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06. Januar 2014

Akrobat schööön

Nein, mir müssen Sie nicht kommen! Ich habe mir nämlich vorgenommen, mir diesmal nichts vorzunehmen, und Vorsatz bleibt Vorsatz. Wenn Sie diese Zeilen lesen, war ich im neuen Jahr bereits einmal im Fitness, aber nicht, weil ich mich dazu gezwungen hätte wie all die anderen, die jeweils in den ersten drei Januarwochen die Fitnessstudios übervölkern, sondern aus purer Lust. Den Jahreswechsel habe ich nämlich ignoriert. Das hatte ich mir … also, Dings … nicht direkt vorgenommen. Aber ich hatte es schon ein bisschen ins Auge gefasst: Keine übertriebenen Erwartungen, schon gar nicht an mich selbst!

… indem er das linke Bein über die Lenkstange schwang.

Keine Zielsetzungen à la «9 Kilos runter», «mit der Steuererklärung nicht wieder bis Ende November zuwarten», «mehr Schlaf» und «Wäsche immer gleichentags bügeln», überhaupt den Übergang vom alten zum sogenannt neuen Jahr nicht überbewerten, denn in den letzten Jahren hatte mich stets irgendwann zwischen Kinderchampagner und mitternächtlichem Glockenschlag eine fiese Wehmut beschlichen, die dann am Neujahrsmorgen in Griesgrämigkeit umschlug. Und schuld war im Fall nicht der echte Champagner. Nein, die Verstimmung rührte daher, dass ich mich nicht bereit fühlte für das Grosse, Neue, Anzupackende, mich stresste mit all den Dingen, die ich nun besser machen wollte, und noch mehr mit all dem, das ich vor Silvester in Ordnung hätte bringen sollen … Hatte ich nicht meine Mailbox bis auf «null Unbeantwortete» senken, unseren Keller aufräumen und endlich den Humphrey anrufen wollen …?

Meine Übellaunigkeit führte einzig dazu, dass ich den befreundeten Familien, mit denen wir jeweils in die Berge fahren, den Tag versaute. Demnach keine Vorsätze, heuer. Vorsätze sind eh für die Füchse. Haben wir nicht an der Verwandtenweihnacht über genau diejenigen Themen gesprochen, von denen wir uns geschworen hatten, sie zu meiden, um niemandem zu nahe zu treten: den Gripen, die Kantonsrivalität zwischen FC Thun und BSC Young Boys, die Landeskirche, Pyro-Fackeln in Fankurven? Okay, das führte dann immerhin zum einvernehmlich faulen Deal zwischen Schwager und Neffe, dass der eine versprach, das verschärfte Hooligankonkordat abzulehnen, wenn der andere dafür dem Kauf des Gripen zustimme.

Velo-Lenkstange, fotografiert bei voller Fahrt.
«… indem er das linke Bein über die Lenkstange schwang.»

Und der Schwiegerätti trumpfte unterm Tannenbaum mit dem Vorsatz auf, künftig das Velofahren bleiben zu lassen. Nun, gut, er geht im Zweiundachtzigsten, der Verzicht wäre zu respektieren. Aber seine Begründung machte uns stutzig: Es habe ihn drum «’tischet» beim Versuch, vom Rad zu steigen, indem er das linke Bein wie immer über die Lenkstange geschwungen hätte. (Auf dem Gepäckträger habe er ja stets sein Körbli, und darüber lasse sich kein Bein schwingen.) Alle waren baff. Heiterkeit kam erst auf, als er nachschob, weshalb er genau gestürzt sei: Er hätte vergessen, dass er die schweren Schuhe getragen habe und den Schwung daher falsch berechnet. Sonst habe es nämlich immer geklappt. Mein Tipp an den lieben Schwiegervater ist, er solle weiterhin Velo fahren, aber weniger akrobatisch absteigen. Denn das Bein in voller Fahrt über den Lenker schwingen und dabei nicht auf die Schnauze fallen, das gelingt auch einem 48-Jährigen in federleichten Turnschuhen nicht. Ich habs ausprobiert. Nur hatte ich mir vorgenommen, es Ihnen nicht zu erzählen.

Bänz Friedli live: 9. 1. Baar ZG, 10. 1. Amriswil TG, 11. 1. Grenchen SO, 12. 1. Mühlethurnen BE.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli