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27. Oktober 2014

12 Mythen rund um den Schlaf

Immer vor Mitternacht ins Bett, damit Sie vom «guten» Schlaf profitieren können? Das können Sie vergessen, sagt der Experte. Wie vieles andere auch, was der Volksmund verbreitet.

Schlafende Frau Getty
Der gute Schlaf ist dort, wo man gut schlafen kann, sagt der Schlafmediziner. (Bild: Getty Images)

1. «Kinder wachsen in der Nacht»

Dieser Mythos hat in der Tat einen wahren Kern. Das bemerken oftmals die Grosseltern, welche die Kinder weniger häufig sehen – «die Kleinen sind plötzlich so gewachsen». In Studien stellte man fest, dass das Wachstum sprunghaft ist: Ein paar Tage wächst das Kind, dann gibt es wieder einen Stopp, das lässt sich deutlich in den ersten Lebensjahren beobachten. Weiter erkannte man, dass die Schlafdauer mit dem Wachstum zusammenhängt. Je länger das Kind schläft, desto eher gibt es solche Wachstumssprünge. Tatsächlich werden in der Nacht jeweils Wachstumshormone ausgeschüttet, gerade während des Tiefschlafs.

Oskar Jenni, Entwicklungspädiater, Kinderspital Zürich

2. «Lernen vor dem Schlafengehen ist effektiver»

Nein. Schlaf ist zwar für die Konsolidierung von Gedächtnisinhalten wichtig. Im Labor durchgeführte wissenschaftliche Experimente, wie das Lernen von Wortlisten in verschiedenen Zeitabständen, können hierzu wichtige Erkenntnisse liefern. Für die Praxis kann man daraus ableiten, dass es kontraproduktiv wäre, erst in der Nacht vor der Prüfung mit dem Lernen zu beginnen. Genauso falsch wäre es, den ganzen Tag zu vertrödeln und erst kurz vor dem Schlafengehen zu lernen. Für das Lernen und Verstehen komplexer Zusammenhänge braucht man vor allem Zeit.

Elsbeth Stern, Lernforscherin, Institut für Lehr- und Lernforschung ETH Zürich

3. «Man steht am besten dann auf, wenns mit dem Biorhythmus übereinstimmt»

Stimmt nicht. Es gab einmal eine Mode Biorhythmus, die darin bestand, ausgehend vom Geburtstag farbige Wellenlinien zu berechnen. Mit Naturheilkunde hat sie nichts zu tun. Der wichtigste Biorhythmus der Naturheilkunde ist das, was zum Beispiel Pfarrer Kneipp mit seiner Ordnungstherapie meinte, was seit jeher als menschgerechter, regelmässiger Wechsel zwischen Aktivität und Passivität empfohlen wird. Am besten steht man dann auf, wenn man ausgeschlafen und ausgeruht ist.

Christian Vogel, Heilpraktiker und Präsident NVS Naturärztevereinigung Schweiz, Herisau

4. «Dinnercancelling: Kann man im Schlaf abnehmen?»

Ja. Dinnercancelling oder zu Deutsch Abendfasten hat die Wirkung, dass nachts die Verdauungsorgane weniger arbeiten. Die Chronobiologie bestätigt heute, dass wir einen inneren Rhythmus im Stoffwechsel haben und die Verdauungsorgane nachts weniger arbeiten. Und nachts benötigen wir sehr wenig Energie. Das Dinnercancelling führt häufig zu erholsamerem Schlaf dadurch gesteigerter Leistungsfähigkeit und es erleichtert, das Gewicht zu halten.

Sybille Binder, Ernährungsberaterin, Geschäftsführerin der Schule für angewandte Naturheilkunde, Zürich

5. «Babys im Elternbett sind gefährlich»

Die Untersuchungen hierzu sind nicht eindeutig, auch wenn Hinweise bestehen, dass das Risiko im Elternbett erhöht sein könnte. Insbesondere wenn die Eltern übermüdet sind, rauchen oder Alkohol, beruhigende Medikamente oder Drogen konsumieren. Am sichersten schläft ein Kind in einem Beistellbett, wo das Kind nicht hinausfallen kann, aber auch nicht zwischen den Eltern überwärmt werden kann. Wichtig ist ein Abwägen zwischen einer für alle komfortablen Schlafsituation, in der das Stillen mit kleinem Aufwand möglich ist, und einer Risikominimierung bezüglich des «plötzlichen Kindstods», dessen Ursache nach wie vor ungeklärt ist.

Gian Bischoff, Kinderarzt, Zürich

6. «Ältere Menschen brauchen mehr Schlaf»

Nein, die Schlafqualität verändert sich. Ältere Menschen haben morgens oft das Gefühl, noch müde zu sein, und interpretieren dies als Schlafmangel. Mit zunehmendem Alter verändert sich das Schlafmuster. Dies ist ein natürlicher Alterungsprozess der dazu führt, dass man kaum noch Tiefschlafphasen aufweist und weniger aktive Traumphasen erlebt. Durch den flacheren Schlaf ist die Weckschwelle gesenkt; Betroffene werden störanfälliger für Geräusche, wachen leichter auf und können nicht mehr Durchschlafen. Kommt hinzu, dass es für viele schwieriger wird einzuschlafen. Nicht zuletzt leidet die Schlafqualität durch das häufigere nächtliche Wasserlassen.

