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30. März 2017

Abschied vom Traum der Sportkarriere

Fussballer, Skirennfahrer, Tennisstar oder Eishockeycrack: Viele Kinder und Jugendliche träumen von einer Sportkarriere. Auf dem harten Weg nach oben geben die meisten auf – nicht immer freiwillig.

Fussball, Ski Alpin, Tennis und Eishockey sind die beliebtesten Sportarten in der Schweiz. Mancher Athlet in diesen Disziplinen sehnt sich danach, ganz nach oben zu kommen. Doch der Weg zum Profi ist weit. Die Faustregel lautet: 10'000 Stunden Training brauchts bis zur Perfektion. Ein Sportler oder eine Sportlerin muss also während 10 Jahren 20 Stunden pro Woche trainieren, um mit den Besten mitzuhalten.

«Ein Athlet muss es im Blut und im Herzen haben», sagt Markus Graf (57), Ausbildungschef bei Swiss Ice Hockey, «sonst schafft er es nicht.» Die Zahlen in seiner Disziplin sind eindrücklich: In 100 Eishallen besuchen Vier- bis Sechsjährige die Hockeyschule. Ein bis zwei Kinder pro Gruppe entscheiden sich für den Beitritt in einen Klub. Über alle Stufen hinweg trainieren etwa 15'000 Nachwuchsspieler zwei- bis dreimal die Woche.

Von den besten Junioren schafft es jeder Zehnte
Von den 300 bis 350 Spielern, die auf Stufe U16 und U17 in der obersten Leistungsklasse spielen, schaffen es je 30 in die jeweilige Nationalmannschaft. Später erhalten etwa 20 von ihnen einen Profivertrag für die höchste (LNA) und weitere 20 einen für die zweithöchste Liga (LNB). Eine Karriere dauert etwa 12 bis 15 Jahre. Ein Profi kann gut vom Sport leben, Spitzenspieler verdienen gar Direktorengehälter.

Steigt ein Profi aus, kann es sein, dass er sich wie im luftleeren Raum fühlt. «Der positive Druck fehlt», sagt Antonio Iacovazzo (58). Er unterstützt und berät aktive und ehemalige Fussballer und Eishockeyspieler bei der Vorbereitung auf das Leben nach dem Profisport. Die Chancen seien intakt, sagt er: «Spitzensportler haben -einen starken Willen, grosse Ausdauer und Teamgeist – ihre Qualitäten sind in der Geschäftswelt gefragt.»

Ex-Tennisspielerin Mateja Kraljevic

Von der Tennisspielerin zur Medizinstudentin: Mateja Kraljevic
Von der Tennisspielerin zur Medizinstudentin: Mateja Kraljevic

Der letzte Biss hat mir gefehlt

Der Moment ihres grössten Erfolgs besiegelte auch ihre Karriere. Nachdem Mateja Kraljevic (23) in ihrem Fedcup-Debüt gegen die australische Gegnerin gewonnen hatte, war ihr klar: «Jetzt muss ich durchstarten und immer bessere Spielerinnen besiegen.» Sie war mit 15 bereits die Nummer 12 der Schweiz, gehörte zu den 180 besten Juniorinnen der Welt und hatte sich in jeder Juniorenkategorie den Schweizer-Meister-Titel gesichert. Das hatte seit Martina Hingis niemand mehr geschafft.

Doch dann kam die Wende: Wie sehr sie sich selbst auch unter Druck setzte – die erhofften Resultate blieben aus. Tagsüber trainierte sie hart, abends setzte sie sich hin und lernte für die Fernmatura. Die reguläre Schule besuchte sie nicht mehr.

Nach vier Semestern musste sie eine Zwischenprüfung ablegen. Sie sass den ganzen Tag an einem Pult, dachte nach, beantwortete Fragen, löste Aufgaben. Am Abend sagte sie zu ihren Eltern: «Das war der schönste Tag in den letzten zwei Jahren.» Die Einsicht stand am Ende eines längeren Prozesses. Kraljevic legte das Tennisracket weg und besuchte fortan die Kantonsschule Beromünster LU.

Lernen, mit der Freizeit umzugehen
Heute studiert sie im vierten Jahr Medizin und sagt über Tennis: «Ich vermisse es null.» Sie möchte die zehn Jahre zwar nicht missen, in denen Tennis ihr Leben bestimmte. Sie liebte das Spiel und trainierte für ihr Leben gern. «Doch der letzte Biss hat mir gefehlt.» Zudem wollte sie das Risiko nicht eingehen, vielleicht doch nur eine unter Tausenden zu sein, «die im Tenniszirkus rumgurken».

Pro Jahr schaffen es weltweit bloss acht Spieler in die Top 100, nur zwei stammen aus Europa. «Roger Federer und Martina Hingis sind Ausnahmetalente», sagt Yves Allegro (38), Cheftrainer beim Verband Swiss Tennis. In den letzten 20 Jahren sei es gut 30 Spielerinnen und Spielern aus der Schweiz gelungen, vom Tennis zu leben oder damit zu überleben.

Heute spielt Kraljevic Unihockey und hat dabei viel Spass. «Nicht nur ich bin verantwortlich für den Ausgang eines Matchs, das ist so angenehm.» Nach dem Tennis habe sie lernen müssen, mit Freizeit umzugehen. In Lernphasen packe sie jeweils die Tennisdisziplin. «Schliesst eine Bibliothek erst um 22 Uhr, kann ich nicht vorher nach Hause gehen.»

Ex-Skirennfahrer Vitus Lüönd

Vom Skirennfahrer zum Trainer: Vitus Lüönd
Vom Skirennfahrer zum Trainer: Vitus Lüönd

«Ich habe viel von der Welt gesehen»

Für Vitus Lüönd (32) hat das neue Leben vor zwei Saisons begonnen. Er arbeitet als Berufstrainer der Swiss-Ski-Weltcup-Gruppe Speed. Statt die Strecke selbst hinunterzubolzen, markiert er sie, gibt den Fahrern Tipps, filmt sie bei der Abfahrt und stoppt ihre Zeit. Er fiebert so sehr mit seinen Athleten mit, dass er nach einem Rennen erschöpfter ist, als er das als Fahrer war. Heute kann er seiner Mutter nachempfinden, die sich seine Abfahrten nie anschauen konnte: «Fährt einer ins Netz, sind das bange Minuten.»

Lüönd ist in Sattel SZ aufgewachsen, mitten im Skigebiet. Kam er vom Kindergarten und später von der Schule nach Hause, schnallte er sich die Ski um und bretterte los. Er gewann schon als Kindergärtler erste Skirennen und spielte nebenbei Fussball für den FC Ägeri. Mit 13 Jahren entschied er sich für den Skisport; die Freude am Tempo und der Bergwelt waren ausschlaggebend.

Schule und Training unter einem Hut
Nachdem er im regionalen Kader aufgenommen worden war, zog er nach Engelberg OW und besuchte die Sportschule. Die erste Zeit weg von zu Hause empfand er als hart. «Ich war erst 14 Jahre alt und vermisste meine Familie.» Auch an die intensiven Tage musste er sich erst gewöhnen. Vier Stunden pro Tag trainierte er, die restliche Zeit musste er pauken. Er war dankbar dafür, dass seine Eltern ihm ermöglichten, Schule und Sport unter einen Hut zu bringen: «Da gibt man auch alles.» Dass er sich einmal beim Training den Rücken brach und zwei Monate lang nur in einem Korsett liegen durfte, erwähnt er nur am Rand.

Für den Direktor Ski Alpin von Swiss-Ski, Stéphane Cattin (48), ist bei Nachwuchstalenten zwischen 16 und 18 Jahren ein kritischer Punkt erreicht. Für viele wird es schwierig, den Skisport mit der Ausbildung zu vereinbaren. Etwa 80 bis 90 Athleten werden in drei sogenannten Nationalen Leistungszentren ausgebildet. Sie bilden auf dem langen Weg an die Spitze die Stufe zwischen Regionalverband und dem Kader von Swiss-Ski.

Mit der Matura im Sack wurde Vitus Lüönd im Europacup aufgenommen – in der Vorstufe zum Weltcup. Vor allem die schnellen Disziplinen Abfahrt und Super-G lagen ihm. Als er dort das erste Mal auf dem Podest stand, sei die Frage «Studium oder Sport?» vom Tisch gewesen, sagt Lüönd. In den folgenden Jahren jobbte er im Frühling jeweils auf Baustellen, um etwas Geld auf die Seite legen zu können. Mit 25 Jahren machte er den Sprung ganz nach oben: Er stiess zum Weltcup-Team und zählte dort zu den besten 20 Rennfahrern.

Zwei Kreuzbandrisse und ein zertrümmertes Knie
Er träumte von Podestplätzen an Weltmeisterschaften und olympischen Spielen. Doch nach zwei Kreuzbandrissen zertrümmerte er sich bei einem Sturz an der WM in Schladming (2013) das rechte Knie. Einige Operationen und unzählige Therapien später, im Sommer 2015, stand er auf dem Gletscher in Zermatt wieder in den Startlöchern. Doch statt sich auf die bevorstehende Fahrt freuen zu können, empfand er nur Schmerzen. Innert Sekunden war ihm klar: Hier endet meine Skirennfahrerkarriere.

Die Jahre als Spitzensportler waren für Lüönd keine verlorene Jahre. «Ich habe dank des Skisports viel von der Welt gesehen und durfte einige Erfolge feiern. Zwar nicht ganz die, von denen ich geträumt habe.»
Ein bisschen stolz auf seine Karriere sei er dennoch. Seinen neuen Job liebt er. «Es erfüllt mich, etwas von dem weiterzugeben, was ich gelernt habe.» Er könne immer noch dieses Miteinander-unterwegs-Sein leben und viel Zeit draussen verbringen.

Ex-Eishockeyspieler Thomas Furrer

Thomas Furrer: «Bei der Automarke in der NHL angekommen.»
Thomas Furrer: «Bei der Automarke bin ich in der NHL angekommen.»

Eine Sekunde, ein Check – und es war aus

Thomas Furrer (25) gehörte zu den zwei Prozent, die es zum Profi schaffen. Heute kann er sich kein Eishockeyspiel mehr anschauen, zu sehr tut es weh, nicht mehr dazuzugehören. Er liebte es: den Eisgeruch, das Spiel, das Team, die Szenen in der Garderobe.

Angefangen hatte es vielversprechend. Furrer schlüpfte schon mit sechs Jahren in die ausgetragenen Schlittschuhe seines grossen Bruders Philippe (31), der heute für den HC Lugano spielt. Nach dem Training knebelten die Brüder in der Wohnung in Ostermundigen BE mit Kochkellen und einem Squashball weiter. Thomas Furrer trainierte stets mit den Älteren. «Ich war ein Überflieger», sagt er. Das schöne Spiel gefiel ihm: Er war der Techniker, nicht der Checker. Als er das Sportgymi besuchte, stand er vor und nach der Schule auf dem Eis oder stemmte Gewichte im Kraftraum.

Dann, 2011, im vierten Saisonspiel, erlitt er bei einem Check eine Gehirnerschütterung. Erst spielte er wie in Trance weiter. Dann lag er vier Wochen lang in einem dunklen Zimmer, acht Monate musste er pausieren. So kam es, dass er den ersehnten Nati-A-Vertrag mit einem renommierten Klub nicht unterzeichnen konnte. In einem Camp in Kanada kämpfte er sich zur alten Form zurück. Er war 21, Topscorer bei Sierre, es hiess: «Dä Furri isch zrugg.» Zehn Spiele lang war er in seinem Element, wieder lag ein Nati-A-Vertrag auf seinem Tisch. Doch dann: «Eine Sekunde, ein Bodycheck, und es war erneut aus.» Jahrelang durfte er keinen Sport mehr treiben.

Gut genug für den Traum
Zig Therapien und Teilzeitjobs liessen ihn nicht von seinem Plan abrücken. Er wollte es nochmals wissen. Trotz Herzrasen, Augenflimmern und Kopfschmerzen heuerte er im vergangenen Sommer beim HC Winterthur an. Er genoss das Comeback eine schöne Saison lang. Dann ein erneuter Check, und ihm war klar: Das wars.

«Hätte man mir als 19-Jährigem gesagt, ich sei zu schlecht, dann wäre es halt so gewesen», sagt er. «Aber ich weiss, ich war gut genug, um den Traum zu leben, für den ich 15 Jahre lang gekämpft hatte.» Furrer hadert damit, dass er nicht alle Karten spielen konnte. Doch er will nicht jammern. Vor Kurzem ist er in eine ganz andere Branche eingestiegen. Seit Februar arbeitet er als Autoverkäufer bei einem Mercedes-Händler. Furrer versuchts mit Humor: «Im Eishockey schaffte ich es nicht in die Nati A. Dafür bin ich bei der Automarke in der NHL angekommen.» 18 Wagen hat er bereits verkauft.

Noch immer leidet er an den Folgen seiner Verletzungen. Aber er gewinnt dem Pech auch Positives ab. Hätte er sich nicht verletzt, wäre er nie in Winterthur gelandet und hätte nie seine grosse Liebe, Stefanie Hess (25), kennengelernt. Heute sagt er: «Ich freue mich auf mein neues Leben.»

Ex-Goalie Diego Würmli

Vom Profi-Goalie zum Immobilienmanager: Diego Würmli
Vom Profi-Goalie zum Immobilienmanager: Diego Würmli

Fussball war mein Leben – aber ich bin eher der Sicherheitstyp

Jeder dritte Bub spielt in einem Verein Fussball, jeder Jahrgang bringt rund 15 000 neue Spieler. Rund 300 von ihnen schaffen es später in eine U-21 der Super-League-Klubs. Der letzte Sprung in die erste Mannschaft gelingt nur den wenigsten: Etwa drei Nachwuchstalente werden A-Nationalspieler und 10 bis 15 Profifussballer, schätzt Antonio Iacovazzo von der Swiss Association of Football Players, der Schweizer Vereinigung der Profi-Fussballer/-innen.

Diego Würmli (31) gewann 2002 mit der legendären U-17-Nationalmannschaft die Europameisterschaft in Dänemark. Er erinnert sich gern an das Turnier: «Wir waren 16 Jahre alt, Teenies, alles war sehr aufregend. Wir wohnten in einem Hotel und konnten das erste Mal die Vorzüge des professionellen Fussballs geniessen.» Mit dabei waren auch die heutigen Profis Philippe Senderos, Tranquillo Barnetta und Reto Ziegler.

Als Bub «tschuttete» Diego Würmli pausenlos. Mit 10 Jahren stiess er zu den Grasshoppers, mit 14 zum FC Zürich, mit 18 zum FC Basel in den Nachwuchs. Nebenbei schloss er eine Lehre zum eidgenössisch diplomierten Berufssportler ab, die es heute nicht mehr gibt. Er trainierte mehrmals die Woche als Torhüter, spielte gefühlte 100 Partien im Jahr, kickte in der Freizeit mit Freunden.

Nach dem Wechsel zum FC Basel in die U21 erhielt er später auch einen Profivertrag. Eine Zeit lang lief alles nach Plan. Dann musste er seinen Platz immer öfter mit jüngeren Goalies teilen. Einer von ihnen war Yann Sommer. Im dritten Vertragsjahr beim FCB begann er, die Dinge anders zu sehen. Lieber wollte er jetzt den Umstieg ins Berufsleben schaffen, als einer unsicheren Zukunft entgegenzublicken. «Fussball war mein Leben, aber ich bin eher der Sicherheitstyp.»

Talentierten Jungen rät er: «Mach es!»
Schnell fand er ein Praktikum in der Immobilienbranche und fühlte sich auf Anhieb wohl. «Jeder wohnt – es ist ein bodenständiger Beruf.» Seither hat er sich ständig weitergebildet und ist unter anderem Immobilienbewerter mit eidgenössischem Fachausweis und für eine börsenkotierte Immobilien-Aktiengesellschaft im Asset Management tätig. Zweimal die Woche spielt er mit dem FC Herrliberg in der 3. Liga Fussball – «mit dem besten Fussballverein der Welt». Zum Spass und für die Fitness.

Als Fan unterstützt er lieber den ZSC als einen Fussballklub. «Wenn man für GC, den FCZ und den FCB gespielt hat, kann man sich nicht mehr so gut mit einem einzigen Klub identifizieren.»
Jedem Zehnjährigen, der das Talent und den Willen für eine Fussballerkarriere hat, rät er: «Mach es!» Es sei eine tolle Lebensschule. Wehmut empfinde er keine. «Ich konnte immer Schritt für Schritt gehen – so hat es für mich gestimmt.» 

Autor: Monica Müller

Fotograf: René Ruis