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05. Dezember 2016

Ab in die Lehre – statt Schulbank drücken

Ist das zehnte Schuljahr die richtige Wahl für Schüler, die sich für keine Lehre entscheiden oder keine Lehrstelle finden können? Nein, findet der Zürcher Bildungsrat. Ab 2017 sollen im Kanton nur noch Junge mit Bildungslücken ein Überbrückungsjahr einschalten dürfen.

Ab in die Lehre – statt Schulbank drücken
Kein Überbrückungsjahr für Unentschlossene: Das zehnte Schuljahr macht nur für Junge mit Bildungsdefiziten Sinn.

Es gibt wieder mehr offene Lehrstellen: Gemäss Hochrechnungen von Ende August wurden von 94 500 angebo­tenen Lehrstellen 84 500 vergeben. Obwohl 10 000 Stellen unbesetzt geblieben sind, haben viele Junge nach der ­obligatorischen Schule keine Ausbildungsstelle gefunden. Das zehnte Schuljahr soll ihnen helfen, den Anschluss in die Berufswelt zu finden.

In Zürich nutzen 15 Prozent der Jugendlichen diese Angebote, in Basel-Stadt 30 Prozent. Nun soll im Kanton Zürich die Zulassung zum 10. Schuljahr beschränkt werden: Es sollen nur noch Junge mit Bildungslücken aufgenommen und so 1,4 Millionen Franken gespart werden. «Der Sparauftrag hat auch eine positive Seite», sagt André Woodtli (54), Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. Er zwinge die Fachleute dazu, die Situation neu zu analysieren.

Die Angebote des zehnten Schuljahres sind zuzeiten der Lehrstellenknappheit entstanden. Jetzt sollen die Brückenangebote kritisch beleuchtet und dem Lehrstellenmarkt angepasst werden. «Die Sonderbetreuung nach Abschluss der Volksschule darf nicht zum Regelfall werden», sagt Woodtli.

Für Jugendliche, die noch reifen müssten, sei das Berufsvorbereitungsjahr eine gute Sache, sagt der Arbeitsmarktspezialist, «für Schulmüde kann es aber schlechte Nebenwirkungen haben». Ihnen würde der Einstieg in die Berufswelt mehr entsprechen, auch wenn sie nicht ihre Traumstelle antreten können. Auch die zweite und dritte Wahl sei zumutbar, so Woodtli, «vor allem in unserem Bildungssystem, das ­viele verschiedene Ausbildungs­wege ermöglicht». 

André Woodtli (54) ist Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich
André Woodtli (54) ist Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. (Bild zVg)

«Noten sagen nichts darüber aus, wie sich jemand in den kommenden Jahren entwickelt»

In diesen Wochen werden Tausende Lehrverträge unterzeichnet. Wie schwierig ist es heute, eine passende Lehrstelle zu finden?

Die Jugendlichen haben eine grosse Wahlfreiheit. Die Lehrstellensuche beinhaltet drei verschiedene Fragen: Welche Branche interessiert mich? Welchen Beruf möchte ich lernen? Welcher Betrieb entspricht mir? Früher bekamen die Jugendlichen eine Zusage und hatten keine Wahl. Heute haben sie vielleicht drei, vier Möglichkeiten für eine Lehrstelle und sind in einer stärkeren Position.

Als Stichtag für den Abschluss eines Lehrvertrags galt lange der 1. November. Grossfirmen halten sich seit einigen Jahren nicht mehr an dieses Gentlemen’s Agreement. Was be­deutet das für die Jugendlichen?

Die Entscheidung, wie die Weichen für die Zukunft gestellt werden, sollte nicht unter Zeitdruck geschehen. Dieser Prozess sollte entschleunigt werden. Analysen von Lehrabbrüchen zeigen, dass zum Teil unter Druck vorschnell entschieden wurde. Wir finden diese Entwicklung gar nicht gut – weder für die Jugendlichen noch für die Lehrbetriebe. Je besser ein Jugend­licher weiss, was er will, und je sicherer sich ein Betrieb ist, den richtigen Jugendlichen gefunden zu haben, desto erfolgreicher wird die Zusammenarbeit.

Sind die schulisch Besten auch die besten Kandidaten?

Noten sagen nichts darüber aus, wie sich jemand in den kommenden vier Jahren entwickelt. Jugendliche sind sehr veränderungsfähig. Nicht umsonst gibt es die Redensart: «Bei ihm ist der Knopf aufgegangen». Vielleicht hat ein Jugendlicher die Oberstufe verschlafen, weil anderes in seinem Leben wichtiger war. Wird er nun aber in der Berufswelt gebraucht, kann er sich bewähren. Lehrmeister erzählen mir immer wieder, wie junge Frauen und Männer sie überrascht haben. Jugendliche sind unberechenbar im positiven Sinn, wir müssen an sie glauben.

Die Lehre führt heute nicht mehr zum Beruf fürs Leben. Welche Kritierien sollte sie erfüllen?

Das Tolle an der Lehre ist, dass sich Jugendliche in der Arbeitswelt auf einem Übungsfeld bewegen können. Beides muss gegeben sein, damit Lernende profitieren. In den Lehrjahren geht es für junge Menschen darum, für sich folgende Fragen zu klären: Wer bin ich? Was will ich? Wie kann ich es realisieren? Das sind die wichtigen Fragen im Leben, die später, zum Beispiel auch bei der Partnersuche, entscheidend sind. Ideal ist es, wenn ein Jugendlicher findet, er habe die allerbeste Lehrstelle im allerbesten Betrieb mit dem allerbesten Lehrmeister. Aber die Realitätist eine andere.

Welche?

Der Lehrstellenmarkt ist eben auch ein Arbeitsmarkt. Man kann viel lernen, wenn man an einem Ort startet, der nicht perfekt ist. Auch ich habe nicht alle Stellen bekommen, auf die ich mich beworben habe. Dafür haben sich andere Türen geöffnet.

Sind die Jungen zu anspruchsvoll?

Nein, ich denke nicht. Viele Informationen und Möglichkeiten zu haben, hat auch seine Schattenseiten. Der Berufsfindungsprozess ist mit harter Arbeit verbunden, die den jungen Menschen schon früh zugemutet wird. Das ist nicht einfach.

Das KV bleibt die beliebteste Ausbildung. Derweil sagen Studien voraus, dass die Digitalisierung kaufmännische Berufe überflüssig machen wird.

Das KV hat ein extrem gutes Image. Wohl weil in kaufmännischen Berufen gute Karrierechancen bestehen. Die Jungen denken durchaus materiell, wir erziehen sie ja auch so. Das KV bietet eine gute Basis und einen Start in die Arbeitswelt. Die Digitalisierung wird alle Berufe verändern. Dass kaufmännische Berufe überflüssig werden sollen, glaube ich nicht. Alle Branchen aber werden sich neuen Herausforderungen stellen müssen.

André Woodtli (54) ist Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich.

Autor: Monica Müller