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02. August 2016

Alkohol war der Partner der dreifachen Mutter

Nadine Baumann* war Alkoholikerin: Täglich vier Flaschen Rotwein, am Wochenende auch mal mehr. Seit zwei Jahren ist sie trocken, kämpft aber noch immer gegen die Versuchung. Dazu das Porträt eines betroffenen Vaters («Vater, alkoholkrank») und das Experteninterview («Familiengeheimnis Alkoholmissbrauch»).

Trink. Probier doch nur einen Schluck.
Nadine Baumann: «Es ist wie jemand, der im Raum steht, dich packt und sagt: ‹Trink. Probier doch nur einen Schluck.›»

Sie hat ein fröhliches Lachen auf dem Gesicht. Man sieht ihr den täglichen Kampf nicht an. Auch nicht, was sie in den vergangenen Jahren durchmachen musste. Nadine Baumann (42, Name geändert) ist Mutter von drei Kindern, das Mädchen ist acht, die Buben sind neun und zwölf Jahre alt. Sie ist geschieden, alleinerziehend –­ und seit zwei Jahren trocken.

Doch der Alkohol, die Lust auf den Rausch, die Sucht begleiten sie noch immer. «Es gibt fast keinen Tag, an dem ich nicht damit konfrontiert werde.» Etwa, wenn die Nachbarn im Garten grillieren und Bier trinken. Wenn sie fröhliche Leute beim Apérotrinken am Feierabend sieht. Wenn ihr ­fröhliche Leute aus ­einer Werbung entgegenlachen – oder wenn sie plötzlich vor ­einem ­Gestell mit ­Alkohol steht, obwohl sie doch nur einen Topf ­Blumen kaufen wollte.

«Zuerst trank ich nur am Wochenende», erzählt die Frau mit den schön manikürten Fingernägeln und dem dezenten Make-up. Das war vor fünfeinhalb Jahren, nachdem ihr Mann die Familie verlassen hatte. Die Kleinste war da gerade zwei Jahre alt. «Es war ein Schicksalsschlag, als die Familie auseinanderbrach.» Sie versuchte, die Situation zu packen, doch der Stress, sich alleine um drei Kinder zu kümmern, und der Schock, dass ihr Mann gegangen war, waren zu gross. «Mir ging es psychisch sehr schlecht», erzählt Nadine Baumann. «Im Schockzustand sprach ich eine Zeit lang lückenhaft, und ich stotterte stark.»
Schnell kam die Angst, dass man ihr die Kinder wegnehmen könnte. Um sie zu entlasten, wurde eine Teilzeitpflegefamilie engagiert. Der Vater war weg. Um seine Kinder kümmerte er sich kaum.

«Zuerst trank ich nur, wenn die Kinder bei den Pflegeeltern waren», sagt die Mutter. «Ich spürte, wie es mir mit dem Wein wohlig wurde, es tat gut», sagt sie mit einem nachdenklichen Lächeln. «Ich konnte abschalten, entspannen und wieder gut schlafen.»

Vier Flaschen Rotwein pro Tag

Sie trank immer häufiger. «Bald griff ich täglich zum Alkohol. Zuerst nur abends, wenn die Kinder im Bett waren. Ich wollte nicht, dass sie etwas mitkriegen.» Es lief alles heimlich ab. Der Drang wurde stärker, sich schon vor dem Znacht ein oder zwei Gläser Rotwein zu genehmigen. Sie erlaubte es sich bald schon um fünf Uhr, dann um vier, um drei, am Mittag. «In ganz schlimmen Zeiten fing ich schon morgens an.» Täglich vier Flaschen Rotwein, an Wochenenden auch mal mehr. Der Pegel blieb konstant hoch. «Das Trinken beruhigte mich. Ohne Alkohol war ich nervös und schnell gereizt.»

