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06. April 2015

Äusserlich betrachtet

Bänz Friedli sinniert über Playmobil-Figürchen.
Bänz Friedli sinniert über Playmobil-Figürchen.

Himmel, jetzt gibts den Mist schon als Spiel! Mittels Playmobil-Figürchen lässt sich im Kinderzimmer diese blöde Castingshow nachstellen. Die Packung enthält Models im Modellformat, plus Jurymitglieder, dazu Rüschen und Röckchen, Flakons, Tuben und Sprühfläschchen … den ganzen Kram, samt Laufsteg. «Mit dem Set können vier- bis zehnjährige Kinder die ­Modelwelt von Heidi Klum toll nachspielen», verspricht die Werbung. Die Reihe heisst «City Life», unter die Augen aber kam besagte Packung mir in einem entlegenen Obwaldner Ort. Und natürlich richtet sich das Angebot an Määäädschen.

«Määäädschen», so nennt Heidi Klum in der realen Show die jungen Frauen, die sich ihr andienen. Den Kandidatinnen wird wahlweise beschieden, sie liefen «wie ein Pferd» oder «super sexy», und man erhält den Eindruck, im Leben gehe es einzig darum, dass frau «laufen» könne: sich in Stöckelschuhen gestelzt cool über einen Catwalk bewegen. Klum, die selber mit dem Ins-Licht-Rücken ihrer Oberweite Millionen verdient hat, kanzelt ihre Möchtegernnachahmerinnen gern ab: «Bei dir müssen wir ein Bleaching machen!», kommentiert sie das Gebiss der einen, einer anderen will sie Hornhaut wegraspeln, eine dritte ist «zu fett». Immer sind diese Makel ganz, ganz schlimm, und mag die Härte auch gespielt sein, mir läuft es bei der Fleischschau kalt den Rücken runter. Denn da werden Heranwachsende auf ein krankes Ideal getrimmt: brandmager, bitte schön! Und dann wundern wir uns, wenn immer jüngere Mädchen sich in die Magersucht hungern.

Klar, sämtliche Medien beteuern, sie würden vor Magersucht warnen. Und tun dann doch das Gegenteil: Im «Blick» muss sich Skirennfahrerin Lara Gut (Jeansgrösse 38!) die Frage gefallen lassen, ob sie unter «ihren dicken Beinen» leide. Den halben Winter über war die Stadt mit Plakaten einer «Style»-Zeitschrift vollgekleistert. Darauf zeigten sich vier sogenannte Schweizer Topmodels oben ohne, allesamt krankhaft mager. Die «Nordwestschweiz» hypert: «Der Frühling ist da – und mit ihm der blanke Horror. Denn um für den Sommer halbwegs okay auszusehen, bleibt nicht mehr viel Zeit.» Auf dem Bild, das diesen «Horror» illustrieren soll, stehen zwei Blonde in Unterwäsche vor dem Spiegel. Sie wären zu bleich, hätten geschwollene Augen und an den Oberschenkeln Orangenhaut, behauptet die Bildlegende. Zu sehen aber sind ­ranke, prima aussehende Frauen. Übrigens erreichte «Germany’s Next Topmodel» in den zehn Jahren seiner Ausstrahlung nie, was es verspricht: dass die Siegerin wirklich als Model Karriere gemacht hätte. Ob mich das trösten soll?

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli