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10. November 2014

Was macht das Live-Rollenspiel so attraktiv?

LARP: Zwei Live Action Rollenspieler berichten, weshalb sie ihr Hobby schon seit Jahren mit solcher Leidenschaft betreiben.

Peter Keel im Kostüm
Peter Keel im Kostüm

Peter Keel, 40, Informatiker

Es gibt nur einen Raum in Peter Keels Wohnung in Zürich-Wipkingen, dem man sein Hobby nicht ansieht: das Bad. Überall sonst vermischen sich Neuzeit und Mittelalter. Im Küchenschrank stehen altertümliche Tongefässe und Gläser, im Schlafzimmer hängt eine umfangreiche Waffensammlung an Schwertern und Hellebarden, im Flur steht eine alte Holztruhe, und ein ganzes Zimmer dient nichts anderem als der Aufbewahrung von mehreren Dutzend Kostümen und Requisiten aller Art. «Die Motten sind ein grosses Problem», erklärt Keel, «deshalb muss sämtliche Kleidung in einen Raum, das macht es einfacher sie zu bekämpfen.»

Peter Keel ist 40, Informatiker und seit Ende der 90er-Jahre in der Schweizer LARP-Szene aktiv. Dort kennt man ihn landauf, landab als Seegras, der Name einer seiner ersten LARP-Figuren, ein ehemaliger Pirat und ziemlich windiger Typ. Neben ihm hat er noch ein halbes Dutzend weiterer Rollen im Repertoire, die sich im Genre Fantasy und Mittelalter einsetzen lassen. Deren Persönlichkeiten sind allerdings recht ähnlich. «Ich mag Halbweltfiguren, bin aber kein sehr guter Schauspieler», sagt Keel. Das gleicht er mit der Kleidung und variierenden Akzenten aus.

Für eine neue Figur betreibt er einigen Aufwand – selbst wenn er in der Rolle vielleicht nur einmal auftritt. «Wenn ich einen Steinmetz spiele, muss ich wissen, wie diese Arbeit funktioniert, damit ich ihn überzeugend darstellen kann.» Auf diese Weise hat er sich schon allerlei Kulturtechniken beigebracht, die man heutzutage nur noch selten findet. «Ich kann inzwischen auch richtig gut nähen», sagt er und lacht.

Die typischen Rollenspieler haben einen Spieltrieb, sind sozial und kommunikativ.

Pro Jahr nimmt er an 10 bis 15 Spielen teil, meist über ein langes Wochenende hinweg, gelegentlich auch mal eine ganze Woche lang. «Die typischen Rollenspieler haben einen Spieltrieb, sind sozial und kommunikativ.» Einzelgänger oder Leute, die nicht gut mit Worten sind, kämen eher nicht in Frage. Fast alle seine bisherigen Freundinnen hat der Single beim LARP kennengelernt. Und in seinem Umfeld wissen auch alle Bescheid über sein Hobby. «Wer einen Spieltrieb hat oder ein Hobby leidenschaftlich betreibt, findet LARP nicht weiter seltsam.» Sein Vater allerdings konnte nie nachvollziehen, was er da eigentlich tue.

«Im Idealfall gelingt es, die reale Welt komplett auszublenden und ganz in der Fantasiewelt und der Rolle zu verschwinden.» Daneben geniesst er vor allem, dass es ein sehr soziales und kreatives Hobby ist. «Man kann aber kein anderer werden: Wer im realen Leben Probleme hat, wird die auch beim LARP haben», erklärt Seegras. «Man kann also keine Ferien von sich selbst machen, aber Ferien von der modernen Welt, vom Job, vom Alltag. Und das ist doch schon eine ganze Menge.»


Sara Ehling, 32, LARP-Ladenbetreiberin

Sara Ehling als Ork verkleidet für das Endzeitszenario «Shadowrun».
Sara Ehling als Ork verkleidet für das Endzeitszenario «Shadowrun».

Mindestens sechs Tage pro Woche lebt Sara Ehling (32) in der Welt der Ritter, Trolle und Magier: Sie betreibt den grössten LARP-Laden der Schweiz. Im «Allerley» in Islikon TG rüsten sich Fasnächtler, LARP- und Mittelalter-Fans aus allen Kantonen mit Verkleidungen und Accessoires für Rollenspiele aus. Hühnerfüsse, farbige Kontaktlinsen, Ritterrüstungen, künstliche Narben, Trinkkelche und Waffen aus Schaumstoff reihen sich in den Regalen aneinander.

Wie letztere gehandhabt werden, erklärt Sara Ehling: «Im LARP gilt die Regel des DKWDDK: Du kannst, was du darstellen kannst.» Das verhindere ein kompliziertes Regelwerk und zu künstliches Spiel. Beispiel: Kriegt man einen heftigen Stoss mit einer LARP-Axt in die Brust, ist die Chance gross zu sterben. Streift einem ein Dolch an der Schulter, versorgt ein Heiler die Wunde. «Nur wenn man nach einem Sanitäter ruft, dann braucht man wirklich Hilfe.»

Für Sara Ehling, in der LARP-Welt seit zehn Jahren besser bekannt als Linea, bedeutet DKWDDK: Sie spielt nicht gerne kämpferische Rollen, weil die nicht ihrem Naturell entsprechen. Lieber mag sie Charaktere aus der normalen Bevölkerung: «Im LARP wollen alle immer etwas Mächtiges wie Elfen, Krieger, Heiler oder Magier spielen. Ich stelle lieber den Dorfdepp oder eine Händlerin dar.»

Für das Fotoshooting hat sie sich aber etwas Spezielles einfallen lassen: Sie hat sich extra die Haare grünblau gefärbt und schlüpfte in die Rolle eines Ork aus dem Endzeitszenario Shadowrun. Die fiktive Zukunftswelt und die der Horror-Spiele mag Linea am liebsten. In jedem Spiel einen neuen Charakter zu verkörpern, hat auch einen Vorteil: Der darf dann auch getrost sterben. Für diesen Fall hat Linea stets eine zweite Verkleidung dabei.

Viele wären in ihrem normalen Umfeld vielleicht Aussenseiter.

In LARP-Kreisen fühlt sich Linea wohl: «Dort wird man meist bedingungslos akzeptiert. Viele wären in ihrem normalen Umfeld wie im Job oder in der Schule vielleicht Aussenseiter.» Bei Linea war das früher nicht viel anders. Doch ihr neuer Freundeskreis und das Unternehmertum habe ihr viel Selbstvertrauen gegeben. Ihr Laden läuft mittlerweile so gut, dass sie auch zwei feste Mitarbeiterinnen beschäftigt.

«Beim LARP lernt man ständig neue Leute kennen und ist noch dazu an der frischen Luft.» Ein weiterer positiver Nebeneffekt dieses aussergewöhnlichen Hobbies: «Man kann seine kreative Seite ausleben. Ich glaube, in keiner Szene gibt es so viele Männer, die sticken und nähen», sagt Sara Ehling und lacht. Auch ihr 7-jähriger Sohn Ephraim findet Gefallen an der Fantasie-Welt. Er war in diesem Sommer sogar mit seinem Vater mittelalterlich zelten. Natürlich mit Gewandung und mit allem, was dazu gehört.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Stephan Rappo