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11. Juli 2011

Im Alter gilt: Weniger ist mehr

Älter werden ist nicht einfach. Die Kräfte schwinden, die Hobbys werden weniger. Wer sich auf das Wesentliche konzentriert, ist trotzdem oder vielleicht gerade deswegen glücklich.

Im Alter gilt: Weniger ist mehr
Balkon statt Garten: Es ist wichtig, Hobbys dem Alter anzupassen.

Keine Frage, älter zu werden ist nicht nur lustig. Nur mit positivem Denken ist es nicht getan, wenn sich die negativen Anzeichen des Älterwerdens häufen. «Für den gesamten Lebensverlauf spielen die persönlichen Zielsetzungen eine entscheidende Rolle. Diese verändern sich über die Jahre», sagt Alexandra Freund (46), die am Psychologischen Institut der Universität Zürich lehrt.

Für Kleinkinder sind Wunschvorstellung und Zielsetzung noch dasselbe, was ohne das beherzte Eingreifen der Erwachsenen mitunter fatale Folgen haben kann. Junge Menschen andererseits sollten ihre Ziele möglichst hoch stecken. Das versorgt sie mit der nötigen Motivation, um sich erfüllende Positionen in Gesellschaft, Beruf und Privatleben zu erkämpfen.

Wertschätzen, was man erreicht hat

Bei Menschen im mittleren Alter schlägt es um. Man hat schon einiges erreicht, worauf man stolz sein kann, und es geht vermehrt darum, diese Werte zu erhalten. «Auf Dauer glücklich ist, wer wertschätzt, was er hat», betont Alexandra Freund. Doch was tun, wenn der altersbedingte körperliche Abbau einem lieb gewonnene Aktivitäten verunmöglicht? Zum Beispiel die Gartenarbeit nicht mehr geht? «Hier setzt die Kompensation ein. Für den eigenen Garten reichen die Kräfte vielleicht nicht mehr, aber Blumenkisten vor dem Fenster können auch Freude bereiten», sagt die Psychologin. Und anstelle der einstigen Bergwanderungen geniesst man nun den Spaziergang durch den nahen Park.

Zugegeben, das Loslassen fällt schwer und ist mit Trauerarbeit verbunden. Aber auch hier hat Alexandra Freund eine gute Nachricht: «Ältere Leute tun sich leichter damit, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Sie verspüren nicht mehr den Drang, alles mitmachen und sich jedem Stress aussetzen zu müssen.»

Ein schönes Beispiel, wie man das Beste aus dem Alter macht, hat der grosse polnische Pianist Arthur Rubinstein geliefert: Am Ende seiner Karriere verringerte er das Repertoire der vorgetragenen Musikstücke, übte aber mehr. Ausserdem drosselte er vor schnellen Passagen bewusst das Tempo. So wirkten die schnellen Teile schneller. – Um wie Rubinstein zu agieren, muss man flexibel sein. Eine Eigenschaft, die nicht nur im Alter nützlich ist.

Autor: Renate Sturzenegger

Fotograf: Getty Images