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04. Januar 2016

Achterbahn

Buchstaben lernen
Buchstaben lernen? Geht ja noch. Aber die Ziffern ...

Die Ziffer 8 kommt so harmlos daher, zwei gestapelte Kringel, wie herzig. Dabei ist sie ein ganz hinterhältiges Ding. Das war mir komplett entfallen, aber seit meine Tochter die Schulbank drückt, ist die Erinnerung zurück. Ida beginnt oben mit einem Kreislein. «An der Kreuzung bitte etwas langsamer werden – und dann geschmeidig die Richtung wechseln», sage ich noch.

Doch das Kind fräst geradeaus weiter, sein Händchen will partout nicht abbiegen. Der Schreibprozess wird zur Achterbahnfahrt. Und ich stehe am Rand und kann nur gut zureden. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie hoch im Moment unser Radiergummiabrieb ist?

Seit ich neben ihr sitze und ihr bei den Uufzgi zugucke, hat sich meine Wahrnehmung verändert. Ich sehe nicht mehr nur das Ergebnis, die richtige Lösung, das richtige Wort, nein, ich sehe den Prozess. Kleine Hände, die bisher nur geknetet und geschnipselt haben, lernen, normierte Ziffern und Buchstaben zu produzieren. Auf hauchdünnes Papier und mit einem Stift, mit dem man auch Leder lochen könnte.

Idas Schulkamerad strengte sich neulich so fest an, dass sein Bleistift beim Schreiben knack! in zwei Teile zerbrach. Eine anderer drückte so beherzt zu, dass man die Lösung seiner Matheaufgaben noch auf der letzten Seite des Heftes sehen konnte. «Das kann ich auch», erklärte mir Ida – und pauste ebenfalls alle Lösungswege bis auf die Holztischplatte durch.

Schreiben lernen ist hochkomplex: flüssige Bewegungen produzieren, Druck dosieren, Grenzlinien achten, sich an Normen halten und bitte noch seitenrichtig arbeiten. Die 5 ist übrigens auch so eine doofe Zahl. Mindestens so blöd wie die 3. Die wiederum sollte man nicht mit dem E verwechseln. Sonst wird Mathe zu Deutsch. «Obwohl man ja auch einen Spiegel an das Uufzgiblatt halten könnte», schlug Ida neulich vor.

Autor: Bettina Leinenbach