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02. August 2016

Alkoholmissbrauch bleibt oft Familiengeheimnis

In der Schweiz leben etwa 100'000 Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil, sagt Silvia Steiner von der Präventionsabteilung Sucht Schweiz. Sie wagen meist nicht, darüber zu sprechen oder Hilfe zu holen.

Silvia Steiner (42)
Silvia Steiner (42) von der Präventionsabteilung Sucht Schweiz. (Bild zVg)

Silvia Steiner, worunter leiden Kinder, die mit alkoholkranken Eltern aufwachsen, am meisten?

An Instabilität, Unsicherheit und mangelnder Verlässlichkeit der suchtkranken Bezugsperson. Sie wissen oft nicht, in welchem Zustand sich diese befindet. Ihr Vertrauen wird oft enttäuscht, weil Versprechen oder Abmachungen nicht eingehalten werden.

Erleben diese Kinder öfters Gewalt?

Man beobachtet vermehrt häusliche Gewalt im Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Genaue Zahlen gibt es nicht. Es ist aber anzunehmen, dass diese Kinder häufiger Gewalt ausgesetzt sind oder bei den Eltern erleben.

Fühlen sich Kinder mitschuldig an der Sucht?

Je weniger das Kind über die Suchterkrankung aufgeklärt wird, desto grösser ist die Gefahr, dass es Verantwortung und Schuld übernimmt. Auf ihnen lastet enormer Druck. In Beratungsgesprächen ist eine wichtige Botschaft, dass sie keine Schuld tragen.

Kontaktieren Kinder selbst Fachstellen?

Wenn sie beispielsweise Vertrauen zu einer Schulsozialarbeiterin haben, sprechen sie mit ihr. Oft sind es aber Personen aus dem Umfeld, die sich bei Beratungsstellen melden. Kinder sind loyal gegenüber ihren Eltern, und in den meisten Familien bleibt der Alkoholmissbrauch ein Familiengeheimnis: Man will unbedingt den Schein wahren.

Soll man Kinder darauf ansprechen?

Es braucht sehr viel Fingerspitzengefühl. Ich habe aber öfters Betroffene erlebt, die sagen, dass sie als Kind gerne mit jemandem darüber geredet hätten, jedoch alleine gelassen wurden. Niemand hat sie auf ihre Notsituation angesprochen. Es leidet aber das ganze familiäre System, wenn ein Elternteil trinkt. 
Kinder sind die grösste Risikogruppe, ebenfalls zu erkranken. Rund ein Drittel dieser Kinder leidet später selbst an einer Suchterkrankung.

Ist dies aufgrund des Modell-Lernens – oder ist ­Alkoholabhängigkeit vererbbar?

Es gibt gewisse genetische Voraussetzungen, aber ob jemand suchtkrank wird, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Selbstwertgefühl, ein intaktes soziales Umfeld und stabile Bezugspersonen sind zentral und elementar, damit sich ein Kind gesund entwickelt. Auf diese Faktoren kann man einwirken, auch wenn eine erbliche Disposition vorhanden ist.

Sind mehr Mütter oder mehr Väter alkoholkrank?

Man geht von etwa 250'000 alkoholkranken Menschen in der Schweiz aus, zehn bis fünfzehn Prozent davon sind Frauen. Es sind also mehr Väter als Mütter. Ist die Mutter alkoholkrank, ist dies aber oft die grössere Belastung für die Kinder, weil Frauen meist die Erziehungsarbeit übernehmen.

Ist die Mutter alkoholkrank, ist dies (wegen mehr Erziehungsarbeit durch Frauen) oft die grössere Belastung für die Kinder.

Welche Auswirkungen hat es für das Kind?

Aus der Alkoholforschung weiss man, dass es unterschiedliche Auswirkungen auf das Kind hat, ob Mutter oder Vater erkrankt ist. Trinkt die Mutter, ist die Wahrscheinlichkeit für das Kind, später auch krank zu werden, deutlich höher, als wenn der Vater alkoholkrank ist. Das grösste Risiko besteht aber, wenn beide Elternteile trinken. Und: Töchter sind gefährdeter. Man vermutet, dass Mädchen eher soziale Verantwortung übernehmen und dadurch psychisch stärker belastet sind.

Sind tiefere soziale Schichten stärker betroffen?

Alkoholmissbrauch geht durch alle Schichten. Die Probleme sind bei tieferen sozialen Schichten für Kinder aber grösser, da zusätzliche Risikofaktoren wie finanzieller Druck oder Ausgrenzung besteht.

Warum sprechen Sie meist von Alkoholkrankheit und nicht von Abhängigkeit?

Alkoholabhängigkeit ist medizinisch als psychische Erkrankung klassifiziert. Diese bedeutet ein Kontrollverlust und hat neurologische Veränderungen zur Folge. Aufhören zu trinken ist nicht einfach nur Willenssache. 
Mit der Betonung, dass die Abhängigkeit eine Krankheit ist, versuchen wir, dem gesellschaftlichen Tabu etwas entgegenzusetzen. Kinder erleben teilweise vergleichbare Situationen, ob nun Eltern depressiv oder alkoholkrank sind.

Suchen viele Betroffen Hilfe bei Beratungsstellen?

Trotz der vielen niederschwelligen Angebote und Beratungsmöglichkeiten schweizweit gibt es sehr wenige Leute, die Unterstützung suchen.

Warum?

Es dauert oft lange, bis Eltern einsehen, dass sie die Kontrolle verloren haben und Hilfe benötigen. Hat man kleine oder schulpflichtige Kinder, schämt man sich meist noch mehr, ein Alkoholproblem zu haben. Es besteht zudem oft die Angst, dass sich die Behörden einschalten und einem die Kinder wegnehmen. 

Weitere Infos: www.suchtschweiz.ch