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08. April 2013

Albanien mit dem Car entdecken

Das ehemals kommunistische Albanien ist touristisch wenig entwickelt und noch immer weitgehend unbekannt. Eine geführte Busreise bietet die Möglichkeit einer Entdeckung.

Moschee mit einem typischen Doppelminarett
Eine Moschee mit einem typischen Doppelminarett in der Stadt Shkodër.

Tierhilfe in Tirana

Ein herrenloser Hund
Ein herrenloser Hund in einer Marktgasse der Hauptstadt Tirana.

Das Kurzporträt der Schweizerin Maria Medina
Maria Cristina Medina (43) ist 2006 der Liebe wegen nach Tirana gezogen – und der Tiere wegen geblieben. Sie wollte und will jenen Geschöpfen helfen, denen in Albanien niemand hilft. Nach jahrelangem Kampf mit Behörden ist ihr Tierheim vor zwei Jahren vom Staat legalisiert und anerkannt worden. Darauf ist die Churerin schon ein wenig stolz.
Im Moment leben 53 Hunde, zwölf Katzen und zwei Nymphensittiche im Tierheim. «Normalerweise sind es mehr», erzählt die Tierfreundin, «doch ich musste einen Aufnahmestopp verhängen, weil es mir im Moment gesundheitlich nicht gut geht.» Sobald sie genesen ist, wird sie wieder an vorderster Front stehen, wenn es darum geht, eine verwahrloste Katze oder einen geschundenen Hund zu retten, aufzupäppeln und für sie/ihn ein neues Zuhause zu suchen. Das Tierheim wurde in den letzten Monaten neu aufgebaut, und es fehlt noch einiges. Doch weil Maria Cristina Medina vor allem immer offene Rechnungen für Futter, Medikamente und Tierarztbehandlungen hat, ist sie für jede Spende dankbar.

Maria Medina in ihrem Tierheim
Maria Medina in ihrem Tierheim für Hunde und Katzen in Tirana. (Bild zVg)

Kontakt: PC-Konto 87-295837-8 / IBAN: CH14 0900 0000 8729 5837 8 / BIC: POFICHBEXXX
Inhaberin: Maria Cristina Medina-Casanova / Tierhilfe Tirana. Weitere Infos gibt es hier .

DIE REPORTAGE
Jürg Fahrni muss Nerven wie Drahtseile haben. Der Chauffeur steuert seinen Car ruhig durch Albanien, um enge Kurven und über Strassen, die mit Löchern durchsetzt sind. Die Schweizer Fahrgäste bewundern den 51-Jährigen für seine Gelassenheit. Ohne ihn ginge hier gar nichts. Auch die Kaffeemaschine nicht, die nach jedem Spaziergang rege benützt wird. Der gemütliche Berner ist zum zweiten Mal mit dem Bus in Albanien unterwegs. Er hat das Land liebgewonnen.

Carchauffeur und Gastgeber Jürg Fahrni
Carchauffeur und Gastgeber in einem: Jürg Fahrni hat das Land an der Adria ins Herz geschlossen.

Begleitet wird er vor Ort vom Albaner Arben Mece (44), Beni genannt, der als deutschsprachiger Führer den Reisenden pausenlos Wissen über Albanien vermittelt — Mece hat Geschichte und Germanistik studiert. Albanien ist ein Bergland; der Korab, der höchste Berg des Landes, ist 2764 Meter hoch. Flach ist das Land nur entlang eines Teils der Küste. Viele unberührte Landschaften bieten seltenen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum. Noch. Denn die starke Umweltverschmutzung bleibt nicht ohne Folgen. Davon bemerken die Reisenden allerdings nur das Offensichtlichste: die vermüllten Strassenränder.

Viele Souvenirläden rund ums Nationalheiligtum Albaniens
Einige der Fahrgäste wollten einfach einmal ein Land besuchen, das sie noch nicht kennen und das nicht allzu fern der Schweiz liegt. Für die meisten ist jedoch die bewegte Geschichte des Landes der Grund für die Reise. Ein paar Gäste sind denn auch nicht zum ersten Mal in Albanien und vergleichen damals mit heute. Die Unterschiede sind frappant.
Das Nationalheiligtum der Albaner, die Festung von Kruja, war früher für Individualreisende einfach eine abgelegene Burg. Heute werden sie im Bergdorf durch eine von Souvenirläden gesäumte Gasse zum Festungsmuseum geführt. Nationalheld Skanderbeg ist in ganz Albanien oft zu sehen, doch in Kruja ist er allgegenwärtig. Von hier aus verteidigte er im 15. Jahrhundert das Land. Sein grösstes Verdienst war jedoch, die albanischen Stämme erstmals geeint und unter einer Flagge — dem schwarzen doppelköpfigen Adler auf blutrotem Grund — gegen die Osmanen in den Kampf geführt zu haben.

Während der Reise kommt das Gefühl auf, Albanien sei eine einzige Baustelle — samt Bauruinen. Auf dem Weg in die Hafenstadt Durrës vergammeln Häuser, bestehend aus vier Wänden und viel Loch, neben herausgepützelten schnuckeligen Residenzchen, vornehmlich in grellen Farben wie Violett, Türkis und Froschgrün angemalt. An vielen neuen und fast fertigen Häusern sind Plüschtiere gut sichtbar angebracht. Sie sollen böse Geister fernhalten, erklärt Reiseleiter Beni: «Ein Haus zu besitzen, ist für Albaner ein Statussymbol.»

Die Mercedes-Dichte in Tirana ist rekordverdächtig
Im Stadtkern von Durrës gestaltet sich das Bauen etwas schwieriger. Denn der Untergrund der Stadt ist zum Kulturdenkmal erklärt worden. Wird ein Haus abgerissen, tauchen beim Graben oft historisch schützenswerte, antike Schätze auf. So stiess man während Bauarbeiten in den 60er-Jahren zufällig auf ein Amphitheater aus dem zweiten Jahrhundert. Es bot einst 15 000 Personen Platz. Heute ist diese römische Ruine eine der Attraktionen von Durrës.

Bushalt in der Nähe von Apollonia
Bushalt in der Nähe von Apollonia.

Stets muss sich der Reisende in Erinnerung rufen, dass nur gerade etwas mehr als zwei Jahrzehnte vergangen sind, seit die Albaner sich von einem der schrecklichsten Regimes des Ostblocks befreit haben, vom kommunistischen Diktator Enver Hoxhas und seinen Nachfolgern. Hoxha isolierte das Land und sperrte quasi sein Volk jahrzehntelang ein. Der Diktator starb 1985 und hinterliess eine arme, verunsicherte und zutiefst misstrauische Bevölkerung sowie etwa 700 000 pilzförmige Bunker, die er im ganzen Land zur Verteidigung gegen allfällige Invasoren errichten liess. Zum Erbe Hoxhas gehörte aber auch Positives: ein intaktes Gesundheits- und Bildungswesen — es gab im ganzen Land keine Analphabeten! — und öffentliche Verkehrsmittel, deren Benutzung kostenlos war. Autos waren verboten, ausser den 500 Staatskarossen im Dienste der Politspitze. Heute hingegen ist wohl nicht einmal im deutschen Stuttgart die Mercedes-Dichte höher als in Albaniens Hauptstadt Tirana. Der Stern prägt das Strassenbild — neuestens sind auch die Initialen VW zu entdecken.
Sali Berisha, umstrittener Regierungschef Albaniens, ist seit 1992 daran, das Land auf demokratischen Kurs zu bringen. Doch das mittlerweile politisch mündige Volk hat längst bemerkt, dass wichtige Reformprozesse ausbleiben. Eine Autobahn täuscht nicht darüber hinweg, dass das Volk noch immer darbt und unter der Korruption zu leiden hat. Nicht vergessen hat man auch, dass Berisha einst der Leibarzt und enge Vertraute Hoxhas war.