Nadine Baumann sorgte dafür, den Schein zu wahren, sie steckte alle Kraft in die Organisation des Alltags, damit ihre Sucht nicht aufflog: «Ich brachte die Kinder in den Kindergarten, in die Schule, wusch die Wäsche, putzte, bügelte und ging an Elterngespräche. Ich war äusserlich für die Kinder da, doch eigentlich war die Sucht die Hauptsache in meinem Leben.»
!Die Mutter war präsent und doch nicht. Der Alkohol und das ganze Drumherum bestimmten ihren Alltag: möglichst unauffällig möglichst viel Wein kaufen, heimlich die leeren Flaschen entsorgen, trinken, ohne dass es jemand merkt.

Ohne Alkohol war ich nervös und schnell gereizt.
«Das Trinken beruhigte mich. Ohne Alkohol war ich nervös und schnell gereizt.»

Nach dem Znacht steckte sie ihre Kinder vor das TV-Gerät und ging auf den Balkon, um zu rauchen und trinken. «An freien Nachmittagen und an den Wochenenden, wenn die Kinder weg waren, sackte ich mehr und mehr ab.»
Ihre Bekannten merkten, dass sie sich immer mehr zurückzog. Weil sie Ruhe brauchte, meinten sie, nicht, weil sie trinken musste. «Ich dachte, die Kinder kriegen nicht mit, wie viel ich trank, obwohl sie unbewusst wahrscheinlich viel mitbekamen», erzählt die Mutter. Ihre Tochter habe manchmal gesagt: «Mami, du stinkst!»

Nadine Baumann hatte permanent ein schlechtes Gewissen. «Du weisst ganz genau, das ist nicht gut. Doch im Moment siehst du nur die Entspannung, die Ruhe, das Abschalten, das Schlafen. Die Wirklichkeit ist aber eine andere: Alkohol ist eine Lüge. Er gibt dir nicht, was du brauchst – er macht dich kaputt.» Während dreieinhalb Jahren sank die gesellige Frau tiefer und tiefer. Lügen gehörten zu ihrem Alltag. Sie stibitzte Wein aus Nachbarskellern, sie öffnete auch nicht mehr, wenn es an der Tür klingelte oder schaltete die Klingel ab.

Die Kehrtwende kam plötzlich. Es wurde ihr bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Dass sie die Kinder verliert, wenn sie so weitermacht. «Ich wollte für sie aufhören. Und ich wollte nicht mehr lügen, nicht mehr stehlen, nicht mehr am Leben vorbeileben.» Die Schuldgefühle steckten tief – auch Wut und Selbsthass. «Du fühlst dich abscheulich, unfähig, als Versagerin. Als schlechtes Mami.»

Das Datum des Tages, an dem sie für den Entzug in die Klinik eintrat, wird sie nie mehr vergessen: «12. Februar 2014», sagt sie ohne zu zögern. Zwei Wochen körperlicher Entzug, acht Wochen Entwöhnung. Sie war nahe daran, die Therapie abzubrechen. «Ich hatte das Gefühl, die Kinder im Stich zu lassen.» Doch Baumann wollte lernen, abstinent zu leben.

Auch nach dem Entzug verschwand die Angst nicht, ihre Kinder zu verlieren. Diese hat sich mittlerweile gelegt. Viel mehr sorgt sie sich nun um deren Seelenwohl. «Sie waren so klein und mussten so viel durchmachen: Trennung, Scheidung, meine Sucht, die Fremdbetreuung. Wie können sie das verarbeiten? Was bleibt davon zurück, welche Wunden tragen sie davon?», Tränen treten in Nadine Baumanns Augen. Sie wischt sie mit dem Nastuch ab. Sie braucht einen Moment, bevor sie weitererzählen kann.
Was hilft, sind die Unterstützung von ihren Nachbarn, die Gespräche mit ihrer Psychologin, die Motivation durch Freunde und Bekannte. «Ich muss einfach immer wieder den Mut haben, Hilfe zu holen und nicht alles für mich zu behalten.»

