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13. Juli 2015

Den Abfallsündern auf der Spur

Die Stadt Basel beschäftigt vier vollamtliche Abfallkontrolleure: Sie sammeln Güsel ein, der nicht ordnungsgemäss deponiert worden ist, und versuchen Beweise zu sichern, anhand derer sie die Urheber überführen können.

Abfalldetektive Watson und Holmes bei der Arbeit
Die Abfalldetektive Watson und Holmes bei der Arbeit: Sie suchen nach Spuren der Person, die diesen Sack gefüllt hat.

Es riecht streng, nach einem Gemisch aus Fäulnis, Moder und Staub. Der Geruch strömt aus einem Abfallsack, der aufgeschlitzt auf einer Ablage aus Chromstahl liegt. Ein Mann in einem orangefarbenen Overall und mit einer Schutzmaske vor dem Gesicht wühlt mit Handschuhen zwischen schmierigen Speiseresten und verschmutztem Verpackungsmaterial. Vieles schiebt er schnell beiseite, doch hin und wieder schaut er genauer hin und entnimmt dem stinkenden Chaos ein Stück Papier oder Karton, das er seinem Kollegen weiterreicht.

Watson erkennt, wenn ein Profi am Werk war.
Watson erkennt, wenn ein Profi am Werk war.

Die beiden Männer wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Auch ein Bild, auf dem sie erkennbar sind, soll es nicht geben. Die beiden Mitvierziger bangen nicht etwa um ihren Ruf, sondern fürchten sich vor Belästigungen. Sie arbeiten als Abfallkontrolleure der Stadt Basel, und manch ein ertappter Abfallsünder ist ihnen nicht gut gesinnt. Darum sollen sie hier einfach Holmes und Watson genannt werden.

Wo Profis am Werk waren

Was sie genau suchen, wollen die Abfalldetektive nicht verraten. «Nach dem letzten Zeitungsbericht fanden wir während dreier Monate praktisch kein Beweismaterial, darum arbeiten wir jetzt undercover», erklärt Watson. Und Holmes fügt an: «Bei manchen Säcken erkennt man, dass ein Profi am Werk war.» Da seien dann alle Spuren, die auf die Täterschaft schliessen liessen, konsequent verwischt. Aber wie jeder Serientäter würden auch notorische Abfallsünder mal einen Fehler begehen.

Holmes wurde schon bedroht.
Holmes wurde schon bedroht.


Holmes macht den Job schon seit acht Jahren. Zu Beginn war er allein unterwegs. Nachdem er aber einmal bedroht worden war, stellte man ihm Watson zur Seite. 2012 schliesslich wurden nach einem bürgerlichen Vorstoss zwei weitere Stellen geschaffen.


An diesem Morgen haben die vier vollamtlichen Abfallinspektoren rund 30 Corpora Delicti eingesammelt. Die Säcke sind entweder zur Unzeit bereitgestellt worden, oder der Abfall steckt nicht ordnungsgemäss in einem blauen Bebbi-Sack, dem offiziellen Abfallsack der Stadt Basel. In vier Säcken finden Holmes und Watson Beweismaterial, das sie fein säuberlich in ein Klarsichtmäppchen ablegen und mit Zeit, Datum und Ort kennzeichnen.

Beweismittel fein säuberlich abgelegt
Beweismittel fein säuberlich abgelegt.

Spurensuche in der Datenbank

Später, im Büro, werden sie sich in die Datenbank der Einwohnerkontrolle einloggen und die Angaben auf dem Beweismittel überprüfen. Wenn ja, schreiben sie eine Ordnungsbusse: 200 Franken für wild entsorgten Abfall, 50 Franken für unzeitig deponierte Bebbi-Säcke. Oft erhalten sie im Anschluss böse Anrufe. Hin und wieder stehen Gebüsste sogar persönlich vor der Tür und wollen überprüfen, ob man ihnen tatsächlich etwas nachweisen kann. Manch einer hat dabei schon rumgeschrien. Zwar haben die Abfalldetektive alle den Weiterbildungskurs «Umgang mit schwierigen Kunden» besucht, aber manchmal kann auch eine geschickte Gesprächsführung die Eskalation nicht vermeiden. Darum ist das Amt seit ein paar Monaten mit einer Sicherheitstür ausgerüstet.

