Archiv
18. November 2013

147 hilft rund um die Uhr

Über 450 Jugendliche wenden sich täglich an die Notrufzentrale von Pro Juventute. Was bedrückt sie? Warum sind sie in Not? Das Migros-Magazin hat mitgehört.

Moana Crescionini am Telefon mit Kopfhörer
An schwierige Momente am Beratungstelefon gewohnt: Moana Crescionini.
Moana Crescionini
Moana Crescionini am Pro Juventute Beratungstelefon 147

DIE GEFAHREN IM CYBERSPACE
Die Chatprotokolle zum Thema Sexting und Mobbing im Internet mit wertvollen Tipps zum Nachlesen. Zum Artikel

In der Notrufzentrale 147 von Pro Juventute in Bern brennt rund um die Uhr Licht. Täglich erhalten über 450 Jugendliche aus der ganzen Schweiz per Telefon, SMS, Chat und via Webseite Hilfe und berichten von ihren Nöten, Problemen und Sorgen. 20 Beraterinnen und ein Berater sind für sie da. Eine davon ist die Psychologin Moana Crescionini (31). Sie arbeitet seit vier Jahren hier. Eine intensive und fordernde Aufgabe. «Die Belastung ist hoch – wegen der vielen Anrufe und weil die Probleme manchmal sehr heftig sind. Manchmal klingelt das Telefon gleich wieder, sobald man aufgelegt hat», sagt die Beraterin. Regelmässig ist sie auch die ganze Nacht am Telefon im Einsatz.

Nicht zuletzt wegen der grossen Belastung arbeitet niemand mehr als 60 Prozent in der 147-Beratung. «Man muss zwischendurch genug Zeit haben, die Batterien aufzuladen», sagt Moana Crescionioni.

Gewalt, sexueller Missbrauch oder Sucht gehören zum Alltag

Immer häufiger kommen die Jugendlichen mit Problemen wie Cybermobbing (Mobbing via Facebook, WhatsApp und Chats), Sexting (Versenden und Publizieren von intimen Fotos) oder Cyber-Grooming (sexueller Belästigung via Internet). Ein Grossteil der Jugendlichen ist zwischen 12 und 16 Jahren alt. «Es ist wichtig, dass man als Beraterin gerne und gut zuhört, viel Einfühlungsvermögen mitbringt, Geduld hat und sich schnell auf neue Situationen einstellen kann», sagt Moana Crescionini. Die Probleme kreisen oft um die Themen Freundschaft, Liebe, Sexualität und persönliche Probleme wie Depressionen, mangelndes Selbstwertgefühl, Aggressionen und selbstzerstörerisches Ritzen.

Doch auch nach vier Jahren Tätigkeit beim 147 kommt es noch immer vor, dass die Psychologin mit einem Problem konfrontiert wird, das sie bis dahin nur aus dem Lehrbuch kannte. «Themen wie sich im falschen Körper zu fühlen oder Zwangsheirat», sagt Moana Crescionini, aber das sei selten.

Schwerwiegende Probleme in der Familie, Gewalt, sexueller Missbrauch oder Sucht gehören aber zu ihrem Berufsalltag. Die Beratung per Telefon sieht sie als grossen Vorteil für die Anrufenden. «Das Telefon schafft eine gewisse Anonymität, die Hemmschwelle ist niedriger, über Dinge zu sprechen, für die man sich schämt. Da sie der Beraterin nicht in die Augen schauen müssen, sind die Jugendlichen offener», sagt Moana Crescionini. Und wenn sie nicht mehr reden und zuhören wollen, können sie aufhängen. Das ist zwar keine einfache Situation – als Beraterin muss man lernen, damit umzugehen. «Da zweifelt man schnell an sich. Zum Beispiel wenn man eine Frage gestellt hat, die der anrufenden Person zu nahe geht oder schlicht nicht passt.»

