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18. April 2016

70 Jahre Vespa-Schönheit

Sie hat nach sieben Jahrzehnten nichts von ihrem Reiz verloren: Liebhaber wie Lucien Pauli, Claudia Huber und André Katzorreck engagieren sich in Vespa-Klubs und investieren kleine Vermögen in die ewig jungen Oldtimer. Auch im Film sorgte die «Wespe» für Furore: Noch vor den Porträts Ausschnitte und Tipps zu Klassikern.

Lucien Pauli auf seiner Vespa 125
Lucien Pauli auf seiner Vespa 125 aus dem Jahr 1953: Diese Rarität fand er in der Scheune eines Bauernhofs.

Die Vespa im Film

Audrey Hepburn und Gregory Peck hinterliessen 1953 im Film Roman Holiday bleibenden Eindruck auf dem Modell 125. Kurz davor setzte sich auch Johannes Heesters als Professor Nachtfalter auf das kultige Zweirad, und noch 2004 widmete Jude Law in Alfie dem Modell GT (1966–73) eine Hommage.

Wohl der bekannteste Auftritt einer Vespa ist jener im Film Roman Holiday von 1953. Dort schwingt sich niemand geringeres als Audrey Hepburn zusammen mit Gregory Peck auf eine Vespa 125 des Jahrgangs 1951/52. Andere Modelle gab es damals noch nicht.

Sehr prominent vertreten ist die Vespa auch im Film Professor Nachtfalter, einer deutschen Komödie aus dem Jahr 1951 mit Johannes Heesters. Dort kurven die Schauspieler mit einer Hoffmann-Vespa rum, die kurz vor oder nach 1950 auf den Markt kam.

Selten ist eine Schauspielerin eleganter mit einer Vespa durch die Gegend gekurvt als Angie Dickinson in der Komödie Jessica aus dem Jahr 1961. Dickinson fährt im Film eine Vespa 150 mit Jahrgang 1961.

Auch in neueren Filmen kommen immer wieder Vespas vor. So fährt der englische Schauspieler Jude Law im Film Alfie aus dem Jahr 2004 die Vespa GT, die zwischen 1966 und 1973 hergestellt wurde.

Weitere Vespa-Klassiker:

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DIE PORTRÄTS

Wie ein kleiner Schatz stand sie da, in der Ecke einer Scheune auf einem Bauernhof im zürcherischen Bubikon. Der Staub von drei Jahrzehnten hatte sich auf ihr abgesetzt.
Doch darunter war grauer­ Lack zu erkennen, ein schwarzer Sattel – eine Vespa! Und zwar nicht irgendeine, sondern ein altes ­Modell, Jahrgang 1953. Eine ­Rarität.Lucien Pauli war ausser sich vor Freude. Endlich hatte er sie gefunden, der Bauer hatte ihm die Tür zu seiner Traummaschine geöffnet.

Das war in den 1980er-Jahren. Damals hatte Pauli mit dem Sammeln von Vespas begonnen. Er ging dabei schlau wie ein Schatzjäger vor. «Ich inserierte in der ‹Bauernzeitung›, dass ich alte Vespas suche. Viele Bauern hatten zu dieser Zeit noch solche Roller in ihren Scheunen stehen. Ich war damit erfolgreich», sagt der 61- Jährige. Schon sein Vater fuhr in den 1950er-Jahren den Roller aus Italien. «Die Vespa war das erste motorisierte Fahrzeug, das sich ein grosser Teil der Bevölkerung leisten konnte», sagt Pauli. Deshalb verkehrten Ende der 1950er-Jahre rund 30'000 Vespas in der Schweiz.

Lebenslanges Abenteuer
Auch Lucien Pauli konnte als 23-Jähriger von einem Kollegen des Vaters für 50 Franken eine Vespa abkaufen und meldete sich sogleich für die Töffprüfung an. Am Prüfungstag erschien er so, wie freiheitsliebende Vespa-Fahrer ­damals halt fuhren – ohne Helm.
«Du spürst die Freiheit einfach intensiver, wenn dir der Wind um die Ohren saust», sei seine Einstellung damals gewesen. Auf grosses Verständnis seitens des Prüfungsexperten stiess er damit nicht. «Ich hätte eigentlich durchfallen sollen», sagt Pauli. 1977 gab es aber noch keine Helmtragepflicht. Er bestand die Prüfung – das Vespa-­Abenteuer konnte beginnen!

