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08. August 2016

Abenteuer Schulweg

Für die Kinder der Familien Furrer und Töngi ist der Weg zur Schule jeden Tag eine Entdeckungsreise. Er führt sie durch den Wald oder mit der familieneigenen Seilbahn in schwindelerregende Höhen.

Abenteuer Schulweg
Tamara (10), Chantal (8) und Köbi (6) unterwegs durch den Wald zur Schule. Im Hintergrund ihr Elternhaus.

Handyempfang? Fehlanzeige. Fährt man auf den kurvigen Strassen zur Familie Furrer ins luzernische Napfgebiet, spürt man schnell: Hier oben laufen die Dinge noch etwas anders. Das Haus der Familie Furrer liegt eingebettet zwischen Waldstücken und grünen Hügeln 300 Meter oberhalb des Dorfes Romoos. Neu gebaut wurde das Bauernhaus vor zwölf Jahren, vorher lag an kalten Wintertagen zuweilen noch Schnee auf den Bettdecken.

Heute füllen die Kinder Tamara (10), Chantal (8), Köbi (6) und Lukas (3) das Haus mit Leben. Dazu gehören ein Hund, zwei Katzen, vier Hühner, sechs Freiberger Pferde, ein Fohlen, ein Shetlandpony, zwölf Mutterkühe, Kälber und im Winter neun Rinder. Hund Tina schläft im Heu oder bei den Pferden im Stroh; im Hintergrund surrt die Heubelüftung. Schweizer Landidylle wie aus dem Bilderbuch.

Die Eltern, Sandra und Jakob Furrer, haben sich 2004 an der Fasnacht kennengelernt. Jakob Furrer (38) ist auf dem «Leerboden» aufgewachsen und ging früher alleine durch den Wald zur Schule. Dass also auch seine Kinder später diesen Weg nehmen würden, lag auf der Hand.

Durch das steile Waldstück
Durch das steile Waldstück

Durch das steile Waldstück geht es 15 Minuten hinauf zur Strasse und dem Schulbus ...

Tagwache ist um 6.10 Uhr; zum Zmorge gibts «Ankebrötli» und Milch. Eine Stunde später geht es los: Im Gänsemarsch steigen Tamara, Chantal und Köbi die steile Wiese hinter dem Haus hoch. Vorbei am Plastikplanschbecken, an der Wäscheleine und am Trampolin.

Bevor die Kinder im Wald verschwinden, winken sie Mutter Sandra (35) noch einmal zu. Und dann fängt das Abenteuer an: Tellergrosse Pilze, wilde Beeren und manchmal sogar Rehe warten auf sie. «Wenn wir Tiere beobachten, müssen wir immer schauen, dass wir die Zeit nicht vergessen», erzählt Tamara.

In der Mitte des Wäldchens geht eine Strasse hindurch. Dort steigen die Kinder in einen privaten Kleinbus. Zwei Bauernfrauen und zwei Bauern, darunter der Gemeindepräsident, wechseln sich mit dem Fahrdienst ab und bringen die Truppe in die Schule nach Romoos.

«Der Wald ist für mich nicht ­gefährlicher als die Stadt. Hier in Romoos kennt man sich: Wenn die Busfahrer ein Auto sehen, das nicht zu Romoos gehört, werden die Kinder nach Hause begleitet», erzählt Mutter Sandra. Chantal habe manchmal schon ein mulmiges Gefühl, wenn es dämmrig ist: «Dann habe ich etwas Angst vor dem Dachs. Ich habe gehört, die können einem die Finger abbeissen!», sagt sie.

Diese Sorgen hat der Kleinste noch nicht: Lukas darf erst in zwei Jahren mit den Grossen mitlaufen. Bis dann bleibt er zu Hause bei der Mutter, seinen Puzzles und den Hasen im Stall des Nachbarn.

Zur Schule mit der Seilbahn

45 Autominuten Richtung Nordosten befindet sich im Kanton Nidwalden der nächste spezielle Schulweg: Auf der Hinter Rugisbalm in der Nähe von Grafenort OW lebt die Familie Töngi auf 880 Metern in einem Mehrgenerationenhaushalt verteilt auf mehrere Häuser. Die Jüngsten der dritten Generation sind Simon (12) und Patrick (9).

Die Schule der Buben ist in Wolfenschiessen im Tal unten. Ein Problem? Keineswegs. Denn zur Familie Töngi gehört eine Seilbahn, die derzeit von der ganzen Familie betrieben wird. Das Bähnli wurde 1950 vom Grossvater gebaut. Für die 800 Meter und 280 Höhenmeter ist man vier Minuten unterwegs.

«Ich freue mich nicht immer aufs Bähnli. Von der Kabine aus sehen wir Gemsen oder Rehe. Doch im Winter ist es furchtbar kalt. Zum Glück dauert die Fahrt nicht so lange», erzählt Simon. Eines Tages möchte er den Bähnlibetrieb übernehmen.

Wenn die Buben bei der Talstation beim Luterseebach angekommen sind, wartet vorne bei der Brücke an der Engelberger Aa der Schulbus, der sie in zehn Minuten zur Schule in Wolfenschiessen bringt.

im familieneigenen Seilbähnli
im familieneigenen Seilbähnli

Vier Minuten dauert die Reise für Simon (rechts) und Patrick hinunter nach Wolfenschiessen.

«Wenns windet und es in der Kabine ruckelt, fahre ich gar nicht gerne Seilbahn – die Kinder haben das ­natürlich am liebsten», erzählt Mutter Pia (40) und lacht. Manchmal falle der Betrieb jedoch ganz aus: «Bei Gewitter fahren wir nicht. Dann müssen auch Wandergäste warten. Bei Sturm oder starkem Schneefall können wir zudem die enge Forststrasse nicht benutzen. Dann sind wir hier etwas gefangen. Gerade im Winter, wenn unsere Autos auf den Parkplätzen bei der Talstation sind, weil der Weg auch mit Ketten zu gefährlich ist.»

Fällt die Schule aus, finden das die Kinder alles andere als schlimm. «Hier oben hat man mehr Freiheiten als im Dorf. Wir können nach oben zum See gehen, nach unten zum Bach, oder wir sind im Wald. In der Werkstatt des Vaters basteln wir Holzfiguren, oder wir fahren mit den Töffli herum», schwärmt Simon.

Mittlerweile hat jedes Familienmitglied einen Schlüssel zur Bahn. So können die Töngis auch nachts alleine hochfahren, ohne dass oben jemand warten muss. Ihren Schulweg finden Patrick und Simon nicht speziell: «Wir sind mit dem Bähnli aufgewachsen, das gehört zu uns», sagt Patrick.

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Mischa Christen