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05. Oktober 2015

Abschied ist doch gar nicht so schwer!

Kinder haben viel Spass im Hort oder im Kindergarten. Trotzdem fliessen oft die Tränen, wenn sie sich am Morgen von den Eltern verabschieden müssen. Tipps, wie der Abschied leichter fällt.

Simone Reich bereitet Sohn für Hort vor
Simone Reich bereitet Sohn Lenny für den Weg in den Hort vor. Gutes Zureden ist oft nötig. Feste kleine Rituale am Morgen geben Sicherheit.

Lenny ist vier Jahre alt, drei Mal pro Woche geht er in die Krippe. Er geht gern, hat gute Gschpänli und fühlt sich wohl. Und doch gibt es immer wieder Krisen. «Oft ist es nach den Ferien besonders schwierig, wenn man im Alltag wieder Tritt fassen muss», sagt Mami Simone Reich (41).

Nach den letzten Ferien war es besonders hart. «Jeden Morgen nach dem Aufwachen hat er geheult und sich dagegen gesträubt, in die Krippe zu gehen. Er wollte einfach nicht weg von mir.» Zu Hause zu bleiben, lag aber nicht drin: Simone arbeitet an drei Tagen im Büro, ihr Mann Sascha hat eine Vollzeitstelle.

Für solche Situationen hat die Zürcherin vor allem ein Rezept: «Ich mache das, was ich jeden Morgen ­mache – unser Ritual: Ich lese ihm im Bett eine Geschichte vor, lege ihm die Kleider, die er anziehen muss, wie eine Figur auf den Boden, und wir putzen nach dem Frühstück zusammen die Zähne.» Sie ist überzeugt: «Rituale erleichtern den Alltag und helfen mit, schwierige Phasen zu meistern. Sie geben dem Kind Sicherheit, es kann sich an den Fixpunkten im Ablauf festhalten.»

Zudem redet sie ihm gut zu: «Ich erinnere ihn daran, wie lässig er die Krippe findet, dass er seine Gschpänli trifft, mit ihnen spielen kann und die Baggerecke hat, die es zu Hause nicht gibt», sagt Simone. «Es ist eine Welt, die er nur für sich hat und die ihm gefällt.»


Den Abschied möglichst kurz halten

Manchmal aber nützen alle Rituale und alles Zureden nichts. Ihr Sohn fängt in der Krippe an zu weinen, wenn sie sich verabschieden will. «Das Kind zu verlassen, wenn es weint, ist etwas vom Schlimmsten», sagt Simone Reich. In diesem Moment gibt es nur eines: den Abschied möglichst kurz zu halten, auch wenn das hart ist. «Das Kind trösten zu wollen, macht das Ganze nur schlimmer. Ich muss ihn von der Abschiedsszene erlösen, damit er neu einfädeln kann. Er schafft es nämlich schon!»

So sehr Lennys Heulen sie schmerzt, so gut weiss sie, wie schnell das vorbeigeht: «Sobald ich weg bin, erholt er sich innerhalb weniger Minuten und spielt mit seinen Freunden. Am Abend ist er happy und hat einen guten Tag gehabt.» Weint er, nimmt ihn eine der Betreuerinnen auf den Arm. Simone schleicht auch nie davon, sondern verabschiedet sich mit einem Küssli. Sie tut damit genau das Richtige. Am Morgen genug Zeit einplanen. Dies empfehlen nämlich auch die Profis.

Nach dem Frühstück zusammen die Zähne putzen.
Nach dem Frühstück zusammen die Zähne putzen: Eines der Rituale, die den bevorstehenden Abschied erleichtern.

Eltern- und Erwachsenenbildnerin Marlies Bieri (59), die in Uettligen BE die Beratungsstelle «ElternLehre» führt, kennt das Problem der Krippen-, Hort- und Kindergartenkrisen nur allzu gut (siehe Interview unten). Sie sagt: «Man sollte den Abschied kurz und klar halten, sich aber auch nicht davonschleichen.» Sie betont, dass man am Morgen grundsätzlich genug Zeit einplanen soll, damit man nicht in Stress kommt, was eine zusätzliche Belastung für Kind und Mutter ist.

Der Moment des Abschieds ist viel eher für Mütter als für Väter ein Knackpunkt. «Oft sind es die Mütter, die Schwierigkeiten mit dem Ablösen und unbewusst das Gefühl haben: Nun gebe ich das Kind schon wieder ab!», sagt sie. Und meint: «Die Frauen sollten sich stärker bewusst werden, dass Hort und Kindergarten eine Fülle von Anregungen bieten und wertvolle soziale Erfahrungen beinhalten.» Es gibt auch Tricks, wie man diese Augenblicke schmerzfreier gestalten kann. Was hilft, sind Abschiedsrituale. Das können etwa Zaubersteine, ein gezeichneter Smiley, eine gemalte Sonne auf der Innenseite des Handgelenks oder ein lustiges Winken mit der Zehe sein.

Ebenso wichtig ist es, dem Kind grundsätzlich gut zuzureden, Geduld zu haben und nicht sofort aufzugeben. Wenn man als Eltern an der Institution Krippe zu zweifeln beginnt, hat man oft schon verloren. «In schwierigen Momenten will ich unbedingt eine klare Ansage machen», sagt Simone Reich. «Denn Kinder spüren gut, wenn die Eltern unsicher sind.»

Bei Silvia Gerber (39) gab es Probleme, als ihre Tochter Emely (5) in den Kindergarten kam. «Sie jammerte und weinte jeden Tag und wollte nicht in den Kindergarten gehen.» Das war aber keine Option: Silvia arbeitet 70 Prozent, ihr Partner 90. «Ich redete ihr gut zu und musste mir am Morgen etwas mehr Zeit nehmen.»


