Archiv
16. Januar 2012

Tennis mit dem Kanzler und Kristalle für Chinas Präsident

Ex-Bundesrat Adolf Ogi hat in seiner Amtszeit speziell bei Staatsbesuchen viel erlebt - und das eine oder andere Mal mit unkonventionellen Mitteln diplomatische Erfolge erzielt. Hier vier Anekdoten, die er dem Migros-Magazin beim Interview vom 16. Januar 2012 schilderte.

Wie Ogi den deutschen Bundeskanzler Schröder zähmte:

«Gerhard Schröder und ich verstehen uns bis heute sehr gut, obwohl wir politisch andere Ansichten haben. Die erste Begegnung war aber nicht ganz leicht. Er kam ja lange nicht in die Schweiz. Einmal war Pascal Couchepin schon in Basel, um ihn zu empfangen, da kam ein Anruf, damals noch von Bonn, das Flugzeug habe einen technischen Defekt, man könne nicht fliegen. Wie wenn die Deutschen nur ein Flugzeug hätten! Nun gut, er kam dann doch, um über die Kandidatur für die Fussball-WM 2006 zu werben, da habe ich ihn im Dolder Zürich empfangen. Sein Besuch galt eigentlich mehr Sepp Blatter als dem Bundesrat.

Adolf Ogi bewies bei Staatsbesuchen Talent im Umgang mit Kontrasten.
Adolf Ogi bewies bei Staatsbesuchen Talent im Umgang mit Kontrasten.

Er kam also auf mich zu, in seinem dynamischen Schritt und sagte: ‚Grüss Gott. Spielen Sie Tennis?’ Ich: ‚Ja.’ Er: ‚Wissen Sie, ich brauche Gegner, keine Opfer.’ Ich, etwas empört: ‚Wir gehen zum Tennis! Und dann gehen wir an die Lauberhornabfahrt! Und dann schauen wir, wer von uns beiden der Mutigere ist, Herr Bundeskanzler! Und herzlich willkommen.’ Von dem Moment an hatten wir eine gute Freundschaft. Ich habe ihn letzthin gesehen, er hat in Berlin eine Wohnung gekauft und sie mir gezeigt. Er hat zwei Sekretärinnen, ein Dienstfahrzeug und sechs Bodyguards, alles von der Bundesregierung zur Verfügung gestellt, letzteres brauche ich zum Glück nicht.»

Wie Ogi den chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin beruhigte:

«Jiang Zemin kam 1999 in Genf an, Ruth Dreifuss, damals Bundespräsidentin, holte ihn ab und redete wohl auf dem Weg nach Bern etwas zu viel über Menschenrechte. Da war er schon etwas geladen. In Bern erwarteten ihn Demonstrationen und Tibeter auf den Dächern, so dass er die Ehrenkompanie nicht abschreiten wollte. Abends im Rathaus beim grossen Nachtessen gab es dann einen ärgerlichen Protokollfehler: Man führte Jiang erst an einen falschen Ort an der langen Tafel, und er musste den ganzen Weg wieder zurück. Er sass schliesslich neben mir, Ruth Dreifuss gegenüber. Er sagte zu mir, auf Englisch: ‚Bei uns würde ein solcher Protokollchef sofort entlassen.’

Anschliessend hielt Ruth eine Rede, die ihn erneut ärgerte. Abrupt stand er auf und sagte: ‚Ich gehe!’ Ich, direkt neben ihm, packte ihn mit beiden Händen am Arm und sagte bestimmt: ‚Sie gehen nicht!’ Er zögerte, sagte brüsk: ‚Geben Sie mir etwas zu schreiben!’ Zehn Sekunden später hatte ich ihm einen kleinen Schreibblock organisiert. Darauf zeichnete er mit einem Stift in der verkrampften Faust und offensichtlich enormer Wut im Bauch eine chinesische Blume. Als er sie fertig hatte, griff ich in meine Tasche, holte meinen Kristall raus und sagte ihm: ‚Es tut mir leid, was passiert ist. Schauen Sie, das ist mein Kristall. Er ist drei, vier Millionen Jahre alt, hatte immer diese sechs Kanten.’ Er schaute ihn an, rutschte näher und näher, rund um uns wurde es ruhig. Ich schenkte ihm den Kristall und bat ihn zu vergessen, was passiert ist. Von da an beruhigte er sich und realisierte wohl auch, dass er zu weit gegangen war mit seiner Abreisedrohung. Er war sicher froh, dass ich ihn abgehalten habe. Am nächsten Tag stand ein Besuch in Basel auf dem Programm. Die Basler Regierung, ebenfalls anwesend an dem Dinner, kam zu mir und sagte: ‚Gell, du kommst dann morgen auch mit, für den Fall, dass er wieder explodiert.’ Von dem Moment an war aber alles wieder gut. Und als ich ihn 2000 als Bundespräsident in China besuchte, war seine Begrüssung sehr, sehr herzlich.»

Wie Ogi den Bundesrat auf die Berge führte, um grössere Probleme zu lösen:

«Als wir im Bundesrat mal ein grösseres Problem hatten, sagte ich zu den anderen: ‚Hört zu, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, wir gehen auf einen Berg, um dieses Problem zu lösen. Wir nehmen genügend Essen und Trinken mit und kommen erst wieder runter, wenn wir eine Lösung haben.’ Nur wohin? Es musste ein Ort sein, wo wir mit der Bahn schnell hochkamen. Und so entschieden wir uns für das Schilthorn. Von dort an rief Ruth Dreifuss jedes Mal, wenn wir bei Diskussionen im Bundesrat nicht weiterkamen: ‚Schilthorn! Schilthorn!’

