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29. Februar 2016

Alarm im Kindergarten – sie toben und triezen

Die Klagen der Kindergärten mehren sich: Immer mehr Schützlinge verhalten sich auffällig und stören damitdas Miteinander der Kinder und den Unterricht. Was steckt dahinter, und wie bekommt man die Situation in den Griff?

Alltag im Kindergarten
Die totale Verweigerungshaltung: auch eine der Verhaltensauffälligkeiten, die den Alltag im Kindergarten prägen. (Bild: Getty Images)

Ein Kind schlägt regelmässig zu und reisst andere an den Haaren, eins kann sich morgens nicht von seiner Mutter trennen und schreit eineinhalb Stunden lang, ein weiteres weint täglich, spricht nicht und verweigert alles. Alle Beispiele stammen aus dem Bericht des Kantons Zürich: «Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten im Kindergarten».
Verbindliche Zahlen zu diesem Verhalten gibt es in der Schweiz nicht, nur Beobachtungen und Schätzungen. Aber bei Lehrpersonen und Experten herrscht Einigkeit: Verhaltensauffälligkeiten im Kindergarten haben in letzter Zeit zugenommen – nicht zuletzt seit die Kinder schon mit vier Jahren dort antreten müssen.

Eine Studie aus dem Kanton Bern ortet Risikofaktoren bei der Familie, im Kindergarten und beim Kind selbst. Dazu gehören elterliche Konflikte, Armut, Migrationshintergrund, aber auch Erziehungsdefizite. Ebenfalls nachteilig auswirken können sich zu grosse Gruppen, zu wenig Platz oder zu häufiger Wechsel der Lehrpersonen. Und es gibt angeborene Eigenschaften, die das Verhalten beeinflussen, etwa Ängstlichkeit, Erregbarkeit, geringe Frustrationstoleranz. Meist liegt eine Kombination mehrerer Risikofaktoren vor.

Je nach Kind und Hintergrund muss man anders vorgehen, um Gegensteuer zu geben: Einige brauchen klarere Strukturen, andere mehr Bewegung oder sehr viel Zuspruch. Um all das leisten zu können, fordert etwa Brigitte Fleuti vom Verband Kindergarten Zürich kleinere Klassen und ­generell mehr Ressourcen.

DAS EXPERTENINTERVIEW

Ruth Fritschi (49) ist Geschäftsleitungsmitglied des Schweizer Lehrerverbands
Ruth Fritschi (49) ist Geschäftsleitungsmitglied des Schweizer Lehrerverbands

«Wenn man schwieriges Verhalten nicht angeht, kann es sich zuspitzen»

Ruth Fritschi (49) ist Geschäftsleitungsmitglied des Schweizer Lehrerverbands und zuständig für die Stufe der Vier- bis Achtjährigen.

Ruth Fritschi, seit wann beobachten Sie, dass die Zahl verhaltensauffälliger Kinder in Kindergärten steigt?

Verhaltensauffällige Kinder gab es schon immer. Seit 2008, nach der Einführung des HarmoS-Konkordats, treten die Kinder in den meisten Kantonen bereits mit vier Jahren in den Kindergarten ein. Altersbedingt haben sie weniger Regelbewusstsein und verhalten sich noch sehr ichbezogen. Dies führt je nach Klassenzusammensetzung zu einer hohen Belastung der Kindergartenlehrperson.

Die Zunahme von Problemen ist also eine Folge des Systemwechsels?

Dieser Systemwechsel ist auf gesellschaftliche Veränderungen zurückzuführen: Kinder müssen nach der Schulzeit in der heutigen Leistungsgesellschaft bestehen können, entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Schule. Die Harmonisierung soll auch die Chancengerechtigkeit erhöhen. Nach Abschluss der Volksschule sollen alle Jugendlichen dieselben Grundansprüche erreicht haben. Dadurch ist der Druck auf die Kinder gestiegen.

Dann sind die Kinder eigentlich gar nicht so anders als früher?

Das hat schon was. Man schaut heute einfach professioneller hin, zieht mehr Fachleute bei. Zudem haben Kindergarten und Schule den Auftrag, möglichst alle Kinder vor Ort zu integrieren und individuell zu fördern. Am Ende sollen möglichst alle ihren Weg ins Arbeitsleben finden. Um das zu erreichen, will man schon möglichst früh eingreifen. Aber es hat sich noch etwas grund­legend geändert ...

Nämlich?

Infolge der Globalisierung besuchen heute viel mehr Kinder aus fremden Kulturen den Kindergarten. Und die kommen oft aus ganz anderen Erziehungskulturen, wo kleine Kinder eher verwöhnt werden. Im Kindergarten müssen sie dann plötzlich Dinge leisten, die sie nicht gewohnt sind. Es handelt sich dabei meistens eher um sozioökonomisch belastete Familien.

Das heisst, Probleme gibt es vor allem mit Kindern aus bildungsfernen, eher ärmeren Familien?

Tendenziell ja. Diese Eltern haben oft nicht genug Zeit und Mittel, um ihren Kindern die nötige Qualitätszeit zu geben. Solche Eltern versuchen wir ins Boot zu holen, um gemeinsam mit ihnen Strategien zu entwickeln.

Sind die Eltern denn offen dafür?

Am Anfang ist das oft schwierig. Umso wichtiger ist es, im ersten Kindergartenjahr damit anzufangen. Es braucht oft viel Überzeugungsarbeit und Ausdauer. Weil die Betreuung der Kleinen und die Erziehungsarbeit sehr aufwendig sind, muss genug Personal zur Verfügung stehen, und die Klassen dürfen nicht allzu gross sein. Letztlich geht es darum, mit der Verschiedenheit der Kinder umzugehen.

Welche Präventionsmassnahmen schlagen Sie vor?

Es gibt bereits vorschulische begleitete Spielgruppen oder auch niederschwellige Angebote der Familien­begleitung – die sind nützlich und können Familien etwa helfen, einen geregelten Tagesrhythmus zu finden.

Wie virulent ist das Problem denn nun wirklich?

Die Kantone, die sich schon länger mit dem jüngeren Kind im Kindergarten auseinandergesetzt und die Rahmenbedingungen dafür entsprechend angepasst haben, melden weniger Probleme. Und es ist schwierig zu sagen, wann ein bestimmtes Verhalten zur normalen Entwicklung gehört und wann nicht mehr. Viele Kinder könnte man wohl auch einfach in Ruhe lassen, und es käme von alleine gut. Dennoch: Wenn man schwieriges Verhalten im Kindergarten nicht angeht, kann es sich in den höheren Klassen zuspitzen und zu einer schlechten Schullaufbahn führen. Das gilt es zu verhindern. 

Autor: Andrea Freiermuth, Ralf Kaminski

Fotograf: Andrea Freiermuth