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22. Juli 2013

Airbnb: Die Welt zu Gast bei Freunden

Bei Airbnb ist es, als besuche man gute Freunde irgendwo auf der Welt. Man logiert in einem Zimmer oder Gästehaus und isst gemeinsam mit dem Vermieter. Das Übernachten bei Privaten boomt, das Angebot nimmt stetig zu. Allein in der Schweiz gibt es rund 4000 Gastgeber. Zum Beispiel Roland Rosset aus Sarnen oder Jeremie Maret aus Zürich.

Roland Rosset und Claudia Tolusso
 vor ihrem Haus
Roland Rosset und Claudia Tolusso
 leben in einem 
Sieben-Zimmer-Einfamilienhaus am Sarnersee.
Roland Rosset im Garten mit Gästen aus dem Ausland
Die Begegnungen mit anderen Kulturen gehören für Gastgeber Roland Rosset zu den Höhepunkten.

Roland Rosset (56) und Claudia Tolusso (42)

Wenn Saudis im Pyjama in der eigenen Küche stehen

Roland Rosset (56) und seine Freundin Claudia Tolusso (42) leben in einem Sieben-Zimmer-Einfamilienhaus am Sarnersee. Rosset, einst Mitglied der Ruder-Nationalmannschaft und heute Marktforscher, liess das Traumhaus mit viel Umschwung vor fünf Jahren mit seiner damaligen Frau bauen. Dann kam es zur Scheidung und einem neuen Job. «Eines Tages sah ich auf Facebook eine Anzeige, man könne im Schlaf Geld verdienen. So wurde ich auf Airbnb aufmerksam», sagt er. Innerhalb einer Stunde lud er das Profil seines Hauses bei Airbnb hoch, und «schon zwei Wochen später, in der ersten Augustwoche 2011, hatten wir einen Amerikaner mit seiner chinesischen Freundin zu Besuch». Die zweiten Gäste waren eine fünfköpfige Familie aus Pakistan. Sie schätzten die zentrale Lage zwischen Interlaken und Zürich.

Airbnb-Angebot von Alicia Mourgue d'Algue in Midtown
Das exklusive Airbnb-Angebot von Alicia Mourgue d'Algue in Midtown New York.

MIT AIRBNB DIE WOHNUNG FINANZIEREN
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Claudia Tolusso, freischaffende Bühnenbildnerin und neue Partnerin von Roland Rosset, erzählt begeistert von den Erfahrungen mit den Besuchern aus aller Welt: «Ich lebte vier Jahre in Neuseeland und finde es toll, so viele Nationen erleben zu dürfen.» Einmal erhielt das Paar eine Anfrage von fünf Saudi-Arabern aus Paris. Tolusso sagte, sie könne aus beruflichen Gründen erst morgens um 1 Uhr im Haus sein. Die Saudis holten den Hausschlüssel bei den Nachbarn ab, und als Claudia Tolusso nach Hause kam, traf sie in der Küche auf die Gäste. Sie standen mit langen Bärten und noch viel längeren Pyjamas in ihrer Küche. «Wir begegneten uns mit beidseitiger Offenheit», sagt sie. Immer wieder komme es zudem vor, dass sie von Gästen in ihrer eigenen Küche zum Nachtessen eingeladen werde.

Schlafen mit Sicht auf den Sarnersee: Die Idylle und die zentrale Lage kommt bei den Gästen gut an.
Schlafen mit Sicht auf den Sarnersee: Die Idylle und die zentrale Lage kommt bei den Gästen gut an.

«Dank unserer Preise ziehen wir interessante und kultivierte Leute an», ergänzt Roland Rosset. 150 bis 250 Franken kostet die Nacht für zwei Personen, je nach Saison und ohne Frühstück. Allerdings gebe es hin und wieder Besucher, die Abfall herumliegen liessen, weil sie glaubten, Bedienstete würden diesen aufräumen. Nach zwei Jahren und rund 70 Airbnb-Buchungen zieht das Paar trotzdem eine positive Bilanz: «Wenn wir auf Reisen sind, bewohnt jemand unser Haus. Das bietet uns grössere Freiheit und Sicherheit. Zudem kommt der finanzielle Zustupf gelegen.»

Jeremie Maret (links) und Lenny Staples vor ihrer einen Unterkunft, einem alten Peugeot.
Jeremie Maret (links) und Lenny Staples vor ihrer einen Unterkunft, einem alten Peugeot.

Lenny Staples und Jeremie Maret, Zürich

Mit den Einnahmen werden Ausstellungen finanziert

Ein Peugeot J7 mit Jahrgang 1977 oder eine Galerie: Wer bei den Jugendfreunden Lenny Staples und Jeremie Maret (beide 30) im Zürcher Stadtkreis Wiedikon übernachtet, staunt. Ihre originellen Wohnungseinheiten, die sie «The Proposal: Residence in Art» nennen, befinden sich in einem Hinterhof. Jeremie erklärt: «Wir sind eine Kunstgalerie und vermitteln Kunst auf eine andere Art.» Das fängt damit an, dass die Gäste in der Galerie übernachten. Auf Wunsch wird eine beige Plastikpuppe aufgeblasen, die Manuel Uribe, den schwersten Menschen der Welt, darstellt. «Too Fat To Fail» heisst sie. «Alle Gäste, die übernachten, sind so gleichzeitig Besucher. Es kommt zu einem Austausch zwischen Touristen und Galeriebesuchern», sagt Jeremie. Der in Basel geborene Künstler, der die Zürcher Hochschule der Künste besucht hat, mietet das Atelier seit fünf Jahren und schläft dort, wenn keine Buchungen vorliegen. Übernachten Gäste, schläft er bei Freunden.

Aufgeblasene Plastikpuppe «Too Fat To Fail»
Auf Wunsch blasen Lenny Staples und Jeremie Maret die Plastikpuppe «Too Fat To Fail», die in der Galerie steht, auf.

80 Prozent der Kunden von Lenny und Jeremie reisen aus dem Ausland an. Mit den Einnahmen aus den Buchungen finanzieren die beiden Männer Ausstellungen; Ende August steht eine neue an.

Lenny ist in Freiburg geboren und aufgewachsen und nach der Internationalen Schule für Touristik in Zürich «vor acht Jahren ins Hotelgeschäft gerutscht», wie er sagt. Nachdem er ein Jahr lang ein Bed&Breakfast in New York geleitet hat und danach im Zürcher Hotel Europe die Rezeption, ist er heute Betriebsleiter des Hotels Rothaus an der Langstrasse. Entsprechend kümmert er sich auch um die Buchungen der Galerie und das Frühstück der Gäste. 200 Franken kostet die Übernachtung für zwei Personen.

Schlafplatz in der Galerie.
Schlafen in der Galerie kostet 100 Franken pro Nacht und Person.

Lenny und Jeremie bieten ihren Gästen viele Extras: Einmal unternahmen sie mit einer jungen Frau aus Hongkong eine Schlauchboottour auf der Limmat bis nach Dietikon ZH. Mit einem Paar aus Malaysia, das seine Flitterwochen in Europa verbrachte, gingen sie an ein Festival mit alternativer Musik. Jeremie sagt: «Wir profitieren von interessanten Gesprächen mit jungen Leuten, die wissen wollen, wie man als Künstler lebt.» Je länger die Gäste bei ihnen wohnen würden, desto offener seien sie. «Anfangs sind die Besucher scheu, und am Schluss werden wir bei der Verabschiedung umarmt. Das ist das schönste.»

Isabelle und Jay Wallace auf dem Sofa
Isabelle und Jay Wallace in ihrem Haus in Brooklyn. Sie sind seit Oktober 2012 bei Airbnb dabei und froh, dass die zu vermietenden Zimmer durch eine Haftpflichtversicherung geschützt sind.

Isabelle und Jay Wallace, Brooklyn/New York

Den New Yorker Hotels ist Airbnb ein Dorn im Auge

Isabelle Wallace (38) wechselte zwischen den Kontinenten. Geboren wurde sie in Dallas. Sie lebte schon in London, Genf, Frankreich, und seit 1998 ist New York ihr Zuhause. Die Rechtsanwältin wohnte zuerst in Manhattans East Village, dann in der Upper West Side und nunmehr seit neun Jahren im nördlichsten Brooklyner Stadtteil Greenpoint. Dort hat sie zusammen mit ihrem Mann Jay (39), Gitarrist und Rock-Folk-Sänger, ein Haus gekauft.

Das Ehepaar vermietet auf zwei Stockwerken drei Schlafzimmer mit einem grossen Wohn- und Esszimmer. Isabelle Wallace lebt bewusst in einem grossen Haus, um Platz zu haben, wenn Verwandte oder Bekannte zu Besuch kommen. Letzten Sommer hat sie erstmals Touristen einquartiert. «Airbnb ist wunderbar, weil wir in der Zeit zwischen den Besuchen die Zimmer an Fremde vermieten können.» Allerdings ist die Online-Plattform nun in New York unter Druck geraten, weil die dortige Hotellobby erwirkt hat, dass das Verbot von privater Untervermietung verschärft wird, wobei das schwer zu kontrollieren ist. Wallace hat Glück: Als Hausbesitzerin betrifft sie das ohnehin nicht.

Die Französin Claire Billard auf dem Bett mit einem Mac-Laptop
Die Französin Claire Billard buchte über Airbnb ein Zimmer 
im zweiten Stock des Hauses von Isabelle Wallace.

«Unter den Airbnb-Gästen habe ich viele interessante Menschen kennengelernt», sagt sie. Sie helfe den Touristen, das Gepäck hochzutragen, und händige ihnen eine Adressliste aus für Bagels, Restaurants, Einkaufszentren, Apotheken, Buchläden, Tätowierungsstudios oder Bioläden.

Nachdem der Hurrikan Sandy Ende Oktober 2012 über New York getobt und einen Teil des Dachs des Wallace-Anwesens mitgerissen hatte, beherbergte das Paar gratis Helfer, die sich um die Obdachlosen kümmerten. «So haben wir dazu beigetragen, dass sich der New Yorker Alltag schneller normalisiert», sagt Isabelle, die vor einem Jahr Mutter geworden ist. Familie Wallace reist jedes Jahr in die Schweiz und geniesst die Ruhe — in der Stadt Genf.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Katja Heinemann, Franca Pedrazzetti