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11. Juli 2016

Aber bitte mit Musik!

Auch für Musik
Auch für Musik muss man (sich) rüsten ...

Schon während der Zugfahrt nach Frankfurt war Kai, unser Reiseleiter, ganz aufgeregt. «Heut Abend müsst ihr unbedingt ‹Handkäs mit Musik› probieren, dazu wird ‹Äppler› getrunken», schwor er uns auf die lokalen Spezialitäten ein. Zwar dürstete manch einen aus unserem Fussballteam nach einem kühlen Bier, aber Kamerad Kai nötigte uns, kaum angekommen, zum Konsum von Apfelwein. Und alle bestellten wir, ahnungslos, Handkäs. «Aber unbedingt ‹mit Musik›!», rief er, der Ortskundige, der Serviererin noch nach.

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) über kulinarische Eigenheiten

Handkäs stellte sich als zäher Sauermilchkäse heraus, mit Apfelwein übergossen, mit Kümmel garniert. Derweil Kai schon seine dritte Portion bestellte, taten wir anderen uns vor allem mit der «Musik» schwer: haufenweise Zwiebelringe. «Mit Musik», merkten wir, ist eine frankfurtische Umschreibung fürs Furzen. Ich war froh, dass ich für die Nacht ein Einzelzimmer gebucht hatte.

Wer übrigens nicht aus Hessen stammt, für den schmeckt der hochgelobte «Äppler» eher wie Essig. Aber so kann es gehen: Für den lieben Teamkollegen, der lange Jahre in Frankfurt gelebt hat, sind Äppler und Handkäs der Himmel auf Erden. Für uns waren sie … na, ja – gewöhnungsbedürftig.

Eigentlich hatte ich bei Frankfurt ja eher an Frankfurter Würstchen gedacht. Aber die heissen dort Wienerchen. Eigenartig: Der Brüsseler heisst in Brüssel Chicorée, die spanischen Nüsschen in Spanien Cacahuetes, und Luxemburgerli gibts nur in Zürich. Ein Bewohner der deutschen Hauptstadt, ein Berliner, kennt kein Gebäck selbigen Namens. Für manche bedeutet «Pariser» nicht, was Sie jetzt denken, sondern eine florettähnliche Stichwaffe, für andere bezeichnet «Pariser» eine österreichische Brühwurst, für wieder andere ein Brot – das in Paris selber freilich Baguette heisst.

Und den Hamburger? Nennen sie in Hamburg Frikadelle. Schwägerin Marianne sorgte an einer Familienzusammenkunft mal für den Gag des Tages. Wir hatten ein «italienisches Buffet» vereinbart, sie buk Mailänderli – im Hochsommer. Unnötig zu erwähnen, dass in Mailand kein Mensch weiss, was Mailänderli sind.

Mir fällt die vielsprachige Speisekarte in Kroatien ein, auf der regionale Spezialitäten auf Deutsch mit «Geschmack muss!» markiert waren. Offenbar hatte jemand «Must taste!» – etwa: Das müssen Sie probiert haben! – gar eigensinnig übersetzt. Doch es wurde in unserer Familie zum geflügelten Wort. Kommt seither etwas Feines auf den Tisch, ertönts im Chor: «Geschmack muss!».

Und sollte ich je wieder nach Frankfurt kommen, ich werde Handkäs bestellen. Denn jetzt, in der Erinnerung, dünkt er mich schon fast fein. Und natürlich werde ich der Bedienung jovial zuraunen: «Mit Musik, versteht sich!».

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli