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10. November 2014

Vampirjagd im dunklen Wald

Live Action Role Play (LARP) nennt man dieses Improvisationstheater ohne Publikum: Einmal pro Monat verwandeln sich Banker und Bäckerinnen in Vampire, Orks oder Piraten und treffen sich zum Rollenspiel. Wir waren dabei. In zwei Kurzporträts schildern zwei LARP-Fans: «Was macht LARP so attraktiv?»

Konflikte unter Vampirclans
Konflikte unter den Vampirclans sind durchaus üblich: Sandro Weiss, Anita Hedinger und Reno Plüss (von links) im Keller der Waldhütte Bellikon AG.

SZENE 1

Die Lage ist ernst. Vampire aus den verschiedenen Clans der Domaene Argovia haben sich in einer Waldhütte im Kanton Aargau versammelt, um herauszufinden, wer für die drei toten Menschen verantwortlich ist, die unlängst blutleer in der Gegend gefunden wurden. Es herrscht nämlich ein strikter Code: Die Vampire ernähren sich zwar von Menschenblut, aber sie töten ihre Opfer nicht.

Doch während der Sheriff in der Hütte noch versucht, den Sachverhalt zu klären, schlagen andere Vampire Alarm: Im Wald sind Vampirjäger gesichtet worden. Steht ein Angriff bevor? Waren die toten Menschen nur Lockvögel, um die Clans hier in eine Falle zu locken? Eine Gruppe von Vampiren schwärmt aus, raus in den dunklen Wald, um die Jäger zu jagen.


REALITÄT 1

«Ich hoffe, Sara bringt Blut mit», sagt Katrin (18) und betrachtet sich kritisch im Spiegel des heimischen Badezimmers im Kanton Luzern. Ihre Haare sind wild verstrubbelt, hinten an ihrer schwarzen Lederhose hängt ein Fuchsschwanz, eine Kontaktlinse im rechten Auge gibt diesem ein geschlitztes, tierartiges Aussehen. Nur mit dem «Blut», das sie sich eben ins Gesicht geschmiert hat, ist sie noch nicht zufrieden. Die selbst gemixte Flüssigkeit ist zu hell. Ihr Freund Simon (20) lehnt im Türrahmen und schaut zu. Er selbst wird seine Maske erst vor dem Spielstart am Abend in der Waldhütte auftragen – es sind Klumpen aus Vanillepudding, die seinem Gesicht ein aufgedunsenes, leicht ekliges Aussehen geben sollen. Das erwähnte Blut, auf das Katrin hofft, ist natürlich nicht echt. «Selbst gekochtes Kunstblut», erklärt sie.

Katrin und Simon sind seit etwa einem Jahr Mitglieder des Rollenspiels «Vampire Live» im Kanton Aargau. Einen Samstagabend pro Monat verwandeln sich die künftige Tiermedizinstudentin und der angehende Elektriker in Vampire und treffen sich mit anderen Rollenspielern an einem von der Spielleitung festgelegten Ort. Dort spielen sie ihre epische Fortsetzungsgeschichte um die Abenteuer rivalisierender Vampirclans weiter, die unbemerkt von den Menschen den Aargau unsicher machen.

Mich reizt es, jemand ganz anderes sein zu können, in einer ganz anderen Situation.

Die beiden gehören zu den jüngsten Spielern in der Gruppe – die ältesten sind in den 40ern. Katrin hat schon als Kind in Schultheatern mitgespielt, und beide sind grosse Film- und Gamefans. Da ist der Sprung zu einem LARP nicht so weit. Die Spielleiter der Domaene Argovia lernten sie bei einem anderen Rolllenspiel kennen. Diese waren auf der ­Suche nach neuen Spielern für ihr Vampir-LARP – Katrin und Simon liessen sich nicht lange bitten.

Mit Hilfe der Spielleiter kreierten sie Charaktere, die sich in die komplexe Geschichte integrieren liessen. Katrin ist Sam, eine Vampirin des Clans Gangrel, auch Clan der Tiere genannt. Wenn sie die Kontrolle verlieren, nehmen sie tierhafte Züge an. Simon ist Romanowski, ein Vampir des Clans Nosferatu, äusserlich eher abstossend, aber ein aus­gezeichneter Beobachter und Spion. «Romanowski wird heute Abend nicht so viel zu tun haben», sagt Simon. Aber das ist ihm nur recht, denn er ist gerade in der RS und leicht übermüdet.

Für Sam hingegen dürfte einiges los sein, vermutet Katrin, die bester Laune ist – nicht zuletzt, weil sie am Vortag ­erfahren hat, dass sie ihre Matura bestanden hat. «Sam wird versuchen, sich beim Sheriff einzuschleimen, weil sie gerne sein Helferlein werden würde.»


SZENE 2

Der Clan der Gangrel sucht im Wald ob Bellikon nach Vampirjägern, die irgendwo im Unterholz lauern.
Der Clan der Gangrel sucht im Wald ob Bellikon nach Vampirjägern, die irgendwo im Unterholz lauern.

Gemeinsam mit zwei anderen Mitgliedern des Clans Gangrel stürmt Sam ins Unterholz. Irgendwo dort lauern Vampirjäger und führen Übles im Schilde. Aber man hört nichts als die Geräusche der Nacht, ein Vogel hier, ein Rascheln dort.

Dann ein Angriff! Zwei Jägerinnen ­attackieren die Vampire überraschend aus der Dunkelheit. Doch die wehren sich ­erfolgreich. Eine Jägerin stirbt, die andere sinkt bewusstlos zu Boden. Beide ­werden in die Hütte geschleppt, wo sie von Caspar Balthasar Waidmann erwartet werden, einem mächtigen Vampir des Clans der Könige. Sobald die Bewusst­lose aufwacht, beginnt er sein Verhör.


REALITÄT 2

Katrin und Simon betreiben einigen Aufwand für ihr Hobby. Sie klappern Brockenhäuser ab nach interessanten Kostümen und Accessoires und probieren allerlei Material aus für Masken oder einen tierischen Look. Die Hauptattraktion des LARP-Hobbys ist für sie das tiefe Eintauchen in eine fremdartige Welt. «Mich reizt es, jemand ganz ­anderes sein zu können, in einer ganz anderen Situation», sagt Katrin. Für beide ist es am schönsten, wenn sie im Spiel nach und nach wirklich mit ihren Charakteren verschmelzen.

Sie sind sich aber durchaus bewusst, dass es Leute geben könnte, die ihr ­Hobby ziemlich schräg finden. «Es gibt schon einige, die sich Sorgen machen, was ihr Chef denkt, wenn er erfährt, dass sie einmal pro Monat als Vampir verkleidet durch die Wälder laufen», sagt Katrin. Sie selbst bekam jedoch noch nie ­negative Reaktionen. Das Beste seien die vielen neuen Freunde, die sie inzwischen habe. Als sie mit ihren Eltern vor drei Jahren aus Deutschland in die Schweiz kam, kannte sie kaum jemanden. «Seit ich beim LARP bin, weiss ich gar nicht, mit welchen Freunden ich zuerst was unternehmen soll.»

Simon und Katrin perfektionieren vor dem Spiel noch ihren Look. Die ­gelben Pusteln in Simons Gesicht bestehen aus ­Vanillepudding.
Simon und Katrin perfektionieren vor dem Spiel noch ihren Look. Die ­gelben Pusteln in Simons Gesicht bestehen aus ­Vanillepudding.

Wie nah sich die Spielerinnen und Spieler stehen, zeigt sich kurz darauf bei der Waldhütte Bellikon AG, dem Schauplatz dieser Nacht. Man begrüsst sich herzlich, plaudert über Gott und die Welt, hilft sich mit Kostümen und ­Make-up, fachsimpelt über andere LARP. Einige spielen «Vampire Live» schon seit vielen Jahren und sind auch in weiteren Rollenspielen aktiv – oft in Mittelalter- oder Fantasy-Settings.

«Die Mehrheit dort will Action, Kampf und Heldentum», erklärt Sandro Weiss (26), ein Polymechaniker aus Pfaffhausen ZH, der elegant kostümiert den Vampir Caspar Balthasar Waidmann spielt. «Bei uns geht es mehr um Strategie und Intrigen, die Figuren sind mehrschichtig, nicht einfach gut oder böse.»


SZENE 3

Das Verhör erweist sich als fruchtbar. Vampir Waidmann erfährt, dass es einen Anführer gibt, der nicht nur die Jäger geschickt hat, sondern vermutlich auch hinter den drei toten Menschen steckt. Doch wie genau könnte man an den rankommen? Ein weiterer der anwesenden Mächtigen, genannt die Geissel, weil er auch Vampire töten darf, bereitet ein ­Ritual vor, mit dem er das Wissen einer der toten Jägerinnen anzapfen kann.


REALITÄT 3

Katrin als Vampirin Sam.
Katrin als Vampirin Sam.

17 Spielerinnen und Spieler haben sich bei der Waldhütte eingefunden, wo es langsam eindunkelt – alles Leute, die mitten im Leben stehen, aber Spass daran haben, für ein paar Stunden jemand ganz anderes zu sein. Spielleiter Reno Plüss (32, angehender Oberstufenlehrer aus Mellingen AG) und Sara Arpagaus (29, Finanzberaterin aus Schönenwerd SO) erklären die aktuelle Spielsituation. Sie spielen «Vampire Live» schon seit gut zehn Jahren. Als Leitungsteam organisieren sie die Spielorte, kassieren die Teilnahmegebühr (40 Franken pro Person und Abend), administrieren die Teamseite auf Facebook, helfen neuen Spielern, einen Charakter zu gestalten, und strukturieren den grossen Handlungsbogen der Geschichte.

Um etwa 20.30 Uhr geht es los. Ab ­sofort herrscht «In-Time», die Spieler sind in ihren Rollen und ignorieren alles, was nicht zum Spiel passt. Um das nach aussen zu demonstrieren, wird im Spiel konsequent Hochdeutsch geredet. Wenn es eine Regieanweisung braucht, wird kurz eine «Off-Time» erklärt, und man diskutiert auf Schweizerdeutsch. Dann geht es wieder zurück «In-Time» und in die Vampirwelt.


SZENE 4

Das Ritual ist laut und heftig. Die Geissel (Spielleiter Reno) erweckt die tote Jägerin (Spielleiterin Sara) temporär wieder zum Leben, indem er einer anderen Jägerin Lebensenergie abzapft. Während diese sich laut jammernd am Boden wälzt, verhört der Vampir die sich windende Tote. Mitten im Verhör wird er plötzlich von ­einer Vampirin im Raum attackiert, doch Sam und andere setzen sie ausser Gefecht. Nachdem die Geissel aus der Toten rausgeholt hat, was sie wissen wollte, entlässt sie sie zurück ins Jenseits und widmet sich nun der unerwarteten Angreiferin. Nach einer heftigen Diskussion vollzieht die Geissel die Strafe, die auf einen Angriff auf die eigene Art steht: Sie wirft die Angreiferin zu Boden und trinkt sie leer.


REALITÄT 4

Nach dem dramatischen Finale endet das Spiel gegen halb eins. Die Spielerin, deren Charakter eben getötet wurde, ­erzählt, dass dies mit der Leitung ab­gesprochen gewesen sei. Sie findet, nach fünf Jahren sei es Zeit für einen neuen Charakter. Auch Katrin und Simon sind sehr zufrieden. «Das war extrem spannend», sagt Simon, «besonders die ­Action draussen im Wald.» Und Katrins Figur ist nun ihrem Ziel näher, Helferlein des Sheriffs zu werden.

Die Vampirjäger berichten, dass sie mitten im Wald wohl eine Wildsau aufgescheucht hätten. «Wir haben es rascheln gehört und dachten schon, die Vampire hätten uns gefunden, aber dann hat es plötzlich laut gegrunzt», erzählt einer und lacht. «Da haben wir lieber den Rückzug angetreten.»

Einige brechen schon bald auf, andere diskutieren noch. Gegen zwei Uhr machen sich auch Katrin und Simon auf den Heimweg – kurz darauf ist der Wald oberhalb Bellikons komplett vampirfrei und gehört wieder ganz den Wildschweinen.

Fotograf: Stephan Rappo