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21. September 2015

«Ältere Väter sind ängstlicher»

Ulrike Ehlert, Professorin für Klinische Psychologie, sagt im Interview, worauf ältere Väter achten sollen und was ihre Frau erwartet. Danach gewichtige Vor- und Nachteile später Vaterschaft – schreiben Sie uns Ihre Erfahrung oder Meinung! Zum Thema auch das Porträt des mit 74 Jahren nochmals Vater gewordenen Jazzmusikers Pierre Favre (rechts: «Alte Väter bleiben jung»).

Professorin Ulrike Ehlert
«Auch die finanzielle Situation sollte man überdenken»: Ulrike Ehlert (55), Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Zürich.

Ulrike Ehlert, sollen 50, 60 oder 70 Jahre alte Männer noch Kinder zeugen?

Das Alter ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, wie stark sich der Mann durch die Vaterschaft belastet fühlt. Wenn Mütter in der Schwangerschaft depressiv sind oder an einer Wochenbettdepression leiden, kann das für Kleinstkinder entwicklungshemmend sein. In der Zwischenzeit weiss man, dass auch Väter die Entwicklung ihres Kindes negativ beeinflussen können, wenn sie Depressionen haben oder sich stark überfordert fühlen.

Wo sehen Sie weitere Nachteile?

Ältere Eltern beziehungsweise ältere Väter können deutlich vorsichtiger sein. Sie nehmen ängstlicher an der Entwicklung des Kindes teil. Aber hält man zum Beispiel ein Kind jedes Mal davon ab, auf einen Baum zu klettern, dann lernt es das auch nie. Es kann zum Vorteil des Kindes sein, wenn man mehr auf das Kleine aufpasst. Aber ältere Väter müssen sich schon auch bewusst sein, dass sie dieses Kind möglicherweise überbehüten.

Ein älterer Mann hat ja oft bereits erwachsene Kinder, die selber schon Kinder haben. Ergeben sich aus dieser speziellen Situation Probleme?

Wenn die Enkelkinder und deren leibliche Halbgeschwister älter oder im gleichen Alter sind, ist das zumindest seltsam. Es hinzunehmen, bedarf von allen Seiten ziemlich viel guten Willens. Wir erleben ja immer wieder seltsame Dinge. Viele gehen uns nicht sehr nahe, andere halten wir für interessant. Aber wenn in unserer eigenen Kernfamilie so etwas passiert, kann das schnell negativ bewertet werden. Beim älteren Vater, der versucht, es allen recht zu machen, kann dadurch eine psychische Belastung entstehen.

Kinder älterer Väter betonen oft die gute Zeit, die Sie mit ihren Vätern hatten. Sind ältere Väter die besseren Väter?

Das könnte daran liegen, dass sich ältere Väter genau die Zeit für ihre Kinder nehmen können, die jüngere Väter unter Umständen oft nur schwer aufbringen, weil sie mitten in der Karriereplanung und im Berufsleben stehen. Von Ausnahmen abgesehen, ist die berufliche Karriere um 50 ziemlich gesichert.

Wie bereitet sich ein älterer Mann richtig auf eine späte Vaterschaft vor?

Er sollte sich fragen, ob sein Bedürfnis, nochmals ein Kind zu haben, wirklich da ist. Auch die finanzielle Situation sollte er überdenken. Man stelle sich vor: Ein Mann ist in einer neuen Beziehung, hat aber noch Unterhaltszahlungen zu leisten an seine Ex-Frau und die Kinder, die er mit ihr hat. Ist dann auch noch die neue Frau finanziell von ihm abhängig, dann wird das alles ziemlich eng. Sorgen und Einschränkungen können entstehen. Der Mann muss sich bereits vorher bewusst sein, ob für ihn so ein zusätzliches finanzielles Päckchen noch tragbar ist. Insbesondere, wenn das Kind erst dann in die Ausbildung kommt, wenn er schon längst das Rentenalter erreicht hat.

Was erwartet eine Frau, die mit einem älteren Mann ein Kind haben will?

Das Reizvolle an einem älteren Mann ist seine Erfahrung. Unter Umständen kann er ganz andere Dinge bieten als ein gleichaltriger Mann. Andererseits kommt eine lange Versorgungsphase auf die Frau zu. Ein älterer Mann wird mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Gesundheitsprobleme entwickeln. In dem Fall ist es dann an der Frau, dieses Kind oder diese Kinder und diesen Mann zu versorgen.

Ulrike Ehlert (55) ist Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Zürich.

SPÄTE VATERSCHAFT

Die Vor- und Nachteile

Viele Aussenstehende denken bei älteren Vätern vor allem an Probleme. Betroffene selbst und ihre Nächsten sehen aber (auch) Trümpfe eines solchen Elternmodells.
Hier ein paar Vor- und Nachteile in der Übersicht – wenn Sie aus eigener Erfahrung weitere Punkte kennen oder Ihre Meinung abgeben möchten: Tun Sie es in einem Kommentar gleich darunter.

WAS BESSER IST

1. Väter im Pensionsalter haben schlicht deutlich mehr Zeit für das Kind respektive die Kinder als solche, die noch mitten im Erwerbsalter stehen.

2. Ältere Väter gelten in der Regel als ruhiger, abgeklärter, lassen sich laut gängigen Vorstellungen weniger (schnell) von Flausen der Kinder oder nervenaufreibenden Situationen von Krippe bis Schule aus dem Konzept bringen. Sie tragen deshalb weniger, meist nur lohnende Streitfälle aus.

3. Ältere Väter setzen sich früher, meist entschiedener damit auseinander, die Kinder loszulassen. Nicht unbedingt aus Charakterstärke, sondern allein schon aufgrund des fortgesetzten Alters. Ein positiver Begleitaspekt der Tatsache, dass ihre Kinder sie im Schnitt viel früher ... betrauern.

WAS SCHLECHTER IST

1. Ältere Väter sollen durchschnittlich ängstlicher sein als jüngere. Bremsen sie permanent die Unternehmungslust ihrer Kleinen (etwa auf dem Spielplatz) oder beweisen generell fehlendes Vertrauen, kann das die Entwicklung hemmen.

2. Gemäss einigen Berichten von Partnerinnen und dem nahen Umfeld verstehen sie es weit weniger, in angespannten Situationen dem Nachwuchs auch mal Paroli zu bieten. Schliesslich will dieser gerade ab beginnendem Teenageralter auch Kämpfe austragen und Grenzen abstecken. Da hilft zu grosse Abgeklärtheit nicht weiter.

3. Sie können den Nachwuchs oft schlicht nicht bis ins (frühe) Erwachsenenalter begleiten. Wird jemand mit 60 Jahren Vater, ist derzeit die Tochter oder der Sohn minim über 20 Jahren alt, wenn er stirbt.

4. Es können im Umfeld oder gar in der Familie Unstimmigkeiten auftreten zwischen bedeutend älteren Kindern desselben Vaters (meist selbst schon mit Kindern) und den Nachkömmlingen, vorab um Zuwendung (emotional oder finanziell). Meistens lebt man zwar nicht unter demselben Dach und hat ein teilweise getrenntes gesellschaftliches Leben, aber mindestens das Erben wirft manchmal seine Schatten voraus ...

Autor: Ernst Weber