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14. November 2011

Abenteuer Atlantik

Mächtige Eismassen, atemberaubende Landschaften und Pinguine à gogo: Eine Reise in die Antarktis gehört zu den letzten Abenteuern der Gegenwart. 18 Tage unterwegs mit dem Expeditionsschiff «MS Hanseatic».

Die "MS Hanseatic"
Vor Anker in der Paradise Bay: die "MS Haseatic" mit ihren 123 Meter Länge.

Als sich die Passagiere des Expeditionsschiffs «MS Hanseatic» der Bucht Gold Harbour nähern, bläst ihnen ein eisiger Wind um die Ohren. Wellen klatschen gegen die motorisierten Schlauchboote, wie wenn sie etwas gegen die Neuankömmlinge in ihren roten Parkas hätten. Im Hintergrund erheben sich gewaltige Gletscher. Atemberaubend beim Landgang auf der Insel Südgeorgien ist nicht nur die Landschaft, sondern auch der beissende Geruch, der in der Luft liegt.

Königspinguine aus Südgeorgien
Königspinguine aus Südgeorgien gehören zu den Höhepunkten einer Antarktisexpedition.

Kein Wunder, besteht das Empfangskomitee doch aus Zehntausenden von Königspinguinen. Die bis zu 95 Zentimeter grossen Vögel verursachen mit ihrem Geschnatter einen ohrenbetäubenden Lärm. Nichtsdestotrotz ist das Erlebnis in dieser kargen Landschaft an Schönheit kaum zu überbieten. Denn mit ihrer gestochen scharfen, bunten Gesichtszeichnung gehören die Königspinguine zum Beeindruckendsten, was die Vogelwelt zu bieten hat.

Zwischen Pinguinkolonie und Eisbergfriedhof

Für Thilo Natke (53) gehört Gold Harbour mit der riesigen Königspinguinkolonie zu den Höhepunkten einer Antarktis reise. Der norddeutsche Kapitän des Luxusschiffs «MS Hanseatic» muss es wissen, fährt er doch seit 21 Jahren zum Weissen Kontinent, und dies schon mehr als 70 Mal. «Jede Expeditionsreise ist durch das Wetter und unterschiedliche Eisverhältnisse einzigartig, obschon sich die Fahrtrouten ähneln», sagt er beim Gespräch in seiner Kabine, die sich vor der Kommandobrücke befindet. Bei der einen Reise verunmögliche ein Sturm mit Windstärke 10 mitten

Kabinen der «MS Hanseatic»
Die 88 Kabinen der «MS Hanseatic» sind mindestens 22 Quadratmeter gross.

im antarktischen Sommer Anlandungen mit den Zodiacs. Danach scheine drei Tage lang die Sonne, und Wale tauchten auf. Immer wieder ergeben sich aber auch heikle Situationen — obwohl die «MS Hanseatic » der höchsten Eisklasse für Passagierschiffe angehört. Etwa wenn der Kapitän sein Schiff im Slalom durch einen sogenannten Eisbergfriedhof steuern muss, eine Gegend mit auf Grund gelaufenen Eisbergen. «Wir können zwar ohne Gefahr durch rund 50 Zentimeter dickes Eis fahren, aber Eisberge sind etwas anderes.»

Als Kapitän muss Thilo Natke mit dem Expeditionsleiter das Programm täglich neu gestalten. Und dieses Mitgestalten einer Reise fasziniere ihn. Eine Antarktisreise mit der «MS Hanseatic» sei keine Kreuzfahrt, sondern eine Expedition, bei der zeitlich einzig die Abfahrt und Ankunft in Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens, definiert ist. Die Argentinier betiteln den Ausgangsort für Antarktisexpeditionen übrigens wenig zimperlich mit «el culo del mundo», was frei übersetzt «der Arsch der Welt» bedeutet.

Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens
Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens, ist Ausgangspunkt der meisten Antarktisreisen.

