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08. Dezember 2014

Abschied von «Wetten, dass …?»

33 Jahre lang hat die grosse Samstagabendshow das TV-Publikum der deutschsprachigen Länder unterhalten. Am 13. Dezember ist nun Schluss. Das Migros-Magazin verabschiedet sich zusammen mit ehemaligen Schweizer Wettkandidaten.

Frank Elstner wird reingelegt
1985 gelang es Kurt Felix (mit Helm) seinen Showmaster-Kollegen Frank Elstner vor laufenden Kameras für «Verstehen Sie Spass?» reinzulegen. Die Idee dafür stammte von Art Furrer (ganz rechts).

Der Wein-Trickser

Art Furrer (77), Ex-Skilehrer, Vater der Skiakrobatik, Bergsteiger, Hotelier aus Riederalp VS

Auftritt: 21. September 1985

Moderator: Frank Elstner

Wette: Ein Helikopter, geflogen von Pilot Bernd van Doornick, entkorkt eine Flasche Wein, füllt anschliessend vier Gläser damit (gewonnen)

Wettpate: Boris Becker

Die Wette hat Fernsehgeschichte geschrieben, weil sie gleich in zwei TV-Sendungen eine zentrale Rolle spielte. In «Wetten, dass ...?» kam sie zunächst als ganz normale Wette daher, stellte sich am Ende jedoch als Streich von Kurt Felix für seine Sendung «Verstehen Sie Spass?» heraus. Hinter der Wettidee steckte Art Furrer, der mit Felix gut befreundet war. «Kurt wollte Frank Elstner schon seit Jahren reinlegen, und damit hat es dann endlich geklappt.»

Furrer kannte den begnadeten Piloten Bernd van Doornick und schlug Felix eine Wette vor, die so verrückt war, dass die Produzenten von «Wetten, dass ...?» nicht widerstehen konnten. «Die grosse Herausforderung war nicht, die Wette zu gewinnen, sondern Kurt Felix und ein Kamerateam seiner Sendung unbemerkt in den Saal zu schmuggeln.» Dies gelang mit halblegalen Methoden, wie Furrer unumwunden zugibt. Er verschaffte sich Zugang zu dem Büro, in dem die Zugangsausweise für den Saal aufbewahrt wurden. «Von denen liess ich einfach ein paar mitlaufen, so was ginge heutzutage natürlich nicht mehr.» Felix sass während der Wette, mit Perücke, Bart und Helm unkenntlich gemacht, im Helikopter, sein Team filmte heimlich im Saal.

Art Furrer entkorkt auch heute noch gerne mal eine Flasche Wein.
Art Furrer entkorkt auch heute noch gerne mal eine Flasche Wein.

Nicht nur gewannen sie die Wette, es gelang dem Team anschliessend im Saal, Frank Elstner vor laufender Kamera ein Glas Wein zu kredenzen – dies, obwohl dieser vor und während der Sendung nie Alkohol trank. Als er den ersten Schluck nahm und Essig schmeckte, enttarnte sich Felix, der bisher unerkannt neben ihm auf der Bühne stand. «Elstner nahm es mit Humor», sagt Furrer. «Er wusste natürlich, dass dies seiner Sendung viel zusätzliche Aufmerksamkeit eintrug.» Weniger lustig fanden es die Produzenten und der Regisseur. «Man sagte mir, ich würde nach dieser Aktion nie wieder im ZDF auftreten, aber das bin ich dann natürlich doch.» Und mit Frank Elstner steht er noch immer in Kontakt.

Der Blas-Weltmeister

Jakob «Köbi, die Lunge» Schwitter (61), selbständiger Fugenabdichter aus Büren AG

Auftritte: 27. 2. 1988, 28. 5. 1994, 11. 11. 2000, 6. 7. 2002, 3. 7. 2004 und 9. 11. 2013

Moderator: 5-mal Thomas Gottschalk, 1-mal Markus Lanz

Wetten: 1. Einen Lastwagenschlauch aufblasen, bis er platzt (verloren, zu langsam, trotzdem Wettkönig) 2. Eine Gummibettflasche mit einem 90 Meter langen Feuerwehrschlauch aufblasen und zum Platzen bringen (gewonnen) 3. Einen Ballon mit einem aufgerollten sechs Kilometer langen Wasserschlauch aufblasen, bis er platzt (verloren, zu langsam, trotzdem Wettkönig) 4. Einen Ballon aufblasen und zum Platzen bringen mit einem Feuerwehrschlauch, auf dem 100 Personen stehen (verloren) 5. 60 Bierflaschen innert einer Minute durch eine dünne Holzwand durchschlagen (Idee von ihm, ausgeführt durch jemand ­anders, verloren) 6. Mittels eines aufblasbaren Hebesacks innert drei Minuten einen Formel-­3-Rennwagen hoch genug heben, damit ­dessen Räder gewechselt werden können ­(gewonnen).

