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18. November 2013

Die moderne Hausfrau

Die moderne Hausfrau hat die Familie im Griff
Die moderne Hausfrau nimmt das Ding selbst in die Hand (Bild: Keystone).

Ich liebe Kataloge. Wenn uns mal wieder einer ins Haus flattert, muss ich jeweils dringend aufs WC («Au, nei, ich ha scho wieder e Verstopfig!»), um in aller Ruhe durch die Produktwelten zu blättern. Bei Balduin-Garten gibt's wühlmaussichere Pflanzkörbe? Find' ich gut! - obwohl ich keinen Garten und folglich auch keine Wühlmaus habe. Bastelette hat Stoffflügel im Sortiment? - Himmel, wer braucht denn so etwas? Tierparadies-Katalog: Lecksteine aus Himalaya-Salz. Kein Kommentar.

Besonders spannend ist das Katalog-Surfen, wenn ein Irrläufer bei uns landet. So wie neulich. Da lag er, der Katalog für die Hausfrau von heute. Das Heftli im DIN A5-Format sah ganz entsetzlich langweilig aus. Aber irgendwie fand ich den Titel sexy. Also beschloss ich, der Broschüre eine Chance zu geben. Ich hatte mich gerade aufs WC gesetzt, als mir schon das erste Produkt ins Auge fiel: Eine UV-Lampe, die man normalerweise nur bei CSI sieht. Sie wissen schon, so ein Ding, mit dem man Blut und Sperma zum Leuchten bringen kann. Wow, dachte ich mir, das ist ja cool. Ich wollte schon das Bestellformular ausfüllen, als ich merkte, dass alles ganz anders war. «Das UV-Licht tötet in 20 Sekunden alle Bakterien, Viren und Milben ab.» Die Lampe war nichts anderes als eine Massenvernichtungswaffe. Wie langweilig!

Nächste Seite. Ein Henkelbecher mit Mini-Tunnel im Keramikboden. Für Golfer, die gerne auch in der Kaffeepause putten. Super Beitrag für die Rubrik «Dinge, die die Welt nicht braucht». Weiter im Text. Seite 34: Urinflaschenbürste. Igitt! Seite 35: Plastikschablone zum Augenbrauen zupfen. Krass! Seite 36: Fieberthermometer im XXL-Format. Wieder kein Kommentar.

Um ehrlich zu sein, war ich schon drauf und dran, den Katalog an Ort und Stelle zweckzuentfremden. Doch dann kam die Seite 37, und alles wurde anders. Anfangs dachte ich noch, da sei etwas in der Druckerei schiefgelaufen. Die Waren hiessen nun nämlich nicht mehr «Mottenschutzhülle» oder «Minizollstock», sondern «Lustmolch» und «Herkules». Doch dann dämmerte es mir: Das war also das moderne an dieser Hausfrau. Sie wartete nicht, bis der Mann von der Arbeit kam und seine ehelichen Pflichten erledigte. Nein, diese Dame nahm die Dinge (das Ding) selbst in die Hand. Merke: Familienfrauen von heute haben immer Ersatzbatterien im Schrank und gehen gerne mit einer Plastikgurke ins Bett.

Ich überlegte kurz, ob ich den «Hausmann» von dem Katalog erzählen sollte. In Sachen Gleichberechtigung war das Heftli nämlich geradezu vorbildlich. Für Hausmänner gab es ebenfalls eine hübsche Auswahl: Vakuumpumpen, Blutabschnürringe und Latex-Verlängerungen...

Autor: Bettina Leinenbach