So gingen wir für das Budget 2001 also aufs Schilthorn, mit der Bahn und zu Fuss. Couchepin wie eine Rakete voraus, ich mit Ruth Dreifuss am Schluss, ganz langsam. Oben angekommen habe ich als Bundespräsident immer 55 Minuten Sitzung gemacht, und dann alle für 5 Minuten rausgeschickt. Ich sagte: ‚Seht euch die Landschaft an, die Natur, schaut wie die Nacht in die Täler kriecht, wie die Lichter langsam angehen. Nehmt die Kraft auf.’ Das Budget ist immer eines der schwierigsten Geschäfte, aber das hat funktioniert. Wir hatten 2001 einen Überschuss von 6 Milliarden.»

Wie Ogi den deutschen Verkehrsminister Krause als Verbündeten gewann und den belgischen Verkehrsminister Dehaene knackte:

«Anfang der 90er-Jahre reiste ich nach Deutschland, um mit dem damaligen Verkehrsminister Günther Krause zu reden, ein früherer DDR-Politiker, den Helmut Kohl in sein Kabinett geholt hatte. Ich flog nach Köln, fuhr mit dem Auto zum Verkehrsministerium nach Bonn, stieg aus, keiner da. Das war ziemlich unüblich, normalerweise wird man von jemandem empfangen. Ich ging zum Pförtner, der erklärte, ich solle in den zweiten Stock gehen. Was ich tat. Dort war auch niemand. Ich hörte Stimmen aus einem Büro, ging dorthin und stiess auf Krauses Mitarbeiter. Von ihm keine Spur. So nach zehn Minuten tauchte er auf und legte gleich los: ‚Was glauben Sie eigentlich, diese Verladepolitik, kommt doch gar nicht in Frage, ich bin Spezialist, hören Sie auf, Güterverkehr auf die Schiene, das geht nicht.’ Keine Begrüssung, einfach zack-zack los. Er redete weiter. Schliesslich fragte ich dazwischen: ‚Darf ich mich wenigstens setzen?’ Er: ‚Klar, setzen Sie sich dort hin.’ – und machte gleich weiter. So was hatte ich noch nie erlebt. Schliesslich schlug ich auf den Tisch: ‚Herr Kollege, ich lasse mir das nicht bieten, ich verlange ein time-out!’ Meine Mitarbeiter links und rechts kurz vor dem Herzinfarkt. Er: ‚Wohin wollen Sie?’ Ich: ‚In Ihr Büro.’ Er: ‚Na dann gehen wir halt.’ Wir liefen einen langen Gang entlang, schweigend.

Ich ging immer gut vorbereitet zu solchen Treffen, kannte die Stärken und Schwächen meiner Gesprächspartner. Und ich wusste, dass er Cognac mochte. Im Büro angekommen setzten wir uns, und er fragte: ‚Trinken wir einen Cognac?’ Ich: ‚Nein.’ Und schwieg wieder. 20 Sekunden später versuchte er es nochmals: ‚Lassen Sie uns einen Cognac trinken.’ Ich lehnte wieder ab und schwieg. Es war ihm sichtlich unangenehm. Schliesslich kam er versöhnlich: ‚Herr Kollege, wir trinken doch jetzt einen Cognac.’ Ich sagte: ‚Die Art und Weise, wie Sie mich behandeln ist unanständig und inakzeptabel. Ich trinke mit Ihnen einen Cognac, wenn Sie mir während zehn Minuten zuhören, wie wir die neue Verkehrspolitik in Europa angehen wollen und was wir Schweizer jetzt machen werden.’ Er hat mich zehn Minuten lang nicht unterbrochen. Am Ende tranken wir einen Cognac. Und danach hat er mich vor jeder Verkehrsministertagung angerufen und mir Tipps gegeben, mit wem ich reden sollte und wo es noch heikle Punkte hat.

Es war ja nicht leicht mit den europäischen Verkehrsministern. Ich bin mit ihnen immer nach Wassen im Kanton Uri geflogen, um ihnen die Situation vor Augen zu führen und klarzumachen, dass wir doch da nicht eine achtspurige Autobahn hinbauen können. Die meisten haben das auch eingesehen. Die, die es nicht begriffen haben, mit denen bin ich in die Kirche rein und habe sie vor dem Kreuz bearbeitet. Für den damaligen belgischen Verkehrsminister Jean-Luc Dehaene hat auch das nicht gereicht. Er sagte: ‚Das ginge schon, du willst nur nicht.’ Ich dachte, wart du nur. Wir flogen von dort mit dem Helikopter Richtung Kandersteg, und ich sagte dem Piloten, der früher im Berner Oberländer Rettungsdienst tätig war: ‚Jetzt fliegen wir in die Eiger-Nordwand, so nahe wie möglich an den Felsen ran, 3900 Meter hoch, dort halten wir und du wackelst ein bisschen mit dem Helikopter.’ Der Pilot kannte die Eiger-Nordwand wie seine Westentasche und tat wie geheissen. Auch mir wurde fast Angst und Bange angesichts der schwarzen Wand, die näher und näher kam. Ich hatte vorher Dehaenes Sicherheitsgurt noch ein bisschen gelockert, und als der Helikopter dann wackelte, sagte ich: ‚Jean-Luc, hier können wir doch nun wirklich keine neue Autobahn bauen.’ Er, panisch: ‚Ich verstehe! Ich habe Angst! Lass uns hier rasch verschwinden!’ Von dem Moment an war auch er ein treuer Vertreter der Verlagerungsstrategie. Und informierte mich über seine Kollegen: ‚Mit dem musst nur bis Wassen, der versteht das, mit dem vielleicht noch in die Kirche, aber mit dem musst du auch gleich noch in die Eiger- Nordwand!’ Ich weiss, das war nicht akademisch und nicht diplomatisch. Aber es war wirkungsvoll.»