300 Sonnentage pro Jahr, Pinien sowie Sand- und Kieselstrände
Die Busreisenden befassen sich zwischendurch gerne mit der Historie. Mit der Ruinenstadt Apollonía, einer dorischen Kolonie, beispielsweise. Oder mit der bezaubernd gelegenen Klosteranlage Shën Meri (Heilige Maria) und den beeindruckenden Ausgrabungen des antiken Butrint bei Saranda ganz im Süden des Landes. In jener Region sind die tollsten Strände zu finden, etwa jene in der Gegend von Vlora und Saranda. Weil die Deutschen in Vlora eine Kläranlage gebaut haben und es kaum Industrie gibt, ist das Wasser sauber und kristallklar. Und das Städtchen Saranda erinnert mit seinem Flair an italienische Badeorte der 70er-Jahre. 300 Sonnentage pro Jahr, mediterranes Klima sowie von Pinien beschattete Sand- und Kieselstrände, machen die Gegend zum potenziellen Ferienparadies.

In dieser lauschigen Umgebung schickt sich Jürg Fahrni an, seinen Gästen einen Apéro aufzutischen. Der Bauch des Cars gibt alles her, was es dazu braucht: einen Tisch, Gläser, Sekt, Orangensaft, Salzstangen und Erdnüsse.
Die Reise ist zwar noch nicht zu Ende, doch am nächsten Tag verlässt der Bus Albanien: Es geht zurück in die Schweiz. Auch Reiseleiter Beni verabschiedet sich, denn die nächste Reisegruppe wartet schon auf ihn. Auch diese werden ziemlich sicher zum Schluss kommen: Albanien ist ein Juwel, das man erst zum Glänzen bringen muss.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Eurobus.

DIE TIPPS: Byrek essen, im Europapark übernachten

Anreise: Mit dem Car aus der Schweiz durch Italien, Kroatien und weiter der Adriaküste entlang durch Montenegro bis nach Albanien. Zurück geht es dann per Fähre vom griechischen Igoumenitsa aus nach Ancona. Mit dem Flugzeug beispielsweise mit Austrian Airlines über Wien nach Tirana.

Restaurants:King House, Rruga Dëshmorët e 4 Shkurtit 12, Tirana, Tel. 00355 4 225 55 59, www.king-house.net (hier kann man zahlreiche albanische Gerichte essen, beispielsweise die Teigtaschen Byrek, den Auflauf Fërgesë Tirane und süsse Baklava).
Restaurant Apollonia im Rogner Hotel Europapark, Bulevardi Dëshmorët e Kombit, Tirana, Tel. 00355 4 223 50 35, www.hotel-europapark.com (internationale und einheimische Küche auf der Terrasse).
Restaurant Cocja in der Vila Bekteshi, Rruga Hasan Riza Pasha 33, Shkodër, Tel. 00355 66 666 35 58 (mediterrane Küche).

Übernachtung: Um Hotels muss sich der Busreisende nicht kümmern. Diese Hoteltipps richten sich an Individualreisende.
Rogner Hotel Europapark, Tirana (zentral gelegenes Hotel mit Garten und Pool; in diesem Haus unter österreichischer Leitung trifft sich Wirtschaft und Kultur).
Grand Europa Hotel, Sheshi 2 Prilli, Shkodër, Tel. 00355 22 241 211, www.europagrandhotel.com (witzig eingerichtetes Viersternehotel mit viel rotem Samt, Brokat und Gold).
Hotel Fieri, Rruga Jakov Xoxa, Fier, Tel. 00355 342 22 39, www.hotelfieri.com (schön renoviertes, modernes Hotel).
Carreise: Der Deluxe-Bus ist angenehm bestuhlt (2+1 Sitze in der Breite) und bietet maximal 33 Reisenden Platz. Die elftägige Reise vom 22.9.–2.10.2013 kann bei Eurobus (Tel. 0848 000 212, www.eurobus.ch ) ab 1995 Franken pro Person im Doppelzimmer gebucht werden.

Allgemein: Im Sommer 2013 sollen in Albanien Parlamentswahlen stattfinden. Viele Albaner hegen grosse Hoffnungen, dass mit dieser Wahl die Demokratie an Gewicht zulegt und in Zukunft Korruption und Rechtsmissbrauch gemindert werden. Der Tourismus im Land ist noch wenig entwickelt, doch ist es für Touristen sicher. Sie werden wohlwollend wahrgenommen, aber nicht belästigt. Wer schmuckbehangen herumläuft, erregt Aufsehen und riskiert – wie in anderen Ländern , bestohlen zu werden.

Infos unter www.albaniantourism.com

Autor: Inge Jucker

Fotograf: Franca Pedrazzetti