«Chäferli im Körper»

Nadine ist eine der wenigen Betroffenen, die Hilfe suchen. In den meisten Familien bleibt die Suchterkrankung ein Tabu. Oft sind sich Betroffene nicht bewusst, dass sie Hilfe brauchen oder holen könnten (siehe Interview mit Expertin Silvia Steiner ).

Heute weiss die dreifache Mutter, dass sie den Alkohol nicht braucht und nicht will. Dass er hinterhältig ist, eine glitzernde Fassade, hinter welcher der Abgrund wartet. Der Reiz ist dennoch immer wieder da, und der Druck kann gross werden. «Es ist wie jemand, der im Raum steht, dich packt und sagt: ‹Trink. Probier doch nur einen Schluck.› Wie wenn jemand da wäre, der dich will. Alkohol war mein Partner, ich war mit ihm verheiratet. Die enorme ­An­ziehungskraft ist noch immer da. Es gibt Momente, in denen ich abschalten will, weil ich erschöpft bin von meinem Alltag.»

Sie hat fast keine Unterstützung von ihrem Ex-Mann, der mittlere Sohn leidet am Aspergersyndrom, die Tochter ist in ihrer Entwicklung im Rückstand, die Finanzen sind knapp. Nach wie vor ist sie auf das Sozialamt angewiesen.
Wenn der Alkohol eine zu grosse Verlockung wurde, half es ihr, Eiswürfel in die Hand zu nehmen, eiskalt zu duschen oder im Wald spazieren zu gehen. «Wie eine Getriebene jagte ich manchmal durch den Wald. Ich brauchte so etwas wie einen Wahrnehmungsschock, um mich zu spüren.»

Auch ihre Kinder wissen, dass Mami noch immer aufpassen muss. «Wenn es in den Ferien oder auf Besuch auf dem Tisch Alkohol hat, beobachten und fragen sie mich, ob es geht.» Ihre Suchtkrankheit hat sie den Kindern als «Chäferli im Körper, die vom Weintrinken kommen» erklärt. Diese Käfer haben das Mami krank gemacht. In der zehnwöchigen stationären Therapie seien alle Käferli aus dem Körper weggegangen, und sie sei wieder gesund geworden.
«Die Kinder übernehmen manchmal zu viel Verantwortung», sagt sie. «Ich will das überhaupt nicht.»

Für die Kinder hat sich vieles verändert. In der Freizeit geht sie mit ihnen raus in den Wald, sie machen Schlangenbrot, gehen wandern, fahren Velo oder sind mit den Rollerblades unterwegs. Auch die Abende sind anders: «Die Zeit nach dem Znacht bis zum Zubettgehen ist unsere gemeinsame Zeit.»

Nun kann Baumann sogar ein bisschen sparen.In einem Kässeli sammeln sich seit längerer Zeit Fünfliber ­an – Geld, das sie früher für die Sucht ausgegeben hat. Vielleicht geht es nun einmal ans Meer, ihre Kinder haben es noch nie gesehen. Ziel ist es, sich und ihre Kinder zu belohnen und ein gemeinsames Projekt zu haben.

Anstoss für ein neues Leben haben die Kinder gegeben, doch Nadine Baumann weiss, dass die Chance auf Genesung in ihrer Hand liegt «Ich muss lernen, auf mich zu achten. Ich bin suchtkrank, nicht meine Kinder sind es; ich bin diejenige, die sich vom Alkohol lösen und trennen muss.» Die Kinder waren und sind eine gute Motivation, es zu packen. Sie geben ihrer Mutter Bestätigung und schöne Rückmeldungen.
«Ich habe ein neues Mami», hat die Tochter ihr schon mehrmals gesagt. Ein grösseres Kompliment gibt es kaum für sie. Für die Mutter ist trotzdem klar: Die Entscheidung, abstinent zu leben und täglich dafür zu kämpfen, hat sie ganz allein getroffen. 

Autor: Claudia Langenegger

Illustrationen: Alice Wellinger