Wettpaten: Mütter der Skifahrerinnen Marina Kiehl, Heidi Zurbriggen und Anita Wachter, Kath­leen Turner, Til Schweiger, Mario Adorf, John Cleese, Barbara Meier

Er ist der Wettkandidat, der am häufigsten in der Sendung aufgetreten ist: ganze sechs Mal. Und bei der letzten Ausgabe am 13. Dezember wird er als Publikumsgast dabei sein. Praktisch immer ging es darum, etwas aufzublasen oder zum Platzen zu bringen, was Jakob Schwitter den Spitznamen «Köbi, die Lunge» eingebracht hatte. Insgesamt hat er 13 Wetten eingegeben, sechs wurden genommen. «Mit der Zeit wird man schon ein bisschen mediengeil», gibt er offen zu. «Und man sucht immer verrücktere Wetten.»

Jakob Schwitter, genannt «Köbi, die Lunge».
Jakob Schwitter, genannt «Köbi, die Lunge».

Die Sendung hat ihn prominent gemacht. «Ich habe in meinem Leben sicher rund 350 Auftritte gehabt, darunter auch in China und Japan, aber auch an privaten Festen in der Schweiz.» Allerdings versprach er seinen Töchtern, mit 60 aufzuhören, der Gesundheit zuliebe. «Daran halte ich mich. Ich hatte wegen der Blaserei auch schon geplatzte Trommelfelle und zerrissene Bauchmuskeln.»

Köbis Lunge in Aktion.
Köbis Lunge in Aktion.

Beim letzten Auftritt 2013 bekam er die gesunkenen Einschaltquoten sehr direkt zu spüren. «Nach den Gottschalk-Shows wurde ich auf dem Heimweg x-fach angesprochen und um Autogramme gebeten, nach der Lanz-Sendung interessierte sich niemand für mich.» Selbst geschaut hat er die Sendung schon länger nicht mehr. «Es wurde viel zu viel geredet. Und wenn sie jetzt endet, kann mir niemand mehr meinen Rekord streitig machen.»

Der Kuh-Reiter

Bruno Isliker (66), Landwirt und Reitlehrer aus Winterthur ZH

Kuh Sybille (20)

Auftritt: 28. Februar 2004

Moderator: Thomas Gottschalk

Wette: Eine Kuh melken und danach auf der Kuh mit gefüllter Tasse über fünf Hürden springen, ohne dass Milch verschüttet wird (gewonnen, Wettkönig)

Wettpaten: Daniel Brühl und Jessica Schwarz

Bruno Isliker mit Sybille heute.
Bruno Isliker mit Sybille heute.

Nicht er hat sich bei «Wetten, dass ...?» beworben, die Fernsehmacher kamen zu ihm. Bruno Isliker trat mit Sybille schon während ein paar Jahren in der Schweiz und in Süddeutschland auf, als das ZDF auf ihn aufmerksam wurde. «Kühe geben normalerweise nur Milch, wenn sie sich wohlfühlen, und sie springen, wenn sie sich bedroht fühlen oder belohnt werden», sagt Isliker. «Die Herausforderung war also, Milchgeben und Springen so direkt hintereinander zu legen.» Aber Isliker hat intensiv mit ihr geübt und lockte sie mit Gipfeli. «Sybille ist keine Kuh wie jede andere, der graue Alltag liegt ihr nicht so. Sie freut sich immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gibt.» Und das, obwohl sie inzwischen ein für Kühe fast schon biblisch hohes Alter erreicht hat.

Isliker und Sybille bei ihrem erfolgreichen Wettauftritt.
Isliker und Sybille bei ihrem erfolgreichen Wettauftritt.

Den Auftritt selbst hat Isliker genossen und war nicht mal besonders nervös dabei. «Gottschalk ist genauso, wie man ihn vom Fernsehen her kennt, sehr herzlich und aufgeschlossen.» Auch Isliker und Sybille sind mit ihrem Auftritt prominent geworden. «Wir waren danach in vielen anderen Sendungen und Veranstaltungen, sogar ein US-Sender kam zu mir auf den Hof. Sybille ist sicher die berühmteste Kuh der Nation.»

Isliker schaut die Sendung bis heute noch ab und zu an. «Vermissen werde ich sie aber nicht. Dass Gottschalk aufgehört hat, war halt schon ein Verlust.»

Die Lampen-Balancierer

Corina Birchler (34), Primarlehrerin aus Küssnacht am Rigi SZ

Othmar Sidler (66), Leiter eines Sportgeschäfts aus Küssnacht am Rigi

Auftritt: 11. Dezember 2004

Moderator: Thomas Gottschalk

Wette: Über 20 Neonröhren balancieren, ohne dass mehr als 3 kaputtgehen (gewonnen)

Wettpate: Roger Federer

Corina Birchler und Othmar Sidler.
Corina Birchler und Othmar Sidler.

Eigentlich wollte Othmar Sidler mit seinem Sohn in der Sendung auftreten. «Aber bei ihm gingen zu viele Röhren kaputt, also übernahm ich, die Quasi-Schwiegertochter», sagt Corina Birchler. «Zu Beginn spotteten alle über Othmar und seine Idee, damit in ‹Wetten, dass ...?› aufzutreten, aber als dort plötzlich Interesse signalisiert wurde, lachte niemand mehr.»

