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13. Februar 2012

Aargauer Abfallkönigin

Karin Bertschis Recycling-Paradies ist keine gewöhnliche Sammelstelle. Sie ist stöckelschuhtauglich und kinderfreundlich. Und sie läuft so gut, dass die erst 21-jährige Aargauerin bereits Expansionspläne hegt.

Karin Bertschi auf dem Bagger
Karin Bertschi träumte davon, Militärpilotin zu werden. Heute fährt sie Bagger.

Recycling und Verbrennung fast gleichauf: Die Online-Infos zur Abfall- und Recyclingmenge der Schweizer.

Reinach AG, Industrie Moos. Ein scharfer Wind bläst lose Zeitungen über den Werkhofplatz, rüttelt an einem Stapel rostiger Wellbleche und peitscht Karin Bertschi die langen Haare ins Gesicht. Die 21-Jährige wirft die Tür ihres Baggers mit einem lauten Knall zu.

«Gömmer i mis Paradies», sagt sie und stiefelt los, vorbei an Bergen von Altglas, Pet-Flaschen und ausgeschlachteten Autos. Rein in die lichtdurchflutete Werkhalle, rauf in den Bürocontainer, der auf hohen Stelzen über dem Ganzen thront. Auch hier fliegt die Tür mit einem Knall ins Schloss. «Ich hab manchmal etwas gar viel Energie», entschuldigt sich die Geschäftsführerin der Sammelstelle Recycling-Paradies und lässt sich auf ihren Bürostuhl plumpsen.

Abfallentsorgung wird stubenrein

Die Aargauerin hat nicht nur viel Energie, sondern auch gute Ideen. Für den Einfall, dem gängigen Müllhaldenmief der Abfallsammelstellen den Kampf anzusagen und Recycling sozusagen stubenrein zu machen, erhielt sie 2011 den mit 50'000 Franken dotierten «Prix Evenir». Dieser Nachhaltigkeitspreis wird von der Erdölvereinigung vergeben. Ausserdem wurde sie von der Neuen Aargauer Bank als «Vize-Aargauerin des Jahres 2011» ausgezeichnet.

«Recycling soll keine lästige Pflicht, sondern mit guten Gefühlen verbunden sein», sagt Karin Bertschi. An oberster Stelle stehe die Kundenfreundlichkeit. Herzstück ihres im Frühling 2010 eröffneten Recycling-Paradieses ist die rund 900 Quadratmeter grosse, moderne Stahlhalle. Ähnlich wie bei einem Drive-in-Restaurant können die Besucher mit dem Auto zum Entsorgen vorfahren — «stöggelischuhtauglich und vierspurig», betont die Chefin.

Recycling soll mit guten Gefühlen verbunden sein.

Das Recycling-Paradies nimmt mehr als 30 Entsorgungs- und Recyclinggüter entgegen. Gratis. Nur gemischter Abfall, Holz, Kompost und Steingut sind kostenpflichtig. Dennoch schreiben die junge Geschäftsfrau und ihre sechs Mitarbeiter bereits schwarze Zahlen: Für Pet-Flaschen, Büchsen und Elektrogeräte werden sie über die vorgezogenen Recyclinggebühren entschädigt, Alteisen und Altpapier verkauft Karin Bertschi auf dem freien Markt. «Das Abfallgeschäft ist ein Business wie jedes andere.»

Die junge Frau muss es wissen. Ihr, die im nah gelegenen Leimbach wohnt und in ihrer Freizeit klettert und reitet, ist das Geschäft mit dem Kehricht in die Wiege gelegt worden. Bereits als Kind habe sie sich jeweils gemeinsam mit ihren drei Geschwistern im elterlichen Betrieb, der Bertschi Mulden und Container Transporte AG, rumgetrieben, erzählt sie. «In der Schule war ich oft das Abfallmeitli» — eine Bezeichnung, die sie nicht als negativ empfand.

Schulfreie Nachmittage auf der Sammelstelle

Als der Vater 1999 auf seinem Recyclinghof den Betrieb der offiziellen Sammelstelle für die Gemeinden Reinach und Leimbach übernommen hatte, verbrachte sie ihre schulfreien Nachmittage damit, beim Entsorgen zu helfen — aus reiner Freude an der Sache, wie sie betont. Für sie war es nur logisch, die Lehre als Kauffrau im elterlichen Betrieb zu absolvieren. «Auch wenn der Papa mich gern als Anwältin gesehen hätte».

Nach der Stifti entschloss sie sich, bei der Luftwaffe die Rekruten- und Offiziersschule zu machen. «Militärpilotin, das wäre mein Traum gewesen, der sich aber leider aus gesundheitlichen Gründen zerschlug.»

Stattdessen startete sie daheim durch. 2009 beschloss Familie Bertschi, den Recyclingbereich vom Mulden- und Containergeschäft zu trennen. Es war von Anfang an klar, wer die Leitung der neuen Sammelstelle übernehmen würde.

Auch heute macht es Karin Bertschi nichts aus, sich die Hände dreckig zu machen. Die Geschäftsführerin, die immer noch bei den Eltern wohnt, hilft beim Entladen der Autos, fährt Bagger und Hubstapler oder bedient die Kartonballenpresse. «Viele Besucher kommen regelmässig. Man kennt sich und plaudert auch mal über Privates», sagt sie. Dann wird die Abfallsammelstelle zum sozialen Treffpunkt.

Früher rettete sie ab und zu etwas aus dem Kehricht

Ihr Konzept scheint zu funktionieren: Über 2000 Personen nutzen das Recycling-Paradies wöchentlich, um Altglas, Büchsen, CDs, Kork, Leuchtstoffröhren und vieles mehr stressfrei loszuwerden. Das sind dreimal mehr Entsorgungswillige als vor Karin Bertschis Antritt als Chefin. Letztes Jahr wurden rund 60 Tonnen Kleider, 10 Kubikmeter Kork, 240 Tonnen Papier und 40 Tonnen Pet-Flaschen abgegeben.

51 Prozent Rücklaufquote sind ein viel zu geringer Wert

Am meisten Betrieb ist jeweils an den offiziellen Zügeltagen und zwischen Weihnachten und Neujahr. «Dann machen die Leute zu Hause Platz für all die neuen Dinge, die sie geschenkt bekommen haben», sagt die Recyclingexpertin. Obwohl sie davon lebt, was andere wegwerfen, kommt sie manchmal schon ins Grübeln. Früher habe sie ab und zu Dinge aus dem Abfall gerettet, aber irgendwann habe sie es aufgegeben. In der Schweiz beläuft sich die Rücklaufquote auf 51 Prozent. Für Karin Bertschi, die in absehbarer Zeit in der Region zwei weitere Recycling-Paradiese eröffnen will, ein viel zu geringer Wert. Sie ist überzeugt davon, dass Abfallerziehung bei den Kindern ansetzen muss.

Deshalb hat sie in ihrer Anlage eine eigene Entsorgungsstrasse für die Kleinen eingerichtet. Ein Novum in der Kehrricht-Branche. Im Kinderbereich stehen Pet-, Glas- und Büchsencontainer im Miniformat, selbst gemalte Comicfiguren schaffen Orientierung. Grösseren Kindern bringt Karin Bertschi das Thema persönlich näher: Etwa eine Stunde dauert die Betriebsbesichtigung, die sie für Schulklassen gratis anbietet. Rund 800 Kinder und Jugendliche haben seit der Eröffnung von diesem Angebot profitiert. Der Höhepunkt der Führung ist – wie könnte es anders sein – jeweils der Bagger mit dem grossen Greifer, der ein Auto zerquetscht.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Kilian Kessler