Sandra Oppikofer, Gerontologin, Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich

7. «Haut, Nägel und Haare regenerieren sich in der Nacht»

Stimmt nicht. Der Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert bei allen höheren Lebewesen eine ganze Reihe überlebensnotwendiger Vorgänge. Unzählige biologische Vorgänge in den Geweben und im Stoffwechsel gehorchen einer «inneren Uhr». Intuitiv würde man daher annehmen, dass sich Haut, Nägel und Haare in der Nacht regenerieren. Die innere Uhr der Haut funktioniert jedoch anders. Neuste Forschungsergebnisse haben nachwiesen, dass die Regenerationskraft von Haut, Haaren und Nägeln tagsüber und speziell am Mittag am höchsten ist.

Jürg Hafner, Dermatologe, Präsident der Schweiz. Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (SGDV), Bern

8. «Baldrian hilft beim Einschlafen»

Baldrian wirkt sehr gut als Einschlafhilfe. Wissenschaftlich ist der Wirkmechanismus nicht genau bestimmt, der für die schlaffördernde und entspannende Wirkung der Baldrianwurzel verantwortlich ist. Sicher ist, dass der Baldriantee oder die Baldriantinktur bei Unruhezuständen und Nervosität als idealer Schlafanstoss gilt. Je nach Präparat wirkt der Baldrian mehr angst­lösend oder entspannend. Die Präparate verursachen keinerlei körperliche Abhängigkeit und beeinträchtigen den physiologischen Schlafrhythmus nicht.

Stephan Savoy, Drogist, Drogerie Savoy, Zürich

9. «Der Vor-Mitternachtsschlaf ist der beste»

Das stimmt so nicht. Die Menschen haben individuelle Schlafzeiten. So gibt es «Lerchen», die Frühaufsteher, und «Eulen», die Nachtmenschen. Ausserdem verschiebt sich mit zunehmendem Alter der Schlafrhythmus deutlich nach vorn. Das Problem dabei ist, dass die Gesellschaft sich nicht nach diesen individuellen Schlafzeiten richtet. Man denke an die Diskussion des Schulbeginns oder an die Schichtarbeit. Das heisst: Der gute Schlaf ist dort, wo man gut schlafen kann. Wichtig ist ein regelmässiger Schlafrhythmus und die richtige Schlafmenge.

Jens Georg Acker, Schlafmediziner, Klinik für Schlafmedizin, Bad Zurzach

10. «Bei Vollmond schläft man schlechter»

Der Volksmund hat es eigentlich schon immer gesagt – doch die Wissenschaft konnte diesen Nachweis bis vor Kurzem nicht erbringen. Jetzt ist aber gemäss aktuellen Studien auch wissenschaftlich belegt, dass die Schlafqualität bei Vollmond schlechter ist. Warum das so ist, kann man noch nicht erklären. Dass der Vollmond Einfluss auf die Menschen ausübt, wurde schon früher in anderen Erhebungen festgestellt, etwa dass die Zahl von Gewaltverbrechen während des Vollmonds zunimmt.

Jens Georg Acker, Schlafmediziner, Klinik für Schlafmedizin, Bad Zurzach

11. «Im gemeinsamen Ehebett schlafen Männer besser und Frauen schlechter»

Stimmt so nicht. Frauen geben häufiger an, schlechter zu schlafen als Männer. Das hat aber selten mit dem Ehebett oder Ehemann im gleichen Bett zu tun. In der Kleinkindphase fühlen sich Mütter nach wie vor hauptsächlich zuständig für ihre Kinder, auch während der Nacht. Das führt zu feineren Sensoren und «leichterem», störungsanfälligerem, Schlaf. Im späteren Erwachsenenalter scheinen hormonelle Veränderungen zu mehr Schlafstörungen bei Frauen zu führen. Grundsätzlich gibt es aber Hinweise, dass emotionaler Stress bei Frauen sich stärker auf den Schlaf auswirkt. Das ist jedoch schwierig zu beurteilen. Denn häufig geben die Männer nur an, keine Schwierigkeiten zu haben. Da sind Frauen oft einfach ehrlicher.

Raimondo Lettieri, Paarberater und Psychotherapeut, Paarberatung Zürich

12. «Zu wenig Schlaf macht dick»

Ja, das trifft prinzipiell zu. Schlafmangel führt zu einem Mangel eines bestimmten Hormons, das häufig das Risiko von unkontrollierten Heisshungerattacken erhöht. Die Menschen neigen dann dazu, den Heisshunger mit Schokolade und Süssem oder koffeinhaltigen Getränken zu stillen. Ausserdem hat Schlafmangel zur Folge, dass das vegetative Nervensystem aus dem Lot gerät und falsche Impulse aussendet. Auf diese Weise wird der Körper weniger gut entgiftet.

Sybille Binder, Ernährungsberaterin

Autor: Stefan Müller