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24. März 2014

Tatort Arztpraxis

Den ganzen Tag hören Ärzte geduldig ihren Patienten zu und versuchen, sie zu kurieren. Abends verlassen sie die Praxis und bringen Menschen um. Zum Glück nur auf Papier.

Peter Hänni in Arztuniform mit einer Spritze in der Hand
Tagsüber Arzt, abends Krimiautor: Peter Hänni ist nicht der einzige Arzt mit blutigem Hobby.

Wenn einem jemand auf den Sack geht, kann man den umbringen», sagt Peter Hänni (55), «das ist noch schön.» Er zuckt ungerührt mit den Achseln und fügt an: «Da kann man sich gut abreagieren.»
Peter Hänni ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt von Beruf und Krimiautor aus Leidenschaft. Nicht nur potenzielle Opfer, auch die Ideen und das Personal für seine literarischen Morde findet er im Alltag: Eine Ohrenoperation, die tödlich sein kann, wenn sie schiefläuft, ein Zapfenzieher, für den man eigentlich einen Waffenschein bräuchte, eine zickige Patientin – schon geht die Fantasie mit ihm durch, und er denkt sich eine schöne, tödliche Geschichte aus.

Der gebürtige Berner und Wahlsolothurner hat gerade den vierten Roman veröffentlicht, der fünfte ist angedacht. Sie spielen vorwiegend in Bern und handeln von Sterbehilfe, Giftattacken und Familiengeheimnissen. Es wird intrigiert, betrogen und fleissig gestorben, natürlich auf unnatürlichem Weg.

Mit seinem blutrünstigen Hobby ist Peter Hänni in bester Gesellschaft, in bester Ärztegesellschaft, um genau zu sein: Schon so mancher Schweizer Mediziner hat sich berufen gefühlt, Kriminalromane zu schreiben (siehe weiter unten). Über die Motive seiner Berufskollegen kann Hänni nur Vermutungen anstellen. Er weist aber auf die krimischreibende norwegische Gynäkologin Jorun Thörring hin, die einmal gesagt hat: «Nach einem Tag, an dem man immer lächeln und freundlich sein muss, tut es gut, abends an den Computer zu sitzen und jemanden umzubringen.» Hänni kann das nachvollziehen. «Als Arzt», fügt er hinzu, «sieht und hört man viel, manchmal auch üble Geschichten.» Und man sei geübt darin, Menschen zu beobachten.

Er selber wollte schon als Teenager Schriftsteller sein und versuchte, Mädchen damit zu beeindrucken. Als eine Familie gegründet und die eigene Arztpraxis etabliert war, konnte er sich in seinem zweiten Traumberuf verwirklichen. Seither ist das Schreiben Stress, Ausgleich zum Ärztealltag und Quell unbändiger Freude in einem. Unvergessen etwa der Moment, als er vor etwa acht Jahren den Handschlag für den ersten Buchvertrag erhielt. «Ich fuhr aus Freude fast in Schlangenlinien nach Hause», erzählt Hänni. Das war nachts um zwei. Neun Stunden Besprechung mit einem Lektor lagen hinter ihm. Eigentlich hatte sich Hänni gefreut, nach der Besprechung zum Abendessen Lyonerwurst zu geniessen. Der Buchvertrag hatte Vorrang.

Wenn einem jemand auf den Sack geht, kann man den umbringen.

Ein Buch bedeute auch Knochenarbeit, räumt der Arzt ein. Bei ihm beginnt jeweils alles mit Fragmenten von Ideen, gefolgt von einem Meer von Post-It-Zetteln. Das Moleskine-Notizbuch, das er immer dabei hat, füllt sich, eine Skizze entsteht, der Plot nimmt Form an, und wenn das Ende der Geschichte feststeht, beginnt er zu schreiben: auf dem Laptop, vorzugsweise im Ferienhaus in der Lenk BE, gerne mit dem Hund zu seinen Füssen und einem Glas Wein in Reichweite. Eine Geräuschkulisse wie das Geschnatter von Nachbarn oder ein Fussballspiel am Fernsehen ist genehm. Manchmal ist alles im Fluss, aber oft ist es auch ein Geknorze. Gefühlte 1000 Mal pro Buch will Hänni alles hinschmeissen, jedes Mal fragt er sich: «Was mache ich da eigentlich?»

Frau und Tochter lektorieren mit, die Söhne lesen das Buch

Ist ein Roman fertig gedruckt, ist der Ohrenarzt glücklich und weiss wieder, warum er sich das alles antut. Besonders aufregend sei es, das Werk in der Buchhandlung liegen zu sehen – und schwierig, es dort nicht heimlich und eigenhändig in die vorderste Reihe zu rücken. Einmal beobachtete er eine Kundin, die offensichtlich zwischen seinem Krimi und dem von Paul Wittwer schwankte. Sie entschied sich für den Hänni. Das sind die Momente, von denen der Ohrenarzt sagt: «Es fägt.» Die Familie freut sich mit. Hännis Ehefrau ist stets die erste Leserin des Manuskripts. Ihr Urteil sei fast immer todsicher. Findet sie das Werk «super», wird das der Verlag wahrscheinlich auch finden. Sagt sie nur «gut», wird es wohl kein Hit. Nächste Lektorin ist die 28-jährige Tochter, ebenfalls Ärztin. Die Söhne, 24 und 31 Jahre alt, konsumieren die Romane erst als gedruckte Werke. «Gut gemacht, Pa», mailt dann der ältere, während der jüngste den Roman nach Kräften ignoriert, bis ein paar Wochen vergangen sind. «Gäbe es negative Schlagzeilen, würde er sonst sehr mit mir mitleiden», sagt Hänni.