Dem Kind etwas zutrauen

Manchmal half es, wenn Papi sie in den Hort brachte oder von dort wieder abholte. «Warum das nützte, wissen wir nicht», sagt die Bernerin ­lachend. Sie fanden bald heraus, was ihrem Töchterchen so Mühe bereitete – sie musste ­einen zweiten Abschiedsschmerz verarbeiten: Emely glaubte, dass die Erzieherinnen des Horts ebenfalls mit in den Kindergarten kommen würden. «Im Kindsgi war alles neu. Sie brauchte einfach länger, um sich einzugewöhnen», sagt Silvia. «Ich war überzeugt, dass sich das geben wird. Was ich aber sicher noch hätte besser machen können, wäre das schnelle, zackige Abschiednehmen. Ich bin immer etwas zu fürsorglich.»

Ob der Neuanfang nach den Ferien oder der Neustart an ­einem neuen Ort – nicht allen Kindern fällt dies leicht. «Solche Übergänge bedeuten eine grosse Herausforderung fürs Kind», erklärt Eltern- und Erwachsenenbildnerin Marlies Bieri. «Abläufe kennenzulernen und neue Regeln einzuhalten ist anstrengend. Manche Kinder haben Mühe damit.» Aber sobald das Kind sich damit vertraut gemacht hat, lernt es schnell, dass es Spass macht, aktiv zu sein und Aufgaben zu meistern. Und es hat Erfolgserlebnisse.

Stecken ernsthafte, tiefgreifende Probleme hinter der Unlust, in den Hort oder Kindergarten zu gehen, hilft ein Gespräch mit den Betreuerinnen. So oder so heisst es für die Eltern: Geduld üben, gut zureden, dem Kind etwas zutrauen und sich mit dem ­eigenen Schmerz des Loslassens auseinandersetzen.


Experteninterview

«Die Unlust hat immer einen Grund»

Marlies Bieri
Marlies Bieri (59) ist Eltern- und Erwachsenenbildnerin. Sie führt die Beratungsstelle «ElternLehre» in Uettligen BE.

Mit dem richtigen Verhalten der Eltern und des Hortpersonals lassen sich Widerstände des Kindes gegen die Betreuung abbauen. Fachfrau Marlies Bieri gibt Tipps.

Marlies Bieri, warum gehen Kinder manchmal nicht gern in Kinder­garten oder Hort – sind das Launen?

Unlust hat immer einen Grund, wobei unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen können: die Persönlichkeit und der Entwicklungsstand des Kindes, die Geschwisterposition, der Erziehungsstil der Eltern, das ­Umfeld, das Loslassen und der Neu­anfang – besonders auch nach Ferien.

Was heisst das?

Ein ängstliches, vorsichtiges Kind, das zuerst beobachten muss, wie etwas abläuft, braucht eine längere Eingewöhnungsphase als ein neugieriges Kind, das drauflosspringt und sich leicht auf Neues einlässt. Mit zwei bis drei Jahren findet zudem ein wichtiger Ablösungsprozess statt. Geht das Kind in diesem Alter in den Hort, kann das Trennungsängste auslösen.

Wie wichtig ist die Geschwisterposition?

Ist ein jüngeres Geschwister daheim, kann das ältere das Gefühl haben, zu Hause etwas zu verpassen, oder vermuten, dass das jüngere Territorium besetzt – beispielsweise mit seinen Spielsachen spielt oder etwas Besonderes unternehmen darf. Zudem: Erstgeborene haben keine geschwisterliche Vorbilder. Einzelkindern kann im Hort die alleinige Aufmerksamkeit fehlen, die sie daheim haben.

Wie wichtig ist das Umfeld im Hort oder im Kindergarten?

Es kann passieren, dass in der Gruppe etwas geschieht. Etwa, dass ein Kind abgewiesen wird oder zu wenig Anerkennung erfährt. Wenn eines sagt: «Mit dir wollen wir nicht spielen», kann das ein Kind stark treffen.

Welchen Einfluss hat die Erziehung?

Ein autoritativer Erziehungsstil, der Grenzen setzt und Freiraum ermöglicht, gibt dem Kind Sicherheit und Geborgenheit. Für Übergangssituationen bedeutet das: Eltern geben dem Kind neben der Verlässlichkeit das Gefühl, dass sie ihm den Entwicklungsschritt zutrauen. Kinder überfürsorglicher und verwöhnender Eltern fällt der Übergang schwerer.

Was können Eltern bei Hort-/Kindergarten-Unlust tun?

Es braucht eine grosse Präsenz der Eltern und den Austausch mit den Betreuungspersonen. Das Allerwichtigste jedoch ist, dem Kind zu zeigen, dass es bedingungslos geliebt wird. Eltern dürfen nicht gleich aufgeben oder nachgeben. Sie sollen das Kind ermutigen. Ist die Hürde gemeistert, ist das Kind stolz, wenn es in den Hort oder Kindsgi geht.

Wie kann das Personal helfen?

Die Eingewöhnungsphase lange genug ansetzen, damit die neue Umgebung nicht mehr fremd ist. Bringen die Eltern das Kind morgens rechtzeitig, hat das Personal Zeit, um auf das Kind einzugehen, ihm Geborgenheit zu schenken.

Haben sich die Probleme in den vergangenen Jahren verstärkt?

Wir haben bei der Beratungsstelle «ElternLehre» mehr Anrufe zum Thema. Die Kinder gehen jünger in den Kindergarten und stecken teilweise gerade in der zweiten Ablösungsphase. Zudem haben wir das Phänomen der sogenannten Helikoptereltern: Sie wollen das Beste fürs Kind und merken nicht, dass sie ihm mit der Rundumbetreuung keinen Gefallen tun.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Vera Hartmann