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22. Juli 2013

Åland – Årchipel des Friedens

Eine Sonne, die einfach nicht untergehen will, verlassene Landschaften, unzählige Schiffswracks und gastfreundliche Menschen: Wer einmal die Inselwelt Åland in Südwestfinnland besucht hat, kommt nur noch schwer von ihr weg.

Glada Laxen
Vor der Unterkunft Glada Laxen: Das absolute Freizeitvergnügen ist die Sauna (links im Bild).

DAMIT MAN VOR LAUTER INSELN DAS MEER NOCH SIEHT
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Seit einer Stunde hängt die Sonne gelb leuchtend weit unten am Horizont und spiegelt sich goldorange an der Meeresoberfläche. Es ist schon halb elf abends, doch sie will einfach nicht untergehen. Wir sind auf der Insel Bärö im finnischen Åland, auf etwa 60 Grad nördlicher Breite. Es ist Ende Juni. Um diese Jahreszeit beginnen die Tage zwei Stunden nach Mitternacht und enden kurz davor. Lässt man den Blick über das Meer schweifen, trifft er überall auf mit dichtem Grün überwachsene Inseln. Die meisten sind klein, sehr klein. Auch Bärö hat man in einem stündigen Spaziergang umrundet.

Hotelier Henrik Beckman in seinem Boot.
Hotelier Henrik Beckman ist mit seinem Boot auf dem Weg, um neue Gäste abzuholen und Nachschub für die Küche zu besorgen.

Belebt ist Bärö nur von Juni bis Ende August, wenn das «Glada Laxen» geöffnet ist, unsere Unterkunft mit Restaurant, schwimmender Sauna, Souvenirladen, Bootsanlegestelle und dem Patron Henrik Beckman, der sich um jeden Wunsch seiner Gäste persönlich kümmert. Auch um unsere: Er begleitet uns nach Engklinge, wo wir im einstigen Bauernweiler in die Vergangenheit des hiesigen Landlebens eintauchen. Er fährt uns mit dem Boot nach Kumlinge, die mit 212 Einwohnern belebteste Insel. Dieser abgelegene Ort war einst ein wichtiger Schauplatz der Weltgeschichte: 1808 eroberten die Russen den Archipel, der damals noch zum schwedischen
Königreich gehörte, und machten ihn zu einem wichtigen Stützpunkt des Zarenreichs.

Man lebt gut in einer von der Welt abgeschiedenen Region

Heute ist die Inselwelt Teil von Finnland und hat als autonome Region eine von der Weltpolitik abgeschiedene, aber gute Existenz. Es gibt hier 27'000 Einwohner und fast so viele Inseln. Wenn im September Kälte und Dunkelheit kommen, verlässt Henrik seine Pension Glada Laxen auf Bärö und geht nach Hause zurück auf die grösste Insel im Westen, wo der Grossteil der Ålander lebt und auch der Hauptort Mariehamn liegt.

Fabienne Fricker vor dem historischen Grosssegler «Pommern» in Mariehamn.
Fabienne Fricker vor dem historischen Grosssegler «Pommern» in Mariehamn. Der über 110-jährige Viermaster – er ist heute ein Museum – segelte einst als Frachtschiff über die Weltmeere.

Hier treffen wir die Basel-Landschäftlerin Fabienne Fricker (35) aus Frenkendorf. Vor 15 Jahren kam sie als Au-pair hierher. «Nach der Lehre als Lageristin wollte ich aus Basel wegkommen und etwas Neues erleben.» Für die leidenschaftliche Unihockeyspielerin war damals nur eines wichtig: dass sie ihren Sport ausüben kann. Sie kannte einige Spielerinnen aus Mariehamn, es gab hier eine gute, ambitionierte Mannschaft — der perfekte Ort für sie. Fabienne war damals 20 und wollte ein Jahr bleiben. Doch schon bald hatte sie sich in diesen Flecken Erde im Norden Europas verliebt, in diese Welt, wo alles ein bisschen anders tickt, die Natur weit und wild ist, das Leben gemütlich, die Menschen gastfreundlich und unkompliziert. «Ich fühlte mich von Anfang an zu Hause.» Sie blieb. Wenn Fabienne erzählt, liegt der gemütliche Singsang des Schwedischen in ihren Worten. Sie spricht die Sprache perfekt — das muss sie auch. Denn sie arbeitet als Pflegerin in einem Altersheim und hat vor, sich in absehbarer Zukunft zur Krankenschwester weiterzubilden.

Gruppe Velofahrer auf den Schären
Velotouren sind auf den Schären beliebt: Eine Gruppe Ausflügler wartet auf die nächste Fähre von Kumlinge nach Vårdö.

Vor fünf Jahren hat sie sich einen Traum verwirklicht: ein Stück Land und ein eigenes Haus in Kroklund, rund 20 Kilometer nördlich von Mariehamn. Hier wohnt sie mit ihrer Freundin. Ihr Holzhaus sieht aus wie viele hier: gelb bemalte Fassade, weisse Fenster- und Türrahmen. Ringsum hat es viel Grün, der Strand liegt in unmittelbarer Nähe, Nachbarn sind rar. Wenn sie nach Mariehamn geht, sagt sie: «Ich fahre in die Stadt. Sind Schweizer Freunde auf Besuch, lachen sie immer.» Zu Recht: Nur 10'000 Einwohner leben in Mariehamn, jeder kennt jeden. «Aber obwohl alle alles wissen, wirst du in Ruhe gelassen. Die Menschen hier sind Individualisten», erzählt Fabienne Fricker. Nur etwas hat ihr am Anfang Mühe bereitet: «Hier duzen sich alle. Ich fand es unhöflich, auch ältere Leute mit Du anzusprechen.»

