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30. April 2012

Adieu, Eliane!

Tausendeinhundertzweiundvierzig Flugzeuge wird das geben, wenn Hans aus jeder Seite des neuen Telefonbuchs einen Papierflieger faltet. Aber immer noch besser, er verarbeitet das Telefonbuch, als er bastelt mit Sagex. Denn Sagex ist der Horror!

Sagex ist der Horror!

Polystyrol heisst es offiziell, für unsere deutschen Freunde: Styropor. Und ich nehme nicht an, dass der Berliner Apotheker Eduard Simon, der den Werkstoff anno 1839 erfand, Kinder hatte. Oder dann hatte er eine tifige Ehefrau. Wenn nämlich Kinder eine Sagex-Schachtel zerlegen, um daraus ein Schiff, Laserschwert oder was weiss ich zu erschaffen, gibts eine Riesensauerei. Egal, ob sie das Material brechen oder zersägen, die kleinen weissen Fetzchen und Kügelchen verteilen sich im ganzen Haushalt, bleiben an Kleidern haften, an Schränken, Spiegeln … Letzte Woche holte Hans eine Sagex-Verpackung aus dem Keller, begann schon dort zu hantieren, schleifte sie in die Wohnung, zerkleinerte sie dann in seinem Zimmer. Sie! Ich habe überall gewischt. Im Treppenhaus. In der Küche. Üüüüberall! Freilich vergeblich: Noch nach Tagen finden sich die blöden weissen Bölleli an Vorhängen, im Backofen, in der Unterwäscheschublade. Irgendein elektrostatischer Vorgang, der sich meiner genauen Kenntnis entzieht, aber die luftig leichten Dinger sind hartnäckiger als Fastnachtskonfetti und Weihnachtsbaumnadeln zusammen. Die bringt man nie mehr aus der Wohnung! Und will man sie wegsaugen, bleiben sie am Staubsaugerschlitten hängen …

«Sagex ist der Horror!»
«Sagex ist der Horror!»

Ehe Sie, geneigter Heimwerker, mir nun mit Tipps kommen: Ich weiss, dass die Lösung Heissdraht hiesse. Aber wer hat schon so eine Vorrichtung zu Hause? Und den Hans in einem Bastelvorhaben bremsen? Gäbe Lämpen, das hatten wir schon. Apropos Ratschläge, wir hattens ja auch von der Aufklärung. Hab ich Ihnen schon gesagt, wie sehr ich Eliane vermissen werde? Eliane vom «Blick», die Aufklärerin der Nation, im April an Krebs verstorben. «Sextante» ist ein zu grober Titel, ich habe sie verehrt! Ihre Kolumne bot Hunderttausenden Lebenshilfe. In manch einem Fall erkannte man sich wieder, und von ihrer Offenheit konnte man nur lernen. Besonders mochte ich, wie unberechenbar sie war. Suchte einer weinerlich Rat, und man dachte, sie würde ihn trösten, antwortete sie: «Selber schuld!» Das ewige Gesäusel von «Wir haben genau dieselben Hobbys …» konterte sie fadengerade: «Dann ist es ja klar, dass es im Bett nicht geigt.» Sie sagte den Leuten, was diese nicht hören wollten. Klagte eine Frau, wie sie von einem Typen, der sie ausnütze, nicht loskomme, antwortete Eliane: «Offenbar macht es dich glücklich. Sonst würdest du ja nicht bleiben.» Eliane wirkte ungemein schüchtern, und ihre feine, leise Art kontrastierte mit dem grellen Äusseren, dem zündroten Haar. Wir sind uns einige Male begegnet, und mir schien, ihr taffes Auftreten tarne die Einfühlsamkeit.

Ohne sie wäre die Schweiz prüder. Und ich dürfte hier die Episode nicht erzählen, die sie mir zugesteckt hat: von dem Bergbauern, der ihr beichtete, es errege ihn, wenn er — einsam auf der Alp — seinen … Sie wissen schon … mit Brennnesseln berühre. Nicht hämisch sprach Eliane über ihn, im Gegenteil: Je abstruser ein Schicksal, desto zärtlicher ging sie damit um. Sie hat den Mann nie blossgestellt und seinen Namen für sich behalten.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Bänz Friedli live: 7. und 8. Mai, St. Gallen, «Kellerbühne».

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli