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19. Dezember 2016

Adventsfenster für die Grossen

Was der Adventskalender für die Kleinen ist, sind die Adventsfenster für Erwachsene. Jeden Tag geht in der Adventszeit eins auf und lädt die Nachbarn zum gemeinsamen Verweilen ein.

Adventsfenster von Claudia (31) und Melina (6)
Ich, (Claudia, 31) und Melina (6, meine Tochter) hatten dieses Jahr ein Adventsfenster zu dekorieren. Da leider noch kein Schnee gefallen ist, machten wir uns einen Schneemann aus 1000 Bechern. Wir hatten richtig Spass und vor dem Fenster ein bisschen Schneestimmung.

Es müssen Tausende Fenster und Fensterlein sein, die seit dem 1. Dezember übers Land verteilt geöffnet wurden. Der Brauch der «lebendigen» oder «begehbaren» Adventskalender hat zahlreiche Anhänger. Vereine, Gemeinden, Private oder Kirchen organisieren die Fenster in den Dörfern und Städten. Listen werden erstellt, Nummern verteilt, und dann gehts los, das grosse Kleben und Schnipseln, Sägen, Hämmern und Malen. Es entstehen kleine Ställe, romantische Waldszenen, traditionelle Weihnachtsbilder. Beleuchtet werden sie alle auf die eine oder andere Weise.

Da und dort wird schlicht am Stichtag ein Fenster zur Ansicht freigegeben. Mancherorts aber stehen am Eröffnungsabend Tische und Bänke bereit, Nachbarn sind zu Glühwein und Punsch eingeladen. Für uns haben Frauen und Männer in Bern, in Sissach BL und Uitikon ZH ihre Adventsfenster geöffnet und erzählen, warum ihnen der Brauch Freude macht.

ZEIGEN SIE UNS IHR FENSTER!
Haben Sie auch ein schönes Adventsfenster gestaltet und wollen es den Migros-Magazin-Leser(innen) präsentieren? Dann senden Sie uns Ihr Bild (ideal: 500 KB bis 5 MB, JPG-Format) mit Ihrem Namen, Wohnort und einem kurzen Kommentar an onlineredaktion@migrosmedien.ch. Oben sehen Sie bisherige Einsendungen.


KITA MATTE, Mattequartier Bern, Fenster Nr. 14

Tortenpapier und Baustellenlampe

Das Eulenfenster der Kita Matte
Das Eulenfenster der Kita Matte gestalteten Alexandra Frei und Pascale Widmer.

Das Eulenfenster der Kita Matte gestalteten Alexandra Frei und Pascale Widmer.

«Letztes Jahr haben wir zum ersten Mal ein Adventsfenster gestaltet und hatten überhaupt keine Ahnung», sagt Alexandra Frei (35) und lacht. Innerhalb einer Woche haben sie und ihre Kollegin Pascale Widmer (26) alle winterlichen Dekosachen aus dem Keller geholt, die sie finden konnten, und damit ein Fenster dekoriert. «Hännecool!», erinnert sich Frei, «ein zauberhaftes Fenster». Dieses Jahr ist das Duo geordneter an die Sache herangegangen und hat Wochen im Voraus geplant.

Pascale Widmer (links) und Alexandra Frei
Pascale Widmer (links) und Alexandra Frei.

Zauberhaft wurde das Fenster abermals: eine Pergola mit Baumstämmen, einer Eule und Sternen. Zum Einsatz kamen Papier, Karton, ein blaues Samttuch, Tortenpapier sowie eine Baustellenlampe.
Alexandra Frei und Pascale Widmer haben alles in privater Initiative zu Hause vorbereitet und am Eröffnungstag am Fenster der Kita Matte montiert. Gegen Abend kamen die Gäste: Kita-Kinder mit ihren Eltern, Quartierbewohner und sogar ehemalige Schützlinge mit Familie. Güetzi, Glühwein, kleine Pizzen und Brote standen für alle bereit.


SPIELPLATZ LÄNGMUUR, Mattequartier Bern, Fenster Nr. 6

Mit Rentieren und Eseli

Für Claudia Moser ist es das dritte Fenster, das sie gestaltet hat.
Für Claudia Moser ist es das dritte Fenster, das sie gestaltet hat.

Für Claudia Moser ist es das dritte Fenster, das sie gestaltet hat.

Ganze 90 Klaussäckli hat Claudia Moser (49) für die Eröffnung ihres Adventsfensters vorbereitet. Und alle gingen am 6. Dezember innert kürzester Zeit weg. «Wir wurden überrannt», erzählt Claudia Moser mit einem Lächeln. Die Leiterin des Spielplatzes Längmuur im Berner Mattequartier hat zum dritten Mal ein Adventsfenster gestaltet – eine Szenerie aus farbigem Seidenpapier, die am Fenster der Spielbaracke hängt und von innen beleuchtet wird.

Claudia Moser
Claudia Moser

Die wahre Herausforderung war aber die Organisation des Eröffnungsanlasses, für den ein echter Esel hermusste. «Nicht einfach», sagt Moser, «die sind am 6. Dezember nämlich alle ausgebucht». Ein Arbeitskollege fand letztlich ein verfügbares Eseli – ein Neuling, der seine Sache bis auf eine kleine bockige Phase bravourös machte.


KIRCHGEMEINDE NYDEGG, Mattequartier Bern, Fenster Nr. 13

Traditionsreich und begehrt

Für Lilian ter Meer war klar, Engeli müssen in ihrem Fenster dabei sein.
Für Lilian ter Meer war klar, Engeli müssen in ihrem Fenster dabei sein.

Für Lilian ter Meer war klar, Engeli müssen in ihrem Fenster dabei sein.

Engel, findet Lilian ter Meer (60), hat man immer nötig, das ganze Jahr. Aber an Weihnachten müssen sie einfach sein. Deshalb ist ihr Adventsfenster mit den geflügelten Wesen geschmückt, dazu Sterne und Kerzen. Mit zwei Kolleginnen der Kirchgemeinde Nydegg im Mattequartier hat ter Meer die Adventsfensteraktion in Angriff genommen und organisiert sie seit letztem Jahr. Mitmachen ist für sie selbstverständlich.

Lilian ter Meer
Lilian ter Meer

Und es ist schon ein alter Brauch im Mattequartier: Seit 20 Jahren gehören die Adventsfenster zur Weihnachtszeit. Mitmacher musste Lilian ter Meer keine suchen, einige haben sich spontan bei ihr gemeldet. Besonders freut sie der Mix der Engagierten: Private, Geschäfte und soziale Institutionen sind dabei.


FAMILIE FIMM JOCHUM, Uitikon ZH, Fenster Nr. 3

Die Stadt im Haus

Gesägt, verkabelt und schön beleuchtet: die Weihnachtsstadt in Blau
Gesägt, verkabelt und schön beleuchtet: die Weihnachtsstadt in Blau

Gesägt, verkabelt und schön beleuchtet: die Weihnachtsstadt in Blau.

Zusammen mit ihren drei Buben Lukas (9), David (7) und Benjamin (fast 3) hat Ursula Fimm Jochum (44) ihr Adventsfenster angefertigt. Die Inspirationen zur Stadt mit dem darüber schwebenden Santa Claus kamen aus Zeitschriften und aus dem Internet. Dann wurde laubgesägt, geklebt und gebastelt. Es waren gemütliche Stunden «in der ungemütlichen Jahreszeit», wie die dreifache Mutter erzählt. Sie gestaltet seit fünf Jahren jeden Herbst ein Fenster für den Adventskalender des Dorfs.

Und jedes Jahr lauten die bangen Fragen: «Hält alles?» und «Sind die Verlängerungskabel lang genug?». Es hält, und die Kabel genügen. Nachbarn und andere Dorfbewohner fanden sich auch heuer zu Glühwein und Schmankerln ein. Die Kinder sind begeistert. «Und ich jetzt auch», sagt Ursula Fimm Jochum.


ELTERNVEREIN UITIKON ZH, Fenster Nr. 20

Das Aquarium im Baum

Die fröhlichen Wichtel in ihrem Glashaus
Die fröhlichen Wichtel in ihrem Glashaus: Immer am Dienstag gibts eine Geschichte.

Die fröhlichen Wichtel in ihrem Glashaus: Immer am Dienstag gibts eine Geschichte.

Zuerst hing die Plattform für das Adventsfenster zu hoch im Baum: Man konnte die Wichtel, die darauf platziert waren, gar nicht sehen. «Also nochmals alles von vorn», sagt Dorit Ewert Groh (43), die für das Adventsfenster des Elternvereins Uitikon ZH mitverantwortlich ist. Die Inspiration zum speziellen Adventsfenster kam von Grohs Vereinskollegin Ursula Fimm Jochum (44). Drei Erwachsene haben die Idee umgesetzt, zahlreiche Kinderhände haben das Fenster dekoriert.

Inzwischen hängt das Aquarium auf der richtigen Höhe und wird seit dem 2. Dezember jeden Abend beleuchtet. Dienstags bekommen die Kleinen der Waldspielgruppe ein Kapitel der Waldwichtelgeschichte erzählt. Für die Adventszeit sind die kleinen Waldbewohner nun dem Buch entsprungen – sehr zur Freude der Kinder.


WERKHOF SISSACH BL, Fenster Nr. 2

Die Waldweihnacht im Werkhof

Im Werkhoffenster liest der Samichlaus
Im Werkhoffenster liest der Samichlaus den Tieren eine Geschichte vor.

Im Werkhoffenster liest der Samichlaus den Tieren eine Geschichte vor.

Eine viel nüchternere Umgebung als den Werkhof von Sissach BL kann man sich kaum vorstellen für ein romantisches Adventsfenster. Schön, dass hier die Werkhofmitarbeiter Mathias Lüthy (42) und Rosario Catalano (51) eine Waldweihnacht inszeniert haben: Da sitzt «Santi Chlaus» im Wald auf Laub, Tannzapfen und Eicheln, rund um ihn herum Tiere, denen der Chlaus eine Geschichte erzählt. Die Idee, sagen die beiden Männer, sei ihnen ganz spontan gekommen. Gedacht, gemacht – alles an einem einzigen Tag.

Am Ende mussten sie nur «kleine Anpassungen anbringen», wie Lüthy sagt: «Die Arme und Beine des Chlaus waren etwas zu kurz.» Seit dem Eröffnungsapéro am 2. Dezember mit vielen Gästen ist das Fenster nun allabendlich ab 17 Uhr beleuchtet. Eine kleine grüne Oase inmitten von Beton.


EHEPAAR HARTL aus SISSACH BL, Fenster Nr. 8

Teamwork eines Ehepaars

Esel, Schafe und ein Hirte im Adventshäuschen der Hartls
Esel, Schafe und ein Hirte im Adventshäuschen der Hartls.

Esel, Schafe und ein Hirte im Adventshäuschen der Hartls.

Rita (68) und Walter Hartl (74) sind ein eingespieltes Team. «Ich bin die Auftraggeberin, er führt aus», sagt Rita Hartl und lacht. Sie beide machen «so Sachen» gern, ergänzt sie. «Die Sache» ist diesmal ein Häuschen, zwei Meter breit, zwei fünfzig hoch und eingerichtet wie ein Schafstall. Die Schafe, von Walter Hartl aus Holz gebaut, hat seine Frau mit weissem Vlies in Tierchen verwandelt. Der Hirte in Lebensgrösse trägt eine Bauernkluft aus dem Fasnachtsfundus inklusive Larve und Hut.

Die Hartls sind in Sissach fast ein bisschen berühmt für ihre Adventsfenster. Letztes Jahr wars ein Lebkuchenhaus mit Hänsel und Gretel. Das haben sie umgebaut, über sechs Wochen hinweg immer wieder mal gestrichen, gehämmert und gebastelt, bis am 8. Dezember der Schafstall beleuchtet und die Festbänke bereit waren. Und sich Nachbarn, Bekannte und Fremde zu Suppe und Punsch zusammensetzten. Das sind die Momente, für die sich die Hartls so gern engagieren.


BIBLIOTHEK SISSACH BL, Fenster Nr. 13

Buchstäblich geschmückt

Bücher, Buchstaben und eine Bärenfamilie beim Festmahl im Bibliotheksfenster
Bücher, Buchstaben und eine Bärenfamilie beim Festmahl im Bibliotheksfenster.

Bücher, Buchstaben und eine Bärenfamilie beim Festmahl im Bibliotheksfenster.

Die Gemeinde- und Schulbibliothek von Sissach liegt an der Route des begehbaren Adventskalenders – also am Weg, der an 24 Fenstern vorbeiführt. «Es war keine Frage, dass wir da mitmachen», sagt Bibliotheksleiterin Rita Horand. Keine Frage war auch das Sujet: Bücher und Buchstaben.

Vier Frauen wickelten ausgemusterte Bücher zu kleinen Stapeln, ein Christbaum musste auch her, und am 11. Dezember stellten die Damen von der Bibliothek die ganze Pracht ins Fenster, auf dass es von aussen gut gesehen wird. Zwei Tage später wurde Eröffnung gefeiert, mit Glühmost, Lebkuchen und natürlich einer Weihnachtsgeschichte.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Daniel Auf der Mauer