Auf den Inseln ist man sehr direkt – Seemannssprache halt

Mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt, viele Leute schätzen die Höflichkeit der Schweizerin. Oft sind sich die Ålander anderes gewohnt: «Man ist hier direkt, manchmal aber auch etwas schroff und ruppig.» — Seemannssprache halt. Fabienne Fricker macht es nichts aus, dass es hier kein Kino gibt, kein grosses Einkaufszentrum und dass sie für grössere Anschaffungen per Fähre nach Stockholm oder Helsinki fahren muss. Fragt man sie, ob ihr manchmal etwas fehlt, überlegt sie lange. «Schweizer Käse, Basler Brot, Kalbsbratwurst», ist ihre Antwort. Und: «Im Winterhalbjahr manchmal die Sonne.»

Der Finnische Archipel mit seiner Küstenlandschaft
Der Weg durch den finnischen Archipel war einst eine wichtige Handelsroute. Auf dem Meeresgrund liegen Hunderte Schiffswracks.
Mann, der aus der Fähre «Kumlinge» etwas auslädt.
Hauptverkehrsmittel zwischen den Inseln des Archipels: Die Fähre «Kumlinge» öffnet ihren Bauch wie ein grosses Maul.

Nur ein Mal hat sie die insulare Abgeschiedenheit und das Meer verwünscht; als sie für ein Spiel mit ihrer Unihockeymannschaft nach Helsinki gefahren ist: Es war Winter, das Wetter stürmisch. Die Fahrt ging über Nacht, dauerte über zehn Stunden. Bevor sie und ihre Mannschaftskolleginnen ins Bett gingen, schauten sie zusammen «Titanic» — ausgerechnet. Ein Fehler! Ihre Kabine lag unterhalb der Wasserlinie, die Eisschollen schlugen die ganze Zeit an die Schiffswand, dröhnten, es schaukelte ununterbrochen, und die Wellen waren so hoch, dass sie mehrmals beinahe aus dem Bett fiel. «Ich habe kein Auge zugetan», sagt Fabienne heute lachend. Ihre Erleichterung war unbeschreiblich gross, als sie am nächsten Morgen heil Helsinki erreichten.

Ähnlich muss es den zahlreichen Seefahrern ergangen sein, die in den vergangenen Jahrhunderten den Archipel durchquert haben. Nicht wenige Schiffe haben in dieser unberechenbaren See Schiffbruch erlitten: Auf dem Meeresgrund liegen heute schätzungsweise 1800 Wracks, deren 600 sind bekannt.

Die einstigen Katastrophen sind das Glück heutiger Schatzsucher — Åland ist ein Paradies für Wracktaucher. Einer, der dieses Hobby mit Leidenschaft betreibt, ist Christian Ekström (34). Vor drei Jahren hat er einen Jahrhundertfund gemacht: Zusammen mit seinen Taucherfreunden ist er auf ein Schiff gestossen, das mit Bier und Champagner beladen war. Als sie die erste Flasche des französischen Schaumweins öffneten, war die Überraschung riesig. Der Champagner schmeckte richtig gut: 200 Jahre bei 5 Grad in 50 Meter Meerestiefe — die perfekte Lagerung für die edlen Tropfen. Eine einzige Flasche ist mehrere 1000 Franken wert. Doch Christian wurde nicht reich damit — die Fundstücke sind älter als 100 Jahre und gehören somit dem Staat.

Wracktaucher Christian Ekström vor seiner Brauerei
Wracktaucher Christian Ekström fand ein Wrack voller Champagner. Er selber bevorzugt Bier: In seiner Brauerei braut er 18 Sorten.

Sein Geld verdient Christian nach wie vor mit seiner Bierbrauerei in Stallhagen, die er vor elf Jahren gegründet hat. Heute braut er 18 verschiedene Sorten und ist ständig daran, die Geschmacksrichtungen weiterzuentwickeln. Mittlerweile produziert er fast eine halbe Million Liter Bier pro Jahr, Tendenz steigend. Er ist einer der wenigen, die sich mit lokaler Lebensmittelproduktion ihr Leben verdienen. War früher fast jeder Bewohner Fischer oder Bauer, arbeiten heute viele Ålander im Tourismus oder für die Fähren, die täglich zweimal nach Stockholm und Helsinki fahren.

Ein stolzer Viermaster erzählt im Hafen von der grossen alten Zeit

Heute erinnern nur noch Überbleibsel an die weltgeschichtliche Bedeutung von Åland als Handelsstützpunkt und Schiffsbaunation. Im Hafen von Mariehamn ankert der stolzer Viermaster «Pommern», der Reisen um den halben Globus durchgeführt hat und heute als Museum von der alten Zeit erzählt. Fabienne Fricker liebt dieses Schiff: «Ich komme immer wieder hierher», sagt sie. Mit Besuch aus der Schweiz oder einfach so bei schönem Wetter. Vielleicht das nächste Mal sogar auf dem Wasserweg. Denn sie hat vor, sich einen weiteren Traum zu verwirklichen: ein eigenes Motorboot.

Die Recherche wurden unterstützt von Visit Finland, www.visitfinland.com

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Jorma Müller