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05. Mai 2014

Abschied von der Standseilbahn Stoos

Die Standseilbahn Stoos im Kanton Schwyz wird nach über 80 Jahren stillgelegt. Hans Amgwerd war ihr ein Berufsleben lang treu. Gespannt erwartet der pensionierte Betriebsleiter nun die neue: Sie soll die steilste werden. Weltweit. Lesen Sie zudem von weiteren rekordverdächtigen Transportmitteln in der Schweiz.

Die alte Stoosbahn in den frühen 30er-Jahren. Im Hintergrund Bürgenstock und Pilatus.
Die alte Stoosbahn in den frühen 30er-Jahren. Im Hintergrund Bürgenstock und Pilatus.

Als Hans Amgwerd 1941 geboren wurde, war die Standseilbahn Stoos erst acht Jahre jung und als technische Errungenschaft hochgeschätzt im Schwyzer Ausflugsgebiet. Die Bahn blieb für lange Jahre die einzige Verbindung zwischen dem Talboden im Schlattli und der Ortschaft Stoos auf 1300 Metern, in der damals nur einige Dutzend Bauern lebten. Inzwischen ist Amgwerd als ehemaliger Betriebsleiter der Standseilbahn pensioniert, und die Bahn wird voraussichtlich im Winter 2015/2016 ausrangiert. Dann nämlich soll die alte Dame im klassischen Rot einer gelben Schönheit weichen, die dereinst als weltweit steilste Standseilbahn in die Höhe steigen soll.

Dabei wirkt die 80-jährige Bahn keinesfalls altersschwach: Sie ruckelt noch immer rassig eine mit 78 Prozent Steigung steile Strecke hoch. Und Amgwerd? Er strotzt als 72-Jähriger so sehr vor Lebensfreude, dass man sich fragt, warum ein solches Energiebündel überhaupt in Pension gehen durfte. Am Schalter der Talstation schäkert er mit der Kassiererin, im Bähnli witzelt er mit dem Fahrer, oben angekommen, grüsst er die Einheimischen links und rechts: Amgwerd ist mit allen Duzis, hat für jeden einen Spruch auf Lager.

In der Gemeinde Morschach, zu der Stoos gehört, kennen ihn alle. Schliesslich hat Hans Amgwerd nicht nur ein Leben lang einer Bahn gedient, die hier alle benutzen – er hat sich auch immer für die Gemeinde engagiert: als Mitglied im Skiclub, in der Feuerwehr, im Präsidium und Verwaltungsrat diverser Unternehmen und im Gemeinderat.

Pflegevater wurde von einer Lawine erdrückt

Die Alten im Dorf erinnern sich auch noch daran, wie die Bahn dem kleinen Hans Amgwerd einst den Pflegevater raubte. Es war im Kriegswinter 1945, Hans war vier Jahre alt. Sein Vater arbeitete als Streckenwärter und musste mit seinen Kollegen Schnee im grossen Tunnel wegräumen. Dabei wurde er von einer Lawine zu Tode gedrückt. Danach musste sich die Mutter als Witwe mit Näharbeiten durchschlagen, klein Hans wurde früh selbständig. Bereits als 15-Jähriger zog er für zwei Jahre in die Westschweiz, lernte später Werkzeugmacher, arbeitete in Ibach SZ und Aarburg AG – bis ihn die Bahn 1966 anstellte. So trat Amgwerd als 25-Jähriger seine erste Stelle bei der Stoosbahn an, wurde Stellvertreter des Bahnmeisters. Ein Jahr später stieg er selber zum Bahnmeister auf, war also nun für alle technischen Belange der Bahn zuständig. Heute nennt sich diese Position technischer Betriebsleiter. Inzwischen hatte ihm die Bahn auch seine künftige Frau Traudl hochbefördert: Er heiratete die Österreicherin, die als Serviertochter auf dem Stoos arbeitete. Der gemeinsame Sohn kam 1972 zur Welt. 1974 ernannte ihn die Bahn zum administrativen Betriebsleiter.

Geschick im Umgang mit Fahrgästen

32 Jahre lang hat er der Stoosbahn gedient. Nach einer Umstrukturierung hatte man ihm 1998 neue Vertragsbedingungen vorgelegt, die «inakzeptabel» waren. Darum wechselte er in eine andere Position zu einer Partnerbahn. 2005 ging er in Pension. Der Stoosbahn blieb er indes immer zugetan. «Es tut mir weh, wenn ich daran denke, dass sie stillgelegt wird.» Allein wegen der wunderbaren Aussicht sei es ­schade. Der Naturfreund zeigt auf das Panorama: Vierwaldstättersee, Pilatus,Bürgenstock, Rigi.

Diese Aussicht wird die neue Bahnstrecke nicht bieten können, weil ihr ein Felsvorsprung die Fernsicht verunmöglicht. Von ihrer neuen Technik ist Amgwerd hingegen begeistert: «Es ist brillant, wie die einzelnen Wagenabteile während der Fahrt im Rotationssystem immer wagrecht bleiben sollen.»

Zu seiner Zeit war der Transport schwerer Güter stets eine delikate Angelegenheit, weil sich die Wagen der alten Bahn nicht horizontal einpendeln, sondern steil heben oder senken. Schwere Güter oder auch verletzte Skifahrer, die einst noch im Güterwagen transportiert wurden, mussten daher besonders gut befestigt werden. So kam es schon mal vor, dass bei einem Rollenbruch ein Öltank oder ein Kiescontainer kippte. Dann trommelte Amgwerd seine Mannen zusammen, hievte mit ihnen im Steilhang den Anhänger wieder in Position. Auch bei Lawinen, vereisten Schienen oder beim Auswechseln von Tragseilen war Amgwerd immer zur Stelle.

Aber auch an lustige Situationen erinnert er sich. Etwa an jene unwilligen Schweine, die sich partout nicht ins Viehgatter der Bahn treiben lassen wollten. «Wir halfen alle mit. Der Bauer war ein schlauer Kerl. Als nur noch eine Sau draussen war, stülpte er ihr einen Kessel über den Kopf, da folgte sie ihren Artgefährten blind ins Gatter.»

Auch menschlichen Passagieren musste man sich ab und zu intensiver widmen. Insbesondere jenen, die ungeduldig wurden, weil die Bahn dem ­Ansturm der Skifahrer nicht immer sofort gerecht werden konnte. Amgwerd aber wusste ein gutes Mittel im Umgang mit seinen Fahrgästen: Er lebe nach dem Prinzip der vier M, erklärt er: «Man muss Menschen mögen.» Damit wurde er einst in einem Weiterbildungsseminar vertraut gemacht – Hans Amgwerd lebt dieses Prinzip indes schon sein ganzes Leben.

Autor: Gabriela Bonin

Fotograf: Franca Pedrazzetti