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28. Oktober 2013

Die Filmerfamilie

Wenn Thomas Imbach und Andrea Staka ihre Kinofilme drehen, sind auch die Söhne Vanja und Noah nicht weit. «Mary Queen of Scots», das jüngste Werk der filmverrückten Familie, kommt Anfang November in die Kinos.

Familie Imbach
Familienunternehmen: Vanja (rechts) und 
Noah sind oft dabei, wenn Thomas Imbach und Andrea Staka am Drehen sind.


HISTORIENDRAMA UND SCHWEIZER FAMILIENALLTAG
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Vanja (5) kann sich nur noch vage an die Dreharbeiten zu «Mary Queen of Scots» erinnern. Obwohl er damals im Schloss Chillon bei Montreux VD mit Schwert Ritter spielen durfte und eine enge Beziehung zur Hauptdarstellerin Camille Rutherford entwickelte, wie seine Eltern erzählen. Die Filmemacher Thomas Imbach (50) und Andrea Staka (39) haben den aufwendigen Historienfilm vor zwei Jahren an verschiedenen Schauplätzen in der Schweiz und Frankreich gedreht. Dafür weiss Vanja genau, was Papa und Mama jeweils sagen, wenn die Schauspieler auf dem Set loslegen sollen: «Action!» Und er erinnert sich auch gerne an das Holzschwert, das er in Bellinzona TI bekommen hatte, als er mit dem Vater unterwegs war, um mögliche Drehorte für den Film auszukundschaften. «Das ist aber jetzt ein bisschen kaputt.»

Thomas Imbach und Andrea Staka mit Noah (vorne) und Vanja auf ihrer riesigen Dachterrasse beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich.
Thomas Imbach und Andrea Staka mit Noah (vorne) und Vanja auf ihrer riesigen Dachterrasse beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich.

Das Engagement des älteren Sohns Noah (18) ging schon etwas weiter. Er war während seiner Schulferien zwei Wochen auf dem «Mary»-Filmset und half dem Beleuchterteam. «Das war toll, ich habe einiges gelernt und spannende Leute getroffen.» Noah stand für seinen Vater sogar schon vor der Kamera, im Film «Lenz» (2006). Doch obwohl er in einer Filmerfamilie gross geworden ist, sieht der Handelsmittelschüler seine Zukunft eher nicht in dieser Branche. «Ich kriege ja mit, wie viel Energie und Zeit es braucht, auch nur einen Film zu machen — ich weiss nicht, ob ich die Kraft hätte, so was durchzustehen.»

Ich kriege mit, wie viel Energie und Zeit es braucht, einen Film zu machen. – Noah Gsell

Dafür findet er die berufliche Freiheit seiner Eltern «cool». Er geht auch gern mit ihnen an Filmfestivals, wenn sich das von der Schule her einrichten lässt. Und bei den Freunden macht sich der ungewöhnliche Beruf seiner Eltern auch nicht schlecht. Wirklich angeben kann er aber nicht mit ihnen, dafür sind die Filme in seiner eher auf Hollywood fixierten Altersgruppe zu wenig bekannt.

Szenenbilder aus Thomas Imbachs neuem Film «Mary Queen of Scots». (zVg.)

Mit «Mary Queen of Scots» könnte sich das allerdings ändern, haben sich Thomas Imbach und Andrea Staka doch diesmal eines Themas angenommen, das in den letzten Jahren in Kino und Fernsehen mit «The Tudors» oder «Elizabeth» enorm populär war: der historischen Wirren und Dramen um das britische Königshaus. Imbach treibt die Figur der Mary Stuart schon länger um. «Mich interessiert vor allem das Innenleben dieser Frau, ihre Persönlichkeit und Leidenschaft. Sie hat sich ohne Rücksicht auf Verluste für das eingesetzt, an das sie glaubte. Es ging mir also mehr um die Psychologie von Mary als um das Königinnendrama.»

Er führte Regie, sie schrieb das Drehbuch, beide produzierten

Staka und Imbach sind erfahrene und langjährige Filmemacher. Schon 2006, noch bevor sie ein Paar waren, sprachen sie das erste Mal über den Stoff. Ein Stück weit hat er sie sogar zusammengebracht. Staka war es dann, die auf der Basis der historischen Ereignisse und Imbachs konkreten Fokus ein Drehbuch dafür zu schreiben begann. «Ich habe immer einen Teil geschrieben, dann haben wir uns zusammengesetzt, diskutiert, gestritten, dann habe ich weitergeschrieben», erzählt Staka. Von der finalen Drehbuchversion zur Filmfassung wurde die Geschichte aber weiter verdichtet und gekürzt.

«Ursprünglich hätte ich gerne noch mehr aus der Zeit von Marys fast 20-jähriger Gefangenschaft vor ihrer Hinrichtung erzählt, aber das wäre dramaturgisch schwierig gewesen», sagt Imbach.Die zwei sind ein eingespieltes Team. Zwar arbeiten sie jeweils zusammen an ihren Filmen, aber «Mary» ist ganz klar Imbachs Werk. «Trotzdem reden wir einander natürlich dauernd drein», sagt er. «Privat- und Arbeitsleben lassen sich da nicht wirklich trennen. Wir teilen die Arbeit nach den jeweiligen Stärken auf: Andrea ist kommunikativ zum Beispiel viel begabter als ich, mir liegen dafür die Finanzen.»

Staka findet die Vermischung zwischen Job und Privatleben durchaus positiv. «Man kann bei der Kritik gnadenloser sein als sonst, weil man ja den anderen sehr genau kennt und auch weiss, wie der tickt und wo seine Schmerzgrenze liegt.» Dafür treffe die Kritik manchmal auch tiefer, sagt Imbach.

Beide wollen Filme produzieren, die international Anklang finden

Das Filmerpaar wohnt mit dem gemeinsamen Sohn Vanja in einem ehemaligen Industriegebäude beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich, Imbachs Sohn aus einer früheren Beziehung, Noah Gsell, lebt teils bei ihnen, teils bei der Mutter. Über der Wohnung haben sie eine riesige Dachterrasse mit prächtigem Ausblick, darunter befinden sich Atelier und Büro der Okofilm, ihrer gemeinsamen Produktionsfirma, die gezielt Schweizer Filme mit internationaler Ausstrahlung herstellen will. Wobei das durchaus auch schweizerische Stoffe und Geschichten sein können, betonen beide.

Wir reden einander natürlich dauernd drein. – Thomas Imbach

Vier Millionen Franken hat die Produktion von «Mary» gekostet. «Hätten wir acht Millionen gehabt, hätten wir visuell noch viel mehr daraus machen können», sagt Imbach. Die Geldgeber davon zu überzeugen, dass ein so ungewöhnliches Filmprojekt mit diesem Budget machbar