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10. April 2017

Alle Achtung

Kreidebuchstaben
Achtun..., hier schreibt der Bänz!

Als der kleine Finn, ein Nachbarsbub, noch nicht zur Schule ging – er war vielleicht vierjährig –, schrieb er mit Strassenkreide einmal gross auf die asphaltierte Fläche vor dem Haus: FINN. Und ich machte, hinzutretend, eine dieser unnötigen, gönnerhaften Bemerkungen, wie sie uns Erwachsenen halt so rausrutschen: «Dich können wir ja bald schon zur Schule schicken!» Darauf er, fast kleinlaut: «Aber ich kann doch noch nicht ‹Achtung› schreiben.»

Der Satz fällt mir immer wieder ein. Er sagte ihn damals so prompt, ohne zu überlegen und ohne jeglichen ironischen Unterton. Auf Hochdeutsch sagte er ihn, weil seine Eltern aus Deutschland stammen. Ohne zu zögern: «Aber ich kann doch noch nicht ‹Achtung› schreiben.

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51)

Er hätte ja sagen können, er könne noch nicht Zebra schreiben, Nussgipfel oder Fahrrad. Doch er sagte: «Achtung.» Das klingt nach Ehrfurcht mit Betonung auf Furcht. Nach Achtungsstellung. Schule als Zucht … Wie mag er bloss darauf gekommen sein? ­Zugegeben, kleine Kinder bekommen das Wort auf Schritt und Tritt zu hören: «Achtung, heiss!», «Achtung, Finger weg, die Autotür!», «Das Messer ist scharf … Achtung!» Dauernd impfen wir ihnen Achtung ein. Wobei Achtung im Sinn von Vorsicht angebracht ist, beim Velofahren, auf dem Rollbrett. Achtung im Sinn von Respekt ist wichtig – vor der ­Umwelt, der Natur. Achtung im Sinn von Angst aber ist falsch.

Uns geht es ja eigentlich gut. Wer derzeit in der Türkei als Journalist, als Schriftstellerin, Lehrer, Komödiantin etwas nicht Genehmes sagt, landet im Gefängnis. Denn dort ist einer gerade daran, alle Macht an sich zu reissen, er schüchtert sein Volk ein – Achtung! –, duldet keine Widerrede. Ähnlich in Russland, China, Nordkorea. Gewiss wurden auch hierzulande Abweichler und Andersdenkende fichiert. Dennoch glaube ich, dass wir uns glücklich schätzen können: Blinde Achtung wird nicht verlangt. «Achtung, steht! Dr Houptme schiisst i ds Bett …» Den blöden Kindervers werde ich nie vergessen. Mein Vater brachte ihn mir einst bei. Der Vers zeugt von gesunder Respektlosigkeit, und es ist schön, wenn Kinder so etwas lernen dürfen.

Der Finn? Geht längst zur Schule, er ist ein hervorragender Schüler. Und er könnte, wenn er wollte, heute auch Bruttosozialprodukt schreiben. Womöglich hat er damals einen sehr schlauen Satz gesagt: «Aber ich kann doch noch nicht ‹Achtung› schreiben.» Achtung ist wichtig. Nicht Achtung vor falschen Autoritäten, sondern Achtung vor sich selbst. Ich wünsche sie ihm: die Selbstachtung. Und ein gesundes Selbstbewusstsein: Achtung, hier kommt der Finn! 


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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli