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29. August 2016

Ärztemangel: Was ist dran?

Die Schweiz als Arbeitsort steht bei deutschen Ärzten derzeit weniger hoch im Kurs als in den vergangenen Jahren. Das spitzt den oft beklagten Ärztemangel zu. Die Lücke könnten Mediziner aus Griechenland oder Rumänien füllen – was allerdings nicht überall gut ankommt.

Laut FMH fehlen der Schweiz seit Jahren schon die Ärzte. Uneinig ist man sich darüber, wie das Problem gelöst werden soll.
Laut FMH fehlen der Schweiz seit Jahren schon die Ärzte. Uneinig ist man sich darüber, wie das Problem gelöst werden soll.
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Der Ärztemangel spitzt sich zu, weil immer weniger deutsche Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz arbeiten wollen. Mehr als 6000 deutsche Mediziner stehen in den hiesigen Spitälern und Praxen auf der Lohnliste.

Sie stellen die Mehrheit der ausländischen Ärzte. FMH-Präsident Jürg Schlup betont jedoch, dass die Zahl der deutschen Ärzte nicht abnimmt, nur ihr Anteil an den ausländischen Medizinern sank innert fünf Jahren von 60 auf 56 Prozent. Andererseits haben in den letzten zehn Jahren rund 2000 Griechen, Rumänen, Belgier, Ungarn und Polen ihre Abschlüsse in der Schweiz anerkennen lassen.

Für CVP-Nationalrätin Ruth Humbel (59), Mitglied der Gesundheitskommission, ist das keine Lösung: «Die Westwanderung der Ärzte finde ich unethisch, denn die Volkswirtschaften in den ärmeren Ländern bezahlen die Ausbildung der angehenden Mediziner, und wir profitieren davon.»

In den Augen der Aargauer Politikerin ist es problematisch, dass die Sprach­anforderungen an Ärzte in der Schweiz – etwa im Gegensatz zu Deutschland – zu tief seien. Bis zur Diagnose laufe alles über die Sprache. Es sei wichtig, dass die Mediziner verstanden werden.

Humbel hinterfragt auch den oft beklagten Ärztemangel. Die Schweiz gehöre zu den Ländern mit einer enormen Dichte an Ärzten. Tatsächlich: Auf 10 000 Einwohner kommen laut destatis.de 40 Ärzte, in Deutschland 39, in Frankreich 32 und in Kenia nur 2. «Das Mangelempfinden hängt mit unseren Ansprüchen zusammen», folgert die Nationalrätin.

«Wir müssen mehr Ärzte in der Schweiz ausbilden»

Jürg Schlup, die Schweiz verliert bei deutschen Ärzten an Anziehungskraft. Was ist angesichts des Ärztemangels zu tun?

Wir müssen mehr Ärzte in der Schweiz ausbilden. Ein Drittel aller Ärzte in der Schweiz hat ein ausländisches Diplom. Davon sind 56 Prozent aus Deutschland. Deren Anteil an den ausländischen Ärzten nimmt ab.

Also ist alles bestens?

Nein. Seit 2003 haben wir gewarnt, dass ein Ärztemangel droht. Damals wurden jährlich nur gut 700 Ärzte diplomiert. 2011 schrieb der Bundesrat in einem Bericht, dass wir jährlich 1300 diplomierte Ärzte benötigen. In jenem Jahr haben aber nur 750 Doktoren abgeschlossen. 2015 waren es immerhin schon 863, was aber noch immer viel zu wenig ist.

Eine Lösung könnten Ärzte aus Ländern wie Griechenland, Rumänien oder Polen sein. Politiker warnen aber, dass diese unsere Sprache und Kultur nicht genügend verstehen.

Weil das passieren kann, fordert die FMH Sprachprüfungen und drei Jahre Tätigkeit an einem anerkannten Spital der Schweiz. Angesichts des aktuellen Ärztemangels braucht es auch Sofortmassnahmen.

Welche?

Wir brauchen mehr Studienplätze. Wenn wir jährlich 1300 Abschlüsse haben wollen, benötigen wir mehr Plätze, weil nicht alle das Studium schaffen. Zweitens müssen wir die administrative Belastung der Ärzte reduzieren. Ein Spitalarzt verwendet nur ein Drittel seiner Arbeitszeit für patientennahe Tätigkeiten. Und drittens müssen wir attraktive Arbeitsbedingungen bieten, um weiterhin ausländische Ärzte anzuziehen. Schätzungen gehen davon aus, dass 2020 vier von zehn Medizinern Ausländer sind.

Politiker hinterfragen die Ärztedichte in der Schweiz.

Sie entspricht derjenigen Deutschlands und ist tiefer als in Österreich. Dort kommen auf 10 000 Einwohner 50 Ärzte.

Die durchschnittliche Arbeitszeit von Ärzten in Schweizer Spitälern beträgt weit über 50 Stunden pro Woche. Das ist wenig attraktiv.

Dies ist eine Verbesserung gegenüber früher, wenn auch nicht weitreichend genug. Eine weitere Verbesserung wären mehr Teilzeitstellen und eben der Abbau von Administration. Die Ärzte werden immer mehr kontrolliert, und sie müssen vermehrt dokumentieren und berichten.

Der Bundesrat investiert Geld in neue Studienplätze. Ist das der richtige Weg?

Ja. Wir begrüssen sehr, dass die Fakultäten in der Schweiz die Studienplätze seit 2009 deutlich erhöht haben. Wir brauchen aber noch mehr.

Der Medizinstudentenverband kritisiert allerdings, dass die Qualität des Studiums darunter leidet.

Ich teile diese Meinung. Wir benötigen zusätzliche Labor- und Praktikumsplätze und können nicht einfach nur neue Hörsäle bauen.

Laut «NZZ am Sonntag» wechselt jeder fünfte Arzt den Beruf. Müsste man nicht hier den Hebel ansetzen?

Nach unseren Informationen verlässt nur etwa jeder zehnte Arzt vor der Pensionierung die kurative Tätigkeit. Meistens nutzen Ärzte ihre medizinische Qualifikation aber weiterhin, beispielsweise im Gesundheitswesen oder in der Forschung. Häufige Ausstiegsgründe sind die kaum familienverträglichen Arbeitspensen.

Sollten wir weniger oft zum Arzt rennen?

Im internationalen Vergleich gehen die Schweizer nicht oft zum Arzt. Trotzdem könnte man die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung fördern, damit beispielsweise die Notaufnahmen seltener in Anspruch genommen würden.

Jürg Schlup (60) ist seit 2012 Präsident der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH).

Autor: Reto E. Wild