Eines von Hännis Büchern schaffte es auf die Bestsellerliste, alle haben sich immerhin 1000-fach verkauft. Zu wenig zum Leben, zu viel, um aufzuhören: Die Lust am Schreiben ist ungebrochen. Gerade ist Hännis neustes Buch «Boarding Time» erschienen. Es geht um eine Schweizer Harleyfahrerclique in Südafrika. Und schon ist der Arzt in Gedanken beim nächsten Roman. Er beobachtet die Menschen, lässt sich von Anekdoten des Alltags inspirieren – etwa von dem alten Brillenetui, das ihm beim Umbau seines Hauses in die Hände gefallen ist. Einen fixen Helden hat er nicht, das Milieu wechselt von Roman zu Roman, ebenso der Schauplatz. Dieses Mal soll er wieder in der Schweiz liegen. Und so hält der Hals-Nasen-Ohren-Arzt in seiner Umgebung Ausschau nach einem neuen Tatort. Die Region um die Berner Strafanstalt Thorberg käme in Frage. Oder das Emmental. Wo auch immer, bald wird Hänni wieder morden, es ist nur eine Frage der Zeit.

Von Peter Hänni sind erschienen: «Rosas Blut» (EMH Schweizerischer Ärzteverlag), «Samenspende», «Freitod, der 13.» und neu: «Boarding Time» (alle Cosmos Verlag).

Mordende Ärzte

Frank Köhnlein
Frank Köhnlein, (46), Kinder- und Jugendpsychiater, Basel.

Frank Köhnlein (46), Kinder- und Jugendpsychiater, Basel: «Vollopfer» (Wörterseh). Locker-flockig schreibt Köhnlein in seinem Erstling über schwierige Jugendliche in einem Heim. Sympathischer Antiheld ist nicht der Ermittler, sondern ein Psychiater.

Esther Pauchard
Esther Pauchard (40), Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Burgdorf BE.

Esther Pauchard (40), Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Burgdorf BE: «Jenseits der Couch» und «Jenseits der Mauern» (Nydegg). Pauchards Geschichten sind in einer psychiatrischen Klinik angesiedelt – Geschichten von Wahnvorstellungen, Trieben und Gewalttaten. Im Zentrum: die erfahrene und rettungslos neugierige Psychiaterin Kassandra Bergen.

Paul Wittwer
Paul Wittwer (54), Allgemeinmediziner, Burgdorf BE.

Paul Wittwer (54), Allgemeinmediziner, Burgdorf BE: «Eiger, Mord und Jungfrau», «Giftnapf» und «Widerwasser» (Nydegg). Auch die Protagonisten in Wittwers Romanen sind Ärzte: Ein Herzspezialist, ein Dorfarzt und ein Facharztprüfling mit Lebenskrise. Schauplätze: Bern, Emmental und Italien.

Telemachos Hatziisaak
Telemachos Hatziisaak (46), Facharzt für Innere Medizin, Trübbach SG.

Telemachos Hatziisaak (46), Facharzt für Innere Medizin, Trübbach SG: «Kalte Allianz» und «Sabotageakt» (Ärzteverlag, EMH). Politik, Diplomatie und Mordfälle sind die Zutaten, die der Arzt zu Thrillern vermixt. Sie spielen in Griechenland, der Heimat seiner Eltern. Denn über die Schweiz zu schreiben, sagt er, wäre für ihn zu emotional.

Hansruedi Gehring
Hansruedi Gehring (74), Psychiater, Bern.

Hansruedi Gehring (74), Psychiater, Bern: «Rätselhafter Tod in Zähringen» (orte). Die Kommissarin in diesem Krimi ist unsympathisch und übersensibel, die Reise quer durch die Schweiz abenteuerlich und die Handlung voller psychologischer Bedeutsamkeiten. Nichts für schwache Nerven: Die Leichenschau füllt ein ganzes Kapitel, und der Kommissarin wird es fast schlecht dabei.

Robert Vieli (78)
Robert Vieli (78), pensionierter Hausarzt, Chur.

Robert Vieli (78), pensionierter Hausarzt, Chur: «Der Torso im See», «Ermittlungen in der Provinz» und «Der Duft des Verbrechens» (Südostschweiz Buchverlag). Mysteriöse Todesfälle und Heiterkeit, gewürzt mit witzigen Dialogen, das ist das Rezept Vielis. Seine Geschichten gehen oft von historischen Begebenheiten oder geschichtsträchtigen Orten in Graubünden aus.

Christine K. Gubler (59), Gynäkologin, Glarus.

Christine K. Gubler (59), Gynäkologin, Glarus: «Zürich–Glarus retour», «Der lange Arm der P26» und «Tierfehd» (Südostschweiz Buchverlag). Der Zürcher Ermittler Gilles Wetter löst Verbrechen, die ihn und die Leser immer wieder ins Glarnerland führen. Bordellbesitzer, Journalisten und Zürichbergbewohner bevölkern die Geschichten.

Alle Bücher sind bei Ex Libris erhältlich.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Marco Zanoni