Das Motiv ist Faulheit und Geiz

Über das Motiv der Abfallsünder sind sich Holmes und Watson einig: Faulheit und Geiz. In vielen Säcken, welche die beiden Ermittler öffnen, stecken Pet- und Glasflaschen, Konservendosen, Zeitungspapier oder Elektroschrott. Alles Materialen, die rezykliert werden könnten. Aber anscheinend sind die Täter zu bequem, um diese an den jeweiligen Entsorgungsstellen abzugeben, und zu geizig, um den zusätzlichen Abfall, den sie durch ihre Bequemlichkeit verursachen, zu berappen – also stecken sie ihren Müll einfach in einen normalen Sack statt in einen gebührenpflichtigen Bebbi-Sack und hoffen, dass die Müllmänner ihn trotzdem mitnehmen.

Der Siedlungsabfall hat von 1970 bis 2013 von rund 2 auf 5,7 Millionen Tonnen zugenommen. Gleichzeitig hat sich die Abfallmenge, die in den Kehrichtverbrennungsanlagen landet, stabilisiert.
Der Siedlungsabfall hat von 1970 bis 2013 von rund 2 auf 5,7 Millionen Tonnen zugenommen. Gleichzeitig hat sich die Abfallmenge, die in den Kehrichtverbrennungsanlagen landet, stabilisiert.

Seit 1983 gilt in der Schweiz das Verursacherprinzip: Wer Abfall erzeugt, muss für seine Entsorgung aufkommen. Deshalb haben die meisten Gemeinden bereits vor rund 30 Jahren gebührenpflichtige Säcke eingeführt. Weil die Bevölkerung so über das Portemonnaie zum Rezyklieren motiviert wird, hat sich die Recyclingquote seit 1983 verdreifacht.

Der Gebührensack erfüllt seine Funktion offensichtlich. «Trotzdem gibt es noch immer Leute, die gegen das System rebellieren», meint Watson. Das Täterprofil unterscheide sich je nach Tatort und sozialem Umfeld deutlich. Was auffällt: In Kleinbasel, wo viele Einwohner mit Migrationshintergrund leben, gebe es mehr wild deponierte Abfallsäcke als etwa auf dem Bruderholz, wo die Reichen wohnen. «Das heisst aber nicht, dass es in besseren Quartieren keine Abfallsünder gibt. Die sind bloss diskreter oder entsorgen ihren Müll zuweilen einfach in die öffentlichen Abfallkübel», sagt Watson. Wer von den Abfalldetektiven dabei ertappt wird, bezahlt 100 Franken.

Der Abfallberg könnte mit konsequentem Trennen um mehr als die Hälfte reduzierte werden: Mit 32,2 Prozent machen die biogenen Abfälle den grössten Anteil am Kehricht aus, gefolgt von Papier, Verbundwaren und Kunststoffen.

Der Abfallberg könnte mit konsequentem Trennen um mehr als die Hälfte reduzierte werden: Mit 32,2 Prozent machen die biogenen Abfälle den grössten Anteil am Kehricht aus, gefolgt von Papier, Verbundwaren und Kunststoffen. Zum Vergrössern anklicken!

Auch Littering können die Detektive ahnden, wenn sie jemanden in flagranti dabei erwischen, das Bussengeld beträgt 80 Franken. «Es ist aber nicht so, dass wir an einem schönen Sommerabend durch die Stadt gehen und Bussen am Laufmeter schreiben», sagt Holmes. Ihre Anwesenheit diene vor allem der Prävention. «Wir suchen das Gespräch und bitten die Leute, ihren Abfall mitzunehmen, wenn sie den Platz verlassen.» Oft bekämen sie von vorlauten Jugendlichen zu hören, dass Littering eine gute Sache sei, da dadurch Arbeitsplätze geschaffen würden. «Aber das stimmt nicht: Unsere Kollegen von der Stadtreinigung haben auch so genug Arbeit, und der Steuerzahler will nicht noch mehr Geld für die Reinigung ausgeben.»

Alles voller Schleim Maden und Fliegen

Wie ihre Kollegen von der Polizei leiden Watson und Holmes zuweilen darunter, dass man sie vor allem negativ wahrnimmt: «Wir machen unsere Arbeit in erster Linie nicht gegen die Abfallsünder, sondern für jene Leute, die es gern sauber und ordentlich haben – und für die Umwelt.» Sie würden auch nicht zum Spass im Abfall wühlen: «Gerade im Sommer ist das einfach nur grusig. Alles voller Schleim, Maden und Fliegen.» Aber der Job habe auch seine guten Seiten: «Zu unseren Aufgaben gehört unter anderem auch, einfach mal im Park zu sitzen und die Leute zu beobachten.»

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Basile Bornand