Etwa ein halbes Jahr nach der ersten Idee standen sie im Studio im Rampenlicht. «Es war toll, so was mal zu erleben», sagt Birchler. «Wir wurden so intensiv betreut, dass wir uns fast wie Promis vorkamen.» Sie bekamen ihre eigene Garderobe und konnten sogar mit Wettpate Roger Federer ein bisschen plaudern und Blicke auf die Superstars Robbie Williams und Jackie Chan werfen.

In Aktion während der Sendung.
In Aktion während der Sendung.

Am Ende reichte es knapp zum Wettgewinn: Genau die drei erlaubten Röhren gingen kaputt. «Die Reaktionen waren überwältigend, wir waren in allen Medien, und es meldeten sich auch Leute per SMS, von denen ich nie gedacht hätte, dass die an einem Samstagabend zu Hause sitzen und ‹Wetten, dass ...?› schauen.»

Der Klopapier-Experte

Roger Weisskopf (46), Geschäftsführer eines Malergeschäfts, Künstler und Erfinder aus Wädenswil ZH

Auftritt: 17. Februar 2001

Moderator: Thomas Gottschalk

Wette: Aus 30 WC-Papier-Rollen fünf Stück blind nur durch Tasten und Fühlen einer Marke und dem Herkunftsland zuordnen (gewonnen, Wettkönig)

Wettpate: Michael Schumacher

Roger Weisskopf und seine Klopapier-Vorräte.
Roger Weisskopf und seine Klopapier-Vorräte.

Roger Weisskopf wuchs mit «Wetten, dass ...?» auf und träumte schon als Kind davon, einmal in der Sendung aufzutreten. Als er später WC-Deckel designte, reichte er zuerst dazu eine Wette ein, die aber abgelehnt worden war. Dann kam ihm die Idee mit dem WC-Papier. Mit Hilfe eines grossen Klopapierherstellers kam er zu Hunderten von Rollen aus der ganzen Welt und übte damit. «Es gibt viele Unterscheidungsmerkmale: die Öffnung der Kartonrolle, das gesamte Volumen, die Länge des perforierten Einzelblatts oder die Anzahl Lagen.»

Beim WC-Papier Zuordnen während der Sendung.
Beim WC-Papier Zuordnen während der Sendung.

Die Sendung selbst war dann sehr aufregend, in der Hauptprobe vor Publikum versagte er erst mal völlig, so nervös war er. «Ich ging zurück ins Hotelzimmer und übte nochmals, in der Show selbst klappte es dann.» Neben Thomas Gottschalk lernte er auch Tony Curtis und Michael Schumacher kennen. «Ein tolles Erlebnis!» Und rund um den Auftritt wollten alle Schweizer Medien den WC-Papier-Experten interviewen.

Die Sendung schaut er zwar schon lange nicht mehr, aber die Wirkung seines Auftritts hält bis heute an: Von einem Schweizer Klopapierhersteller erhält er lebenslang WC-Papier. Gratis.

Der Kampfkünstler

Guido Kessler (48), Kampfkunstprofi und Schauspieler aus Galgenen SZ

Auftritte: 7. Juli 2002 und 2. Oktober 2004

Moderator: Thomas Gottschalk

Wette: Mit einem Schwert 120 Zucchini in 60 Sekunden so halbieren, dass die darunter liegenden rohen Eier heil bleiben (2002, ver­loren). 300 Ballons in 60 Sekunden mit einem Nagel zum Platzen bringen (2004, gewonnen).

Wettpaten: Catherine Deneuve (2002) und Sophia Loren (2004)

Die Sequenz aus «Wetten, dass …?» beginnt ab 2:35.

Auch Guido Kessler wuchs mit «Wetten, dass ...?» auf und mochte die Sendung sehr. Er kam während eines Kampfkunsttrainings auf die Idee, sich dort zu bewerben. Kessler hatte schon damals einige Erfahrung mit Bühnenauftritten, dennoch war die Teilnahme bei der Samstagabendshow etwas Besonderes. Das Lampenfieber blieb nicht aus. «Es war eine tolle Plattform für mich, und auch ein Riesenerlebnis, Thomas Gottschalk persönlich kennenzulernen.»

Kampfkünstler Guido Kessler.
Kampfkünstler Guido Kessler.
In Aktion während der Show.
In Aktion während der Show.

Die hohen Einschaltquoten verschafften seiner Karriere weiteren Auftrieb. «Drei Monate lang war die Hölle los – egal, wo ich hinging, alle kannten mich», sagt der Schauspieler, der gerade in Thailand den Actionfilm «Mystic Blade» abgedreht hat. Kessler hat bis heute hie und da in die Sendung reingeschaut und wird sie auch ein bisschen vermissen. «Aber die Zeit dieser Art von Shows ist wohl einfach abgelaufen.»

Fotograf: Salvatore Vinci