Archiv
13. August 2012

«Afrika Gentech zu verbieten ist kriminell»

Die afrikanische Landwirtschaft stagniert, die Bevölkerung explodiert, und die Preise für Nahrungsmittel steigen. Der britische Ökonom und Afrika-Spezialist Paul Collier erklärt, warum angesichts der sich anbahnenden Hungertragödie Gentechnologie und industrielle Landwirtschaft dringend nach Afrika exportiert werden müssen.

Paul Collier
Der britische Ökonom und Afrika-Spezialist Paul Collier: «Man muss ein Elend nicht verursacht haben um mitzuhelfen dagegen anzukämpfen.»

Paul Collier (63) ist Professor für Ökonomie an der Universität Oxford. Er forscht seit vielen Jahren über die ärmsten Länder der Erde und untersucht den Zusammenhang zwischen Armut, Umwelt und Kriegen. Sein 2008 erschienenes Buch «Die unterste Milliarde» gilt bereits als Klassiker in der Entwicklungsökonomie. Sein jüngstes Buch «Der hungrige Planet» handelt von den wirtschaftlichen Problemen Afrikas. Paul Collier ist verheiratet und hat drei Kinder.

Paul Collier, wir sind hier in Paris, der Stadt der Gourmets. Was bedeutet Ihnen Essen?

Ich lebe teilweise in Frankreich und verehre die französische Küche. Als verantwortungsbewusster Vater versuche ich, auch meinen Sohn mit dieser Begeisterung anzustecken. Deshalb war es ein herber Rückschlag, als er mir kürzlich verriet, das sein grösstes kulturelles Erlebnis in Frankreich der Besuch in Disneyland war.

Als Spezialist für Afrika wissen Sie auch, was Mangel an Lebensmitteln bedeutet.

Unterernährte Kinder werden zu Krüppeln, geistig und körperlich.

Haben Sie deswegen afrikanische Kinder adoptiert?

Ja, deshalb weiss ich aus eigener Erfahrung, welche Folgen eine Lebensmittelkrise haben kann.

Wie viele Kinder haben Sie?

Wir haben einen elfjährigen Sohn als unser natürliches Kind und einen fünfjährigen Sohn und eine vierjährige Tochter, die wir adoptiert haben — und alle drei sind wunderbar.

Angesichts der Folgen von Hunger kommen Sie zu radikalen Schlüssen. Sie sagen: Biologische Landwirtschaft für Afrika ist Romantik, die wir uns nicht leisten können.

Wir müssen anerkennen, dass die sich rasch verschlimmernde Lebensmittelkrise eine Folge von steigender Nachfrage ist. In Asien steigen die Einkommen stark, und die Menschen beginnen, besser zu essen, vor allem mehr Fleisch. Rinder fressen sehr viel Getreide. Deshalb gibt es letztlich nur zwei Möglichkeiten, wie die steigende Nachfrage in Asien befriedigt werden kann: Entweder essen die Kinder in Afrika noch weniger, oder wir produzieren viel mehr Lebensmittel.

Afrika ist ein fruchtbares Land. Warum kann sich der Kontinent nicht selbst ernähren?

Paul Collier im Gespräch mit Journalist Philipp Löpfe im Hotel D’Angleterre in Paris.
Paul Collier im Gespräch mit Journalist Philipp Löpfe im Hotel D’Angleterre in Paris.

Stagnierende Produktivität der Landwirtschaft, Klimaerwärmung und eine rasch wachsende Bevölkerung: Das ist ein Rezept für eine Katastrophe.

Absolut. Wir müssen dringend etwas dagegen unternehmen.

Was?

Zwei Dinge müssen getan werden: Wir müssen Pflanzen besser anbauen, und wir müssen von der kleinbäuerlichen Produktionsweise der Landwirtschaft wegkommen. Das bedeutet zwingend, dass wir die Gentechnologie und industrielle Landwirtschaft nach Afrika bringen müssen.

Gentech als Wunderwaffe gegen den Hunger in Afrika?

Gentech ist nicht die Lösung des Welthungerproblems. Aber sie ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dank Gentech können wir widerstandsfähigere Pflanzen züchten, die auch unter trockeneren Bedingungen gedeihen. Dank Gentech können wir Pflanzen züchten, die sich gegen ihre Schädlinge selbst verteidigen können und keinen massiven Einsatz von Chemie erfordern.

Wer hindert Afrika daran, Gentech einzusetzen?

Afrika ist intellektuell immer noch sehr stark von Europa beeinflusst, und Europa verbietet Gentech-Nahrung. Wir alle wissen, warum.

Weil die Menschen Angst vor Frankenstein-Essen haben?

Es hat überhaupt nichts mit Gesundheit zu tun. Es geht um die wirtschaftlichen Interessen der europäischen Landwirtschaft. Mit anderen Worten: Es handelt sich um nackten Protektionismus, gewürzt mit einer Prise Antiamerikanismus. Afrika trägt derzeit ein sehr reales Risiko. Es besteht die Gefahr, dass Millionen Kinder wegen Hunger verkrüppeln. Demgegenüber steht das eingebildete Risiko der Europäer von Frankenstein-Food. Das ist doch absurd.

Afrika ist intellektuell immer noch stark von Europa beeinflusst.

Es gibt auch die rationale, wirtschaftliche Überlegung, die sagt: Biolandwirtschaft ist genauso effektiv wie industrielle Landwirtschaft und produziert gleichzeitig gesündere Nahrung.

Selbst wenn Gentech wirtschaftlich keinen Sinn machen würde, gäbe es keinen Grund, sie zu verbieten. Aber Gentech ist wirtschaftlich gesehen sehr sinnvoll. Weil Europa darauf verzichtet, ist die Produktivität der europäischen Getreidelandwirtschaft hinter die amerikanische zurückgefallen. Wir wissen, dass in Afrika eine Entwicklung hin zu mehr industrieller Landwirtschaft die Produktivität deutlich erhöhen würde. Der Wunsch, in Afrika kleinbäuerliche Strukturen zu erhalten, entspringt einer Abneigung des europäischen Bildungsbürgertums gegen den Kommerz. Uns selbst würden wir dies niemals antun.

In Ihrem Buch bezeichnen Sie diese Haltung gar als kriminell.

Ja, dazu stehe ich.

Aber nochmals: Es gibt inzwischen eine Reihe von anerkannten Ernährungswissenschaftern, die sagen: Wir brauchen keine industrielle Landwirtschaft. Eine ordentliche Biolandwirtschaft ist genausoso gut.

Ich habe gar nichts gegen Biolandwirtschaft. Ich verstehe bloss nicht, weshalb man die Alternativen unterdrücken will.» Paul Collier, britischer Ökonom und Afrika-Spezialist.
Ich habe gar nichts gegen Biolandwirtschaft. Ich verstehe bloss nicht, weshalb man die Alternativen unterdrücken will.» Paul Collier, britischer Ökonom und Afrika-Spezialist.

Afrika könnte ein gewichtiger Nahrungsmittelexporteur sein.

Brasilien gilt auch als Prototyp eines Landes, das im Interesse der landwirtschaftlichen Produktivität rücksichtslos seine Umwelt zerstört.

Es geht darum, ein sinnvolles Gleichgewicht zwischen der Erhaltung unserer Umwelt und einer ausreichenden Produktion von Nahrungsmitteln zu finden. Europa ist ebenfalls kein Naturreservat, sonst würden wir nicht hier sitzen. Vor ein paar tausend Jahren war dies auch ein Urwald. Deshalb können wir auch nicht fordern, dass heute jeder afrikanische oder südamerikanische Baum geschützt werden muss. In Afrika gibt es noch mehr als genug Land, um beide Bedürfnisse befriedigen zu können. Doch was wir sehen, ist, dass das Land geplündert wird anstatt landwirtschaftlich produktiv genutzt.

Was meinen Sie mit plündern?

Land wird im grossen Stil spekulativ erworben, aber vorläufig gar nicht bepflanzt. Wenn die Lebensmittelpreise steigen, wird Getreide angebaut, wenn die Energiepreise steigen, Biodieselpflanzen. Afrika braucht jedoch keine Spekulanten, sondern Pioniere.

Chinesen kaufen im grossen Stil afrikanisches Ackerland. Ist das moderner Kolonialismus?

Es geht nicht darum, ob Chinesen oder Europäer Land kaufen, es geht darum, was sie damit machen, ob sie bloss spekulieren oder Lebensmittel produzieren.

Wie erkennt man den Unterschied bei den Käufern?

Sehr einfach: Spekulanten wollen sehr lang laufende Verträge auf riesige Flächen abschliessen, von denen sie die meisten brachliegen lassen. Pioniere brauchen keine grossen Flächen, weil man die gar nicht sinnvoll bewirtschaften kann. Leider unterscheiden viele afrikanische Regierungen nicht zwischen Spekulanten und Pionieren.

Afrikanische Regierungen tendieren nach wie vor dazu, den Kolonialismus für die Misere verantwortlich zu machen.

Nein, das stimmt nicht mehr. Diese Zeit ist definitiv vorbei. Die Afrikaner können auch das Verhalten der Chinesen gut einschätzen. Vor zehn Jahren wurden sie noch als die grossen Befreier angesehen. Jetzt sind sie einfach Interessenvertreter wie andere auch.

Hat der Westen heute noch eine moralische Schuld gegenüber Afrika?

Man muss ein Elend nicht verursacht haben um mitzuhelfen dagegen anzukämpfen. Das ist die Sicht, die junge Europäer heute auf Afrika haben. Sie sehen das Elend und wollen etwas dagegen unternehmen. Entwicklungshilfe ist dabei nur ein kleiner Teil, den Nichtafrikaner beitragen können. Grossbritannien hat seine Entwicklungshilfe erhöht, obwohl die Regierung ein hartes Sparprogramm beschlossen hat. Ich finde das moralisch gesehen bewundernswert.

Paul Collier ist Professor für Ökonomie in Oxford.
Paul Collier ist Professor für Ökonomie in Oxford.

Aber ist es auch ökonomisch sinnvoll? Oft hört man die These, wonach Entwicklungshilfe mehr Schaden anrichtet als Nutzen stiftet.

Ich komme gerade aus Ruanda zurück, einem Land mit einer engen Beziehung zur Schweiz. Dort habe ich sehr sinnvolle Entwicklungsprojekte angetroffen. Ruanda hat in den letzten fünf Jahren den grössten Erfolg im Kampf gegen die Armut erzielt. Entwicklungshilfe spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Mittlerweile leben mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Können wir sie alle ernähren, oder wird der Planet zu klein?

Die Menschen zu ernähren ist möglich. Wir haben noch sehr viele Optionen, um die Produktivität bei der Erzeugung von Lebensmitteln zu steigern. Schauen Sie bloss Afrika an. Es ist absurd, dass dieser Kontinent Nahrung importieren muss. Er könnte ein gewichtiger Nahrungsmittelexporteur sein.

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: Julian Benhamou