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06. Februar 2017

Anne Berest und die perfekte Frau

Mit einem Stilratgeber ist die französische Autorin Anne Berest bekannt geworden. Nun hat sie nachgelegt mit dem Roman «Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau»: Die Pariserin über das weibliche Ideal, zu hohe Ansprüche und das Burn-out nach der Geburt ihres Kindes.

Die französische Autorin Anne Berest
Anne Berest: «Kinder brauchen keine perfekten Mütter»

Anne Berest, ist die perfekte Frau eine Pariserin?

Nein, die perfekte Frau existiert nicht. Sie ist ein Hirngespinst.

Wie wäre sie, wenn sie existieren würde?

Sie wäre extrem leistungsfähig, und das auf allen Ebenen gleichzeitig: Sie wäre eine perfekte Liebhaberin, eine perfekte Mutter, eine perfekte Freundin – und natürlich wäre sie auch im Beruf erfolgreich.

Was passiert mit Frauen, die versuchen, perfekt zu sein?

Das zeige ich in meinem neuen Roman «Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau»: Eine meiner Protagonistinnen bricht wegen eines Burn-outs zusammen.

Eine junge Mutter. Eigentlich verarbeiten Sie darin Ihre eigenen Erlebnisse, richtig?

Ja, nach der Geburt meiner älteren Tochter hatte ich eine Art Burn-out. Ich war entmutigt, denn ich spürte, dass ich meinen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Weil das nicht möglich war, fühlte ich mich schuldig und als Versagerin.

Anne Berest 1

In welchen Situationen hatten Sie Schuldgefühle?

Etwa, wenn ich meinem Baby Fertigbrei kaufte, statt das Püree selber zuzubereiten. Dann fühlte ich mich als Rabenmutter.

Weshalb? Hat Ihnen Ihre Mutter ein schlechtes Gewissen gemacht?

Nein, überhaupt nicht. Sie war in den 70er-Jahren jung, damals befreiten sich die Frauen von vielen Zwängen. Meine Mutter ist Feministin und Wissenschaftlerin; sie arbeitete immer viel. Ich fühlte mich dadurch aber nicht vernachlässigt, im Gegenteil: Ich genoss viele Freiheiten. Kinder brauchen zum Glück keine perfekten Mütter.

Warum haben Sie sich denn derart unter Druck gesetzt?

Unsere Generation hat theoretisch alle Möglichkeiten, man muss sie nur ergreifen. Das überfordert, weil man einfach nicht gleichzeitig auf allen Ebenen gut sein kann – geschweige denn perfekt.

Versuchen Sie gar nicht erst, perfekt zu sein. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wer übt diesen Druck aus, die Männer?

Nein, sicher nicht die Männer. Das ist ein Diktat der Frauen an sich selbst.

Sind Frauen einander zuweilen die ärgsten Feinde?

Ja, das kann vorkommen. Generell sollten die Frauen untereinander weniger kompetitiv sein. Das heisst: mehr Solidarität und Verständnis, weniger Verurteilung und Lügen.

Weniger Lügen?

Das Wort «Lügen» ist übertrieben. Vielleicht sind es eher halbe Wahrheiten, etwa bezüglich des Gebärens. Frauen erzählen sich gern, dass der Tag, an dem sie geboren haben, der schönste Tag in ihrem Leben war. Aber nein: Gebären kann sehr schmerzhaft sein, für manche ist es schlimm. Glaubt man die Ammenmärchen, fragt man sich natürlich: Was ist falsch mit mir, wenn die Geburt meines Kindes so fürchterlich war?

Mit ein Grund für das Burn-out der frischgebackenen Mutter in Ihrem Roman ist ein ungeplanter Kaiserschnitt. Wie war das bei Ihnen?

Auch ich hatte einen notfallmässigen Kaiserschnitt. Im Vorfeld sagte man mir immer wieder, die Geburt werde ein magischer Moment sein. Nach dem Eingriff hatte ich das Gefühl, versagt zu haben.

Anne Berest 2

Wie konnten Sie sich von diesen schlechten Gefühlen befreien?

Ich nahm psychologische Hilfe in Anspruch. Ich sprach viel darüber – nicht nur in der Therapie, sondern auch mit den Leuten in meinem Umfeld.

Sie haben sich für ein zweites Kind entschieden. Warum?

Ja, und ich bin sehr glücklich damit. Man vergisst zum Glück vieles. Und ich finde es inzwischen einfacher, zwei Kinder statt bloss eins zu haben. Ich fühle mich damit wohler.

Sie trennten sich schon früh vom Vater Ihrer ersten Tochter. Hat das zu Ihren schlechten Gefühlen beigetragen?

Nein, die Väter meiner Töchter sind beide super. Es lag wirklich an mir. Ich setzte mich zu sehr unter Druck, nahm alles zu ernst.

Mit dem Vater Ihrer zweiten Tochter führen Sie zwar nach wie vor eine Liebesbeziehung, sie leben aber in getrennten Wohnungen. Warum?

Um den Fallen des Alltags zu entgehen. Ausserdem muss ich fürs Schreiben allein sein, weil ich viel Ruhe brauche.

Bleibt damit nicht alle Arbeit mit den Kindern an Ihnen hängen?

