiert es, dass intelligente Schulkinder als Streber verspottet und geplagt werden, die Schulpsychologin kennt solche Fälle aus ihrem Berufsalltag. «Allerdings sind hervorragende Fähigkeiten allein noch kein Grund, um zum Mobbingziel zu werden», stellt sie klar. Das ganze System spiele eine Rolle: die Zusammensetzung der Klasse, wie die Lehrperson sie führe, welcher Umgang im Schulhaus untereinander herrsche.

«Mobbingopfer sind oft körperlich schwächer als andere oder ängstlich», sagt Grimaudo. «Entscheidend ist aber, dass es neben dem Opfer meist einen Haupttäter, einige Mitläufer und zahlreiche Dulder gibt.» Weitere Ursachen seien unterschwellige Konflikte, aggressive Vorbilder oder die Tatsache, dass sich in der Gruppe Gefühle individueller Verantwortlichkeit abschwächen. Reagieren superschlaue Jugendliche, indem sie ihre Fähigkeiten verbergen und absichtlich schlechtere Leistungen zeigen, nütze das gar nichts. «Eine Mobbingdynamik hört nicht einfach auf, nur weil sich ein Schüler künstlich schlechter macht», sagt Psychologin Grimaudo. Laut nationalen Studien sei durchschnittlich mindestens ein Kind pro Klasse von Mobbing betroffen.

Sei die Dynamik mal angelaufen, brauche ein Opfer Hilfe. Dazu sei die Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Eltern und Schülern nötig, manchmal sei auch der Einbezug externer Fachstellen sinnvoll. «Wir unternehmen Interventionen in der Klasse oder mit einzelnen Schulkindern, oft führen wir auch Gespräche mit Eltern», sagt Tanja Grimaudo. Spätestens nach ein paar Wochen merke sie jeweils eine deutliche Verbesserung, nach weiteren Wochen bis Monaten sei meistens das Klassenklima nachhaltig positiver geworden. Und dann dürfen auch besonders begabte Schulkinder ihr Können wieder angstfrei zeigen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich gegen Mobbing zur Wehr zu setzen. Intervention und präventive Massnahmen müssen aber auf verschiedenen Stufen stattfinden.

Das können Eltern tun:

n Grundlegende Werte wie Respekt vermitteln und ­zeigen, dass Individualität eine Bereicherung ist.

n Das Selbstvertrauen der Kinder stärken.

n Mit den Kindern Konfliktlösungsstrategien entwickeln.

n Im Mobbingfall: sofort die Lehrperson informieren und Hilfe suchen.

Das können Lehrkräfte und Schulen tun:

n Die Schule fördert eine Schulkultur, welche eine wertschätzende, unterstützende Beziehung unter den Schülern fördert.

n Unterstützung der Kinder bei der Entwicklung der «emotionalen Intelligenz».

n Rechtzeitig Schulpsychologischen Dienst oder andere Fachstellen beiziehen.

Das können Kinder/Jugendliche tun:

n Sofort Eltern und Lehrperson informieren, wenn ­Mobbing auftritt.

n Sich an Beratungsstellen wenden.

Hilfe und Informationen: www.147.ch «Mobbing und Cyber-Mobbing» im Suchfeld eingeben

www.migrosmagazin.ch

???????????????

XXXXXXX

Die Vor- und Nachteile der Pille, ihre Wirkung und wer sich besser nach Alternativen uXXXXXXXXXXX

Autor: Claudia Weiss