Heute besitzt Pauli Vespa-Modelle verschiedener Jahrgänge. Wie viele es genau sind, behält er lieber für sich. Seine liebste Maschine ist eine GS160, Jahrgang 1962. «Die liegt bei der Fahrt einfach am Schönsten auf der Strasse», sagt er.
Wie die anderen Modelle hat er auch diese Vespa in seiner kleinen Werkstatt mitten in einem Wohnquartier im zürcherischen Höngg restauriert. «An einer Vespa kann auch jemand herumschrauben, der kein Mechaniker ist und nur etwas technisches Flair hat», sagt Pauli, der am Physik-Institut der Universität Zürich arbeitet.

Gefährt der Schönwetterfahrer
Wenn Vespa-Liebhaber ihren Maschinen den Glanz früherer Tage verliehen haben, dann stellen sie diese nicht einfach in einer Garage aus, sondern sie fahren sie auch. Das tut auch Lucien Pauli. «Ich fahre meine Vespa aber nur bei schönem Wetter», sagt er, «und immer schön gemütlich.» Mit einer Vespa komme man zwar sehr zügig vorwärts, aber zum Rasen sei sie nicht gebaut worden. So bekomme man viel von der Landschaft mit: «Mit einer Vespa ist der Weg das Ziel.»

Wie Pauli gibt es in der Schweiz Hunderte Vespa-Liebhaber. Rund 750 von ihnen sind in Vespa-Klubs organisiert, um gemeinsam Ausfahrten zu unternehmen und zusammen über den Kultroller zu fachsimpeln. Einer der ältesten Klubs der Schweiz ist der Vespaclub Luzern. Seit 1953 gibt es ihn schon. Er zählt rund 55 Mitglieder, darunter sind auch André Katzorreck (39) und Claudia Huber (47).
Der gebürtige Berliner Katzorreck ist seit acht Jahren Präsident des Klubs. Schon als 18-Jähriger sei er zum ersten Mal auf einer Vespa gesessen, um damit zur Berufsschule zu fahren, erzählt er. «Ich habe mich sofort in das elegante Design verliebt.» Seither ist er ein leidenschaftlicher Vespa-Fahrer und Hobbymechaniker.

Katzorreck fährt und repariert seine elf Vesparoller – von Jahrgang 1952 bis 1980 – selbst. Seine liebste Maschine ist eine gelbe Vespa TS mit seinem Jahrgang: 1976. «Die alten Modelle mag ich am liebsten», sagt Katzorreck. Beim Restaurieren achte er darauf, dass der patinierte, gealterte Originalzustand der Vespa mit den Spuren der Zeit erhalten bleibe. «Diese gehören einfach zu ihrer Geschichte. So wie bei uns Menschen das eine oder andere graue Haar oder die Narben auf der Haut.»

Claudia Huber und André Katzorreck
Die Freizeit gehört ganz der «Wespe»: Claudia Huber und André Katzorreck

Speziell für Frauen konstruiert
Dass jede Vespa eine Geschichte zu erzählen hat, fasziniert auch Claudia Huber. Ihr Roller hat Jahrgang 1969 – so wie sie. «Meine Vespa wurde nach einem Diebstahl in einem Bach gefunden, nachdem sie mit grosser Mühe restauriert worden war. Dem Besitzer verging daraufhin die Lust an dem Fahrzeug. Ich kaufte diese wunderschöne ‹Primavera› sofort und liess sie noch etwas geradebiegen, damit ich gleich mit ihr fahren konnte», sagt die dreifache Mutter.

Gerade für Frauen sei die Vespa ideal. «Sie ist je nach Modell nicht so schwer und kippt nicht so schnell. Ausserdem wurde sie ja in früheren Jahren extra für die Frau konstruiert. Dank der Beinfreiheit vorne, kann die Vespa ohne Probleme mit Rock gefahren werden», sagt Huber, die seit ­ihrem 18. Lebensjahr Motorrad fährt.
Im Klub habe es einige Frauen, erzählt die Vespa-Liebhaberin. «Manche schrauben mit den Männern an den Vespas herum, die anderen sind einfach zum Quatschen an den Klubabenden dabei.» Sie gehöre zu Letzteren, gesteht Huber schmunzelnd.

Jeden ersten Donnerstag im Monat treffen sich die Vespa-Fans in der «Werkstatt- & Club-Lounge» in Emmenbrücke LU. Dort werden auch die gemeinsamen Ausfahrten geplant. «Die Klubs besuchen sich an Vespa-Treffen in ganz Europa. Der Umgang in dieser Szene ist sehr freundschaftlich und hilfsbereit, man winkt sich auf der Strasse zu», sagt Katzorreck. «Und wenn dann an der Ampel ein Dutzend alter Vespas stehen, ist das einfach ein schönes Bild.» Auch noch 70 Jahre nach der Jungfernfahrt der ersten Vespa. 

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Paolo Dutto