Wir verbringen die Wochenenden zusammen. Dann übernimmt er, damit ich mich ein wenig von der Woche erholen kann.

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Welches Fazit ziehen Sie im Rückblick auf Ihre Krise?

Wir sollten keine Angst davor haben, unsere Schwächen zuzugeben. Denn erst wenn wir über unsere Probleme reden, merken wir, dass es anderen zum Teil ganz ähnlich geht.

Was raten Sie Frauen, die Gefahr laufen, an ihren Ansprüchen zu zerbrechen?

Versuchen Sie gar nicht erst, perfekt zu sein. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wie konnten Sie sich selbst von diesem Anspruch verabschieden?

Indem ich für mich zu dem Schluss gekommen bin, dass Stärken und Schwächen einen Menschen zu dem machen, was er ist.

Nach alldem, was Sie nun erzählt haben, erstaunt es schon etwas, dass Sie an dem Style-Guide «How to be Parisian» mitgeschrieben haben. Darin fällt den Pariserinnen alles immer ganz leicht.

Die beiden Bücher sind sehr unterschiedlich, obwohl ich sie praktisch gleichzeitig geschrieben habe. «Emilienne» ist Literatur und damit komplex wie ein gediegenes Essen in einem guten Restaurant. «How to be Parisian» ist ein Ratgeber, den man nicht ganz ernst nehmen sollte, und damit eher wie eine Glace, die man auf der Strasse isst.

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Den Leserinnen hat diese Glace offenbar sehr gut geschmeckt.

Wir hätten nie gedacht, dass «How to be Parisian» dermassen Erfolg haben würde. Wir gingen nach dem Lustprinzip vor und schrieben Dinge, die auch den anderen Frauen Lust und Freude bereiten sollten.

Folgen Sie Ihren eigenen Ratschlägen?

Ich bin Pariserin: Da gibt es nichts, was ich zu befolgen hätte – ich lebe es.

Das heisst, Sie sind allzeit bereit – auch wenn Sie bloss kurz zum Bäcker gehen.

Genau (lacht). Nein, im Ernst, hier schliesst sich der Kreis zum Roman, den ich nach einer ersten, etwas düsteren Fassung zu einer Komödie umgeschrieben habe: Man sollte einfach nicht immer alles so ernst nehmen. Humor hilft, schwierige Lebensphasen zu bewältigen.

Der Roman zeigt, wie unsinnig es ist, einem Ideal nachzueifern. Im Style-Guide geben Sie den Frauen Tipps, wie sie bei den Männern am besten ankommen. Das sind zwei unterschiedliche Positionen. Letztere ist nicht wirklich emanzipiert.

Pariserinnen können ganz schön nervig sein und sich zuweilen auch richtig beschissen benehmen.

Können Sie unseren Leserinnen ein paar Tipps geben, wie Sie die typische Pariser Nonchalance garantiert erreichen?

Ich bin eigentlich schlecht im Erteilen von Ratschlägen. Wir geben im Buch ja auch nicht wirklich Tipps ab, sondern beschreiben einfach, wie die Pariserinnen leben.

«How to be Parisian» wurde in Frankreich gar nie publiziert. Warum nicht?

Wir haben das Buch für die Ausländerinnen geschrieben. Schliesslich müssen wir den Pariserinnen nicht erklären, wie sie sind.

Aber die Frauen in der Provinz hätte das vielleicht schon interessiert.

Na ja, seien wir ehrlich: So stark unterscheiden sich die Pariserinnen nun doch wieder nicht von anderen Französinnen.

In der Schweiz haben die Pariser und damit auch die Pariserinnen nicht nur einen guten Ruf. Immer wieder hört man, sie seien arrogant.

Das stimmt: Pariserinnen können ganz schön nervig sein und sich zuweilen auch richtig beschissen benehmen. Sie sind eben nicht gehorsam. Sie machen nicht immer das, was man von ihnen erwartet. Aber gerade das hat wohl zum Erfolg des Buchs beigetragen. Das geht über die Stilfrage hinaus, es ist eine Lebenshaltung.

«How to be Parisian» wurde vor rund drei Jahren veröffentlicht. Inzwischen hat es mehrere Attentate gegeben. Hat sich das auf die Stimmung in der Stadt ausgewirkt?

Ja, Paris hat sich sehr verändert. Wir gehen weniger unbeschwert durchs Leben. Besucht man ein Konzert, muss man sich ausweisen und sich in die Taschen schauen lassen. Die Metro ist oft verspätet, weil man irgendwo ein herrenloses Gepäckstück gefunden hat. Und meine fünfjährige Tochter lernt in der Schule, wie sie sich verstecken muss.

Bald wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Wer wird das Rennen machen?

Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet und möchte eigentlich lieber nicht über Politik reden. Was ich sagen kann: Ich hoffe sehr, dass die Wahl nicht auf Marine Le Pen fällt. 


«Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau», Knaus-Verlag, 2016, 236 Seiten, Ex Libris, Fr. 22.30, (nur online oder auf Bestellung)

«How to be Parisian wherever you are», btb-Verlag, 2014, 268 Seiten, Ex Libris, Fr. 17.20, (nur online oder auf Bestellung)

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Julien Benhamou