Einmal hatte Natke in der berühmtberüchtigten Drake-Passage von der Antarktischen Halbinsel zur Südspitze Argentiniens gegen Windstärke zwölf und zehn Meter hohe Wellen zu kämpfen. «Das ist sehr unangenehm, weil man befürchten muss, dass sich die Passagiere bei diesem Seegang verletzen», sagt Kapitän Natke nüchtern.

Der grösste Natur- und Tierpark der Welt – auf kleinem Raum

Während des europäischen Winters hätten die Sommerstürme in der Antarktis in den letzten 20 Jahren zugenommen, gleichzeitig würden sich die Gletscher als Folge der globalen Erwärmung zurückziehen, erklärt Thilo Natke. Ein Sommer in der Antarktis lasse sich mit einem durchschnittlichen Wintertag im Schweizer Mittelland vergleichen; selbst in kurzen Nächten gebe es Plusgrade. «Wenn Sie mit dem Wetter nicht zufrieden sind, kommen Sie in vier Stunden wieder», sagt Natke und spricht damit den wechselhaften Wettercharakter an.

Robbe
In und um die antarktischen Gewässer tummeln sich rund sechs Millionen Robben.

Fasziniert ist der 53-Jährige von «diesen Massen an Tieren auf kleinem Raum» und spricht vom grössten Natur- und Tierpark der Welt. Obwohl bis Anfang der 1980er-Jahre über 1,5 Millionen Pelzrobben erlegt worden sind und diese einst vom Aussterben bedroht waren, tummeln sich heute sechs Millionen solcher Seebären in den antarktischen Gewässern. Nicht erholen konnten sich hingegen die Walbestände. Auf Südgeorgien, dem einst weltweit wichtigsten Ort für den Walfang, erinnern verrostete Walverarbeitungsanlagen daran, dass bis 1965 ganze 1,5 Millionen Wale wegen des Trans abgeschlachtet wurden. Trotzdem kann Thilo Natke seinen 160 Gästen ein Walversprechen abgeben. Und tatsächlich: Drei Exemplare der imposanten Säuger zeigen sich im Verlauf der Reise — ein unvergessliches Treffen.

So wie die Ausflüge zu den Pinguinen: Auf der Fahrt von der Südspitze Argentiniens bis über den Südpolarkreis hinaus und wieder zurück begegnen einem während der 16 Landgänge ein halbes Dutzend verschiedene Arten dieser putzigen, flugunfähigen Vögel, die besonders neugierig sind und gern mal die «roten Pinguine», die Passagiere in ihren Parkas, beschnuppern.

In Vorträgen bringen Lektoren den Passagieren die Antarktis näher

Kapitän Natke lädt zum siebengängigen Galadinner ein. Während rosa gebratener Elchrücken unter einer Preiselbeerkruste mit Brandysauce und Steinpilzrisotto serviert wird, fährt die «MS Hanseatic » an riesigen Eisbergen vorbei. Auf einigen von ihnen haben sich Pinguine breitgemacht. Sie scheinen zu wissen, dass sie hier vor den im Wasser lauernden Seeleoparden in Sicherheit sind.

70 cm kleine Zügelpinguine
Süd-Orkney-Insel: Der nur 70 cm kleine Zügelpinguin ist der grosse Star des Landgangs.

Die Expeditionsteilnehmer kennen inzwischen die Gesetze der Natur. Den fünf Lektoren an Bord ist es gelungen, den Passagieren während der 18-tägigen Reise die bis anhin unbekannte Welt der Antarktis mit Vorträgen näherzubringen. Inzwischen weiss jeder, dass Eisbären lediglich in der Arktis und im Zoo leben. Als die Häuser von Ushuaia am Horizont auftauchen, gleicht das einer Rückkehr in die Zivilisation.

Nach und nach schwindet das Polarforschergefühl. In Erinnerung bleibt neben dem einzigartigen Naturerlebnis ein nicht ganz ernst gemeinter Rat von Kapitän Thilo Natke. Auf die Frage, was Antarktispassagiere bei Seekrankheit tun sollen, sagt der Offizier mit einem Lächeln: «Unternehmen Sie einen Waldspaziergang, und gönnen Sie sich nach der Antarktisreise ein paar Tage Ferien. »

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild