Archiv
06. März 2017

Äuwää

Im Mittelpunkt Europas: Bern
Im Mittelpunkt Europas: Bern! (Bild: Pixabay.com)

Wie viele von meiner Kohorte habe ich eines Tages mein natürliches Lebensumfeld verlassen und mich auf in die grosse, weite Welt gemacht. Für eine Berner Oberländerin war Zürich damals schon sehr gross und sehr weit.

Wir hatten keinen wirklich guten Start, diese Stadt und ich. Mir war alles irgendwie zu schnell, zu laut, zu zwinglianisch. Und dann war da noch das mit der Sprache. Was Angehörige anderer Dialekte betrifft, sind die Zürcher nämlich gnadenlos. Über Aargauer spricht man schon gar nicht, Basler gelten als Nemesis, Walliser versteht kein Mensch, und die Berner kann man irgendwie nicht wirklich ernst nehmen. Noch heute höre ich das obligate «Was, vo Bern? Haha! Äuää …», sobald ich den Mund aufmache.

In meiner Berner Diaspora haben einige ihr Berndeutsch abgelegt – zwecks schnellerer kantonaler Integration. Für mich bedeutet mein Dialekt Heimat. Wenn ich jeweils «Längizyti» habe und jemanden «bernern» höre, dann macht mich das ganz wehmütig.

Ein bisschen habe auch ich mich angepasst: Ich rede schneller, seit ich hier wohne. Das bleibt nicht unbemerkt. Zu Hause in Thun registriert meine Stiefmutter, eine Linguistin, jede kleine Änderung der Intonation. Und meine Mutter hat mich einmal schier enterbt, als ich vom «Gymi» statt vom «Gymer» sprach. Man bringt schliesslich nicht unter Schmerzen ein Bärner Meitschi zur Welt, damit es bei der erstbesten Gelegenheit zu «zürchern» beginnt.

Autor: Anne-Sophie Keller