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27. Juli 2015

«Die Schweiz hat eine Vorreiterrolle im naturnahen Tourismus»

Dominik Siegrist (57) ist seit 2012 Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum an der Hochschule in Rapperswil und hat ein Buch über «Naturnahen Tourismus» geschrieben.

Dominik Siegrist
Dominik Siegrist: «Motorfahrzeuge wie E-Mountainbikes sollten für das Hochgebirge verboten werden.» (Bild: zVg)

Dominik Siegrist, die Schweizer Tourismusregionen stehen stark unter Druck. In Ihrem neusten Buch sehen Sie trotzdem Potenzial für naturnahen Tourismus. Weshalb?

Der naturnahe Gast ist weniger preissensibel. Er stammt meist aus der Schweiz und verdient gut. Und oft ist er ein Stammgast. Währungsturbulenzen spielen deshalb in diesem Segment eine geringere Rolle.

Wie gut ist der naturnahe Tourismus in der Schweiz entwickelt?

Sehr gut. Die Schweiz nimmt eine Vorreiterrolle ein und hat früh damit angefangen, diese Tourismusnische professionell zu bearbeiten. Andererseits ist die Schweiz dicht besiedelt und hat fast in jeder Region eine Infrastruktur. Kanada oder die skandinavischen Staaten, aber auch Österreich bieten mehr vom Menschen wenig genutzte Räume.

Was verstehen Sie unter dem Begriff naturnaher Tourismus?

Im naturnahen Tourismus spielen neben einer intakten Natur und Landschaft der Mobilitäts- und der Energiebereich genauso eine Rolle wie die Kultur und eine gute Architektur. Der naturnahe Tourismus entspricht einem nachhaltigen Tourismus in den Alpen.

Welche Schweizer Orte arbeiten besonders vorbildlich?

Für unser Buch «Naturnaher Tourismus» haben wir die Fallstudie bewusst in den Ferienregionen Engadin-Scuol und Engadin-Val Müstair GR durchgeführt. Diese Destinationen verfügen über grossartige Natur- und Kulturlandschaften und historische Ortsbilder. Sie bemühen sich, daraus ein attraktives Angebot zu entwickeln. Das gilt auch für das Bio­sphärenreservat Entlebuch LU.

Weshalb «bemühen»?

Ich habe mich vorsichtig ausgedrückt, weil auch solche beispielhaften Tourismusorte immer wieder mit Widersprüchen konfrontiert sind. Damit meine ich das Nebeneinander von naturnahen Angeboten und wenig nachhaltigen Hotelketten oder grossen Ski-Arenen. Allerdings fehlt uns heute noch die Erfahrung, wie solche Wertschöpfungsmotoren allein durch den naturnahen Tourismus ersetzt werden können.

Wie wird sich der naturnahe Tourismus in Zukunft entwickeln?

Bei der Recherche zu unserem Buch stellten wir fest, dass der naturnahe Tourismus stark im Trend ist. Nach Aussage der befragten Experten sind rund 20 Prozent aller touristischen Angebote im Alpenraum naturnah. In der Schweiz liegt dieser Wert eher bei 30 Prozent. Was die Zukunft bringen wird, hängt nicht zuletzt von den Rahmenbedingungen ab, zum Beispiel vom Schweizer Franken oder von den Energiepreisen.

Weshalb gibt es in der Schweiz viel mehr Angebote als etwa in Italien oder in Frankreich?

Das hat mit der Einstellung der Bevölkerung zu tun. In der Schweiz haben Themen wie Umwelt, Natur und Landschaft einen hohen Stellenwert, dies zeigte auch die Abstimmung über die Zweitwohnungsinitiative.

Was ist die Kehrseite dieses Booms?

Zum boomenden Bereich im naturnahen Tourismus gehört auch der Natursport und damit das Mountainbiken. Um mögliche Konflikte mit Wanderern zu entschärfen, ist ein professionelles Besuchermanagement wichtig. ­Welche Wege sind für Biker geeignet, wo sind Ausweichstellen zu schaffen und wo Routen zu sperren? Das Konfliktpotenzial wird sich mit dem Boom bei den E-Bikes verschärfen.

Was empfehlen Sie?

Wichtig ist es, zu handeln, bevor wir vor nicht mehr lösbaren Sachzwängen stehen. Motorfahrzeuge wie E-Mountainbikes sollten für das Hochgebirge verboten werden. E-Bikes gehören nicht auf die Bergwege. Die Schweiz bietet für E-Biker genügend andere Möglichkeiten.

Sind Sie selbst ein Tourist, der gerne naturnah in die Ferien geht?

Ja, ich verbringe meine Ferien am liebsten mit Wandern, Bergsteigen und Skitouren, wobei ich mich für Geschichte und Geschichten der besuchten Orte besonders interessiere.

Wo reisen Sie gerne hin?

Zu meinen liebsten Reisezielen in den Alpen zählt das Bergell in Südbünden. Ich besuche aber auch oft das St. Galler Oberland und die Glarner Berge mit dem Unesco-Welterbe Tektonikarena Sardona. Ausserhalb der Schweiz weile ich öfter in den Südalpen, wo mich die alte Kulturlandschaft besonders fasziniert. 

Buchtipp: «Naturnaher Tourismus», ­D. Siegrist, S. Gessner, L. Ketterer ­Bonnelame, bei Exlibris für Fr. 29.60.

Autor: Reto Wild