Bei unterdrückten Nummern gibts kein Durchkommen

Es gibt auch Fälle, in denen sie gerne wüsste, wie es weitergegangen ist. «Es kommt nur selten vor, dass sich jemand im Nachhinein nochmals meldet und sich bedankt», erzählt die Beraterin. Es gehört zum Konzept vom Beratungstelefon 147, dass es eine Erstanlaufstelle ist und seine Klienten nicht während längerer Zeit begleitet. Aber: «Wir vermitteln die Jugendlichen an entsprechende Fachstellen oder geben die Kontaktadressen an.»

Geht es um Selbstmord, ist der Auftrag von 147 klar: Handeln. Die Anrufe sind vertraulich, aber nicht anonym. Wer von einer unterdrückten Nummer aus anruft, kommt nicht durch. «Sonst können wir im Notfall nicht aktiv werden.» Reicht das Gespräch nicht, um die anrufende Person von Suizidabsichten abzubringen, müssen sie aktiv werden: «Einen Notfallpsychiater avisieren oder sogar die Polizei», sagt Moana Crescionini, «das ist unser Auftrag.»

Oft ist die Angst riesig, den Ruf zu verlieren oder gemobbt zu werden.

Neben diesen happigen Momenten gibt es aber auch schöne Augenblicke in ihrem Beratungsalltag: «Es ist immer wieder ein Highlight, wenn sie sich nach dem Gespräch bedanken und sagen, wie sehr es ihnen geholfen hat. Und dass sie sich ernst genommen fühlen.»

Seit sechs Jahren bietet 147 auch einen SMS-Beratungsdienst an, seit September 2013 zudem einen täglichen Chat. «Da ist die Hemmschwelle noch tiefer, denn schreiben fällt leichter als anrufen», weiss Moana Crescionini. Die Themen sind dieselben wie bei den Anrufen. Ist für ein Anliegen ein Gespräch nötig, werden die Schreibenden um einen Anruf gebeten.

Moana Crescionini beobachtet, wie sich mit den neuen Medien die Möglichkeiten vervielfacht haben, jemanden zu mobben oder ein privates Foto schnell im ganzen Bekanntenkreis oder sogar in der ganzen Schule zu verbreiten. In Anbetracht der Möglichkeiten im Internet spürt sie als Beraterin eine gewisse Hilflosigkeit: «Gerade in Fällen von Sexting, wenn ein freizügiges Bild schon die Runde gemacht hat, kann man sich nur noch um Schadenbegrenzung bemühen und aufzeigen, was die Rechte sind und wie man in den verschiedenen Medien die Privatsphäre schützt.»

Nur in wenigen Fällen melden sich die Jugendlichen, bevor der Schaden passiert ist: «Ein Mädchen hat mal gefragt, ob sie ihrem Freund ein Nacktfoto von sich schicken soll. Er wolle unbedingt eins. Ihr war offensichtlich nicht ganz wohl dabei.» In diesem Fall war der Rat klar: «Nie ein Nacktfoto, nur eins im Bikini, wenn möglich, ohne dass man das Gesicht darauf sieht. Und dies nur dann, wenn auch er eins schickt.»

Moana Crescionini weiss, wie immens das Schamgefühl der Jugendlichen ist, wenn sie Opfer von Sexting werden. «Wir müssen sie als erstes davon überzeugen, dass sie nicht schuldig sind. Oft ist die Angst riesig, den Ruf zu verlieren, gemobbt zu werden. Man spürt oft eine grosse Hilflosigkeit.» Auch mit den neuen Medien sind Freundschaft, Liebe, Sexualität und persönliche Probleme nach wie vor die grossen Themen der Jugendlichen.

Um von den vielen schweren und schwierigen Fällen abschalten zu können, geht Moana Crescionini nach der Arbeit mit ihrem Labrador spazieren. «Er ist jung und versprüht pure Lebensfreude. Er lenkt den Blick wieder aufs Positive im Leben», sagt sie. Fast ein bisschen wie sie selbst, an den Tagen und Nächten am Draht vom 147, wenn sie den Jugendlichen aufzeigt, wie es in ihrem Leben positiv weitergehen kann.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Severin Nowacki