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24. November 2014

Dominikanische Republik: Blumen, Blut und Beach

Die Insel überrascht mit wildromantischen Küsten und kühlen Bergregionen. Kein Wunder, will die Schweizer Familie Huber gar nicht weg aus dem Paradies.

Die Strände von Las Terrenas auf der Halbinsel Samaná
Goldfarben und noch nicht überbevölkert: Die Strände von Las Terrenas auf der Halbinsel Samaná.

Die Hängematte auf dem Balkon schaukelt leicht im Wind. Von hier aus geht der Blick direkt in den azurfarbenen Himmel und auf den hellblauen Ozean. Zwölf Etagen tiefer funkelt ein Pool wie ein geschliffener Aquamarin in der Sonne. Wenn das nicht der perfekte Ort zum Abhängen ist! «Oh ja, Santo Domingo ist toll», sagt Manuel Huber (46), «hier wollen wir nicht mehr weg.» Der Ostschweizer und seine Kinder Miriam (19), Salomé (18) und Elia (15) sitzen in den Korbsesseln ihres Wohnzimmers und erzählen, wie es sie in die Karibik verschlagen hat.

Manuel, Miriam, Salomé und Elia Huber (von links)
Rechts: Manuel, Miriam, Salomé und Elia Huber (von links) lieben das Leben in 
Santo Domingo.

Zehn Jahre ist es her, dass der Vater mit seinen Kindern in die Dominikanische Republik gekommen ist – mit vier Koffern, einer Kiste voller Spielzeug und Schulmaterial, mit dem er seine Kinder zu Hause unterrichtete. Der Thurgauer Architekt hatte einen tragischen Einschnitt in seinem Leben zu verkraften. Seine Frau war bei einem Badeunfall ums Leben gekommen. Fern der Heimat wollte sich der Witwer zusammen mit seinen Kleinen vom Schock erholen. Nur eine Auszeit, so der Plan. Doch kaum zurück in der Schweiz, stellte die Familie fest, dass sie das Leben in der Karibik, die freundlichen Menschen und das tropische Klima vermisste.

Santo Domingo sehen – und den Wilden Westen entdecken

Inzwischen hat sich Manuel Huber mit seinen Kindern in Santo Domingo niedergelassen. Er hat wieder ein eigenes Architekturbüro, mit dem er Projekte in der Karibik und in der Schweiz realisiert. Miriam studiert Publizistik und Grafikdesign und arbeitet als Model. Salomé und Elia besuchen eine Privatschule. Während Salomé in der Freizeit Volleyball spielt und sich mit Kunst befasst, hängen Elia und seine Freunde oft an der Spielkonsole oder sind so lange im Pool, bis sie vom Chlorwasser grüne Haare haben. Alle drei besuchen Freunde, gehen ins Kino oder an den Strand.
Nachts aber sind die Jungen nirgends zu Fuss anzutreffen – zu gefährlich. «In gewissen Quartieren verriegeln wir selbst am Tag die Autotüren von innen», sagt Manuel Huber. Dennoch: Die Ostschweizer Familie liebt die quirlige Hauptstadt heiss.

Karte der Dominikanischen Republik
Die Karte der Dominikanischen Republik

Unbestritten ist die älteste Stadt der Neuen Welt mit ihren coolen Bars, schillernden Einkaufszentren und der Altstadt aus Kolonialzeiten einen Besuch wert. Danach darf man die ausgetretenen Touristenpfade Hispaniolas – so der Name der ganzen Insel – getrost verlassen. Denn die DomRep (Karte rechts), wie das Land kurzerhand genannt wird, hat noch viel touristisches Neuland zu bieten. Sie ist mit fast vier Millionen Besuchern jährlich die meistbesuchte Karibikdestination, doch die meisten Touristen bleiben in den Hotelburgen von Punta Cana oder Puerto Plata hängen.

Inlandflug zwischen Samaná und Punta Cana
Wer einen Inlandflug zwischen Samaná und Punta Cana bucht, erlebt die Dominikanische Republik aus der Vogelperspektive.

Dabei bietet dieses Land so viel mehr als nur All-Inclusive-Ferien. Zum Beispiel der Südwesten: Da gibt es die Bahia de las Aguilas, die flügelförmige Bucht nahe der Grenze zu Haiti. Der Strand soll zu den schönsten der Welt gehören. Der feine Sand ist schneeweiss, das Meer glasklar und türkisfarben. Nach dem Bad im lauwarmen Meer lässt man sich vom Motorboot zum Fischerort La Cueva chauffieren und gönnt sich fangfrische Langusten oder Fisch. Und dann der smaragdfarbene Brackwassersee Laguna de Oviedo: Reiher, Eisvögel und zahlreiche weitere Vogelarten bevölkern das Naturschutzgebiet – und Leguane: Die Echsen herrschen tatsächlich über eine eigene kleine Insel und beäugen Menschen misstrauisch: etwas unheimlich, aber ungefährlich.

Ausserhalb der Hotelburgen wartet das pralle Leben

Die malerische Region rund um Barahona.
Der Gegenentwurf zu den Hotelburgen: Die malerische Region rund um Barahona.

Ja, der Westen der DomRep verlangt ein wenig Abenteuerlust. Und Spanischkenntnisse. Englisch spricht hier kaum jemand, Deutsch schon gar nicht. Dies ist nicht mehr die durchorganisierte Ferienwelt des Massentourismus. Hier und dort riecht es nach Fisch. Autos müssen sich an Schlaglöchern vorbeischlängeln, da und dort hämmert ein lauter Bass, wenn sich die Landjugend zu einer Party trifft. Aber dann ist die Luft auch wieder erfüllt vom fröhlichen Schnattern auf Spanisch und heiteren Bachataklängen. Etwa in Los Patos, etwas südlich der Küstenstadt Barahona. Dort treffen sich die Einheimischen an einem kleinen Kiesstrand. Es wird geflirtet, getanzt, gegessen und im kühlen, klaren Flusswasser geplanscht.

Dominikaner auf einem belebten Platz
Wo immer ein Fotoapparat zu sehen ist, werfen sich die Dominikaner in Pose.

Die Südküste Hispaniolas liegt an der Karibischen See und ist von ihrem feuchtwarmen Klima geprägt. Regenwälder wechseln sich mit Mangofeldern und Zuckerrohrplantagen ab. Unter den Palmen reihen sich winzige Behausungen in Lila, Hellgrün oder Gelb aneinander, so manche von ihnen mehr Holzverschlag als Hütte, doch kaum eine ohne liebevoll gepflegten kleinen Vorgarten. Mütter mit Lockenwicklern im Haar, Mädchen in Schuluniform und Buben in zerschlissenen Kleidern werfen sich strahlend in Pose, wann immer ein Fremder den Fotoapparat zückt.

Ein paar Schritte dem Strand entlang, und schon ist man umzingelt von Kindern, die unscheinbare blassblaue Steine zum Kauf anbieten – es ist der Larimar, ein Halbedelstein, den es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. In geschliffenem Zustand leuchtet er genauso hellblau wie das Meer, das man von der Strasse aus durch pinkfarbene Bougainvillea hindurch erblickt. Kitsch pur.

Reizendes Land mit blutiger Vergangenheit

Die wilden Bergregionen wie jene von Jarabacoa
Eine Entdeckung wert sind die wilden Bergregionen wie jene von Jarabacoa.

Das Kontrastprogramm liegt im Landesinneren, durch das sich die Hänge der Zentralkordilleren ziehen. Auf 600 Meter über Meer liegt der gepflegte Kurort Jarabacoa, Ausgangspunkt für Wanderungen, Reitausflüge und Biketouren. Fast wähnt man sich in europäischem Gebirge, und siehe da, diese Region trägt den Übernamen «dominikanische Alpen». Es gibt Pinienwälder, Wasserfälle und rauschende Flüsse, über denen an kühlen Morgen der Nebel hängt.

In der «Hacienda La Esmeralda»
Wie wird aus der Kakaofrucht Schokolade? In der «Hacienda La Esmeralda» erfährt es der Tourist.

Einmal in dieser Ecke des Landes angekommen, sollte man zwei Dinge nicht auslassen: die Kakaoplantage von San Francisco de Macoris, wo der Werdegang von der Kakaofrucht zur Schokolade demonstriert wird, und das ehemalige Anwesen der Familie Mirabal, heute ein kleines Museum inmitten blühender Gärten. Hier ist die erschütternde Geschichte der drei Mirabal-Schwestern dokumentiert, die sich in den 50er-Jahren gegen Diktator Trujillo aufgelehnt hatten und dafür mit einem grausamen Tod bezahlten. Als Zeitzeugen sind ihre blutbefleckten Kleider ausgestellt. Hier wird einem bewusst, wie schrecklich die Vergangenheit dieses bezaubernden Fleckens Erde ist.

Manuel Huber: Hier wollen wir nicht mehr weg.

Las Terrenas im Norden des Landes: Bunt, laut und absolut reizend.
Las Terrenas im Norden des Landes: Bunt, laut und absolut reizend.

Bei aller Vielfalt bleibt die Dominikanische Republik ein Magnet für wintergeplagte Wasserratten. Und die sind im Nordosten des Landes bestens aufgehoben. Dort ist die Halbinsel Samaná dabei, touristisch aufzurüsten. Am goldfarbenen Strand von Las Terrenas haben sich bereits kleine und mittelgrosse Hotels niedergelassen, weitere sind im Bau. Das etwas chaotische Städtchen Las Terrenas mit Boutiquen und Lokalen liegt in Gehweite der meisten Hotels. Von verschiedenen nahe gelegenen Häfen aus stechen von Januar bis März Boote zur Walbeobachtung in See, und einige von ihnen tuckern dabei an der Insel vorbei, auf welcher der berühmte Bacardi-Feeling-Spot gedreht wurde. Ob man Wale sieht, ist Glückssache. Macht nichts, die meisten Besucher kommen sowieso wieder.

Auch Manuel Huber aus dem Thurgau kann sich der Faszination seiner Wahlheimat nicht entziehen und fotografiert deren Besonderheiten ohne Unterlass. Gerade arbeitet er an einem Bildband, in dem die verschiedensten Bewohner des Landes porträtiert werden. Es scheint, als ob der Architekt auch nach zehn Jahren noch versuchte, das Land in seiner verwirrenden Vielfalt zu erfassen.

Die Reise wurde unterstützt von DomRep Tours: www.domreptours.com

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Ornella Cacace