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18. Mai 2015

Rendez-vous mit der Vergangenheit

Ahnentourismus liegt im Trend. Auch die Amerikanerinnen Laurie Burke und Sue Voss wollen die Heimat ihrer Vorfahren kennenlernen. Im Bündner Bergdorf Mathon treffen sie auf die Geschwister Peter und Susanna Janett, mit denen sie über viele Ecken verwandt sind. Rechts Software-Tipps für Ahnenforscher.

Sue Voss (l.) und Laurie Burke
Sue Voss (l.) und Laurie Burke treffen in Mathon ein, wo ihre Vorfahren aufgewachsen sind.

Laurie Burke (62) atmet tief durch. Sie drückt auf die Klingel und tritt ein paar Schritte zurück. Gemeinsam mit ihrer Cousine Sue Voss (72) wartet sie darauf, dass sich die Tür öffnet. Die beiden sind voller Vorfreude, aufgeregt – aber auch etwas unsicher.
In den letzten fünf Jahren haben die US-Amerikanerinnen auf diesen Moment hingearbeitet. Sie haben die Tagebücher ihrer Vorfahren entziffert, Passagierdaten von Überseeschiffen durchforstet und in Gemeindearchiven gestöbert. So fanden sie heraus, dass ihre Ur-Ur-Urgrossmutter Menga Janett hiess, 1860 in Wisconsin heiratete und aus Mathon GR stammte. Nun stehen die Ahnenforscherinnen in eigener Sache vor dem Haus von Peter Janett (60), einem entfernten Verwandten.

Die Umgebung muss für die Nachwelt festgehalten werden
Die Umgebung muss für die Nachwelt festgehalten werden.

«Als wir den Flug buchten, wussten wir noch nichts von Peter. Wir dachten, wir würden einfach in die Schweiz kommen, das Dorf besuchen und so auf den Spuren unserer Vorfahren wandeln», erzählt Laurie. Dann aber seien sie bei einer Google-Suche auf Erwin Fässler (55) gestossen, der sich mit seiner Firma Erwin Tours of Switzerland auf personalisierte Touren für ausländische Gäste spezialisiert hat.
«Ich war gleich begeistert von diesem Auftrag», sagt Tourguide Fässler. Er sei nach Mathon gereist, habe im Schamser 51-Seelen-Dorf nach Leuten mit dem Nachnamen Janett gefragt – und wurde an Peter Janett verwiesen.

Small Talk statt Emotionen

Die Tür geht auf. Ins Freie tritt jener Mann, den sich Laurie und Sue immer wieder vorzustellen versuchten, seit sie von seiner Existenz erfahren hatten. Ihr Cousin entfernten Grades hat raspelkurze Haare, ein sonnengegerbtes Gesicht und stahlblaue ­Augen. Ihm zur Seite steht seine Schwester Susanna (52), die extra aus Biel BE angereist ist, um beim Treffen dabei zu sein.
Man gibt sich die Hand, stellt sich vor. Alle lächeln. Susanna erkundigt sich, wie die Reise war, die Cousinen schwärmen von der Landschaft, und schon bald spricht man über das Wetter. Es wird noch eine Weile dauern, bis die beiden Parteien warm miteinander werden.

Menga Janett verliess die Schweiz 1857 im Alter von 28 Jahren. In Le Havre bestieg sie das Segelschiff «William Frothingham». Und zwar gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter in spe und deren Töchtern. Ihr zukünftiger Mann, Johann Anton Brem, der aus Thusis GR stammte, war schon drei Jahre zuvor ausgewandert. Diese Hintergründe, die darauf schliessen lassen, dass die Eheleute sich schon vor ihrer Heirat in der neuen Heimat gekannt hatten, erfuhren die beiden Cousinen erst in der Schweiz. Erwin Fässler entdeckte während seiner Recherche das Buch «Hier hört man keine Glocken. Geschichte der Schamser Auswanderung nach Amerika und Australien» von Peter Michael-Caflisch. Darin wird Menga Janett als Nummer 348 im Anhang aufgeführt.

Warum die Verlobten auswandern wollten, bleibt unklar. Vielleicht war es wirtschaftliche Not. Die kleine Eiszeit endete erst Mitte des 19. Jahrhunderts. In den Bergen lebte man in ständiger Sorge vor schlechten Sommern und wachsenden Gletschern. Gleichzeitig bauten immer mehr Bauern aus Amerika importierte Kartoffeln an, wodurch vermutlich mehr Kinder überlebten, für die es nach der Erbteilung wiederum zu wenig Land gab.

Das Grab der Urahnen
Das Grab der Urahnen wird fürs Familienalbum fotografiert.

Eine andere These ist, dass die Erfolgsgeschichten aus der Neuen Welt Nachahmer anlockten. Zwischen 1845 und 1930 sind laut Ahnenforscher und Autor Michael-Caflisch über 843 Schamser in die USA und nach Australien ausgewandert. Gesamtschweizerisch geht man in diesem Zeitraum von rund einer Viertelmillion Emigranten aus. Zahlen, die Jungunternehmer Fässler als grosses Potenzial betrachtet, sowohl für sein Geschäft wie auch für den Schweizer Tourismus im Allgemeinen: «All diese Leute haben Nachfahren – und viele davon wollen ihre Wurzeln und wenn möglich ihre Verwandten in der alten Welt kennenlernen.»

Ahnenforschung kann süchtig machen

Das glauben auch seine ersten Kunden in Sachen Ahnentourismus: «Genealogie ist ein grosses Ding in den USA. Auf mehreren TV- Sendern laufen Formate, bei denen Prominente auf der Ahnensuche mit der Kamera begleitet werden», sagt Sue. Das mache neugierig auf die eigene Familiengeschichte. Zudem seien heute mit dem Internet Recherchen möglich, die früher mit grossem Aufwand verbunden waren. «Viele Archive sind in den letzten Jahren digitalisiert worden. Statt Flugkilometer und Bibliotheksbesuche benötigt man nur noch ein paar Klicks, um an neue Informationen zu kommen.» Laurie ergänzt: «Ahnenforschung kann süchtig machen. Wir haben Sudoku aufgegeben.»

In Mathon haben die Amerikanerinnen mit ihrer Begeisterung für die Ahnenforschung auch einen Draht zu ihren Schweizer Verwandten gefunden: Schon der inzwischen verstorbene Vater von Peter und Susanna hatte sich für seine Vorfahren interessiert und einen Stammbaum bis zurück ins 16. Jahrhundert zusammengestellt. Darauf taucht auch die Ur-Ur-Urgrossmutter von Laurie und Sue auf. Auf dem Gang durch das Dorf zum Familiengrab der Janetts entdecken die ungleichen Paare noch eine weitere Parallele: Susannas und Peters Eltern führten eine Apotheke, Laurie hat Pharmazie studiert und arbeitet heute in der Forschung.

Spätestens beim Mittagessen in Peters Haus, in dem einst vielleicht auch Menga Janett ein und aus ging, ist die Stimmung entspannt. Die Amerikanerinnen kosten genüsslich vom für sie ungewohnt rezenten Käse, loben das Bündnerfleisch und erzählen von ihrer Familiengeschichte.
Laurie hat nach einem Glas Wein sogar Tränen in den Augen und sagt mit gebrochener Stimme: «Ich habe das Gefühl, Menga schaut zu mir hinunter – und freut sich, dass wir uns gefunden haben.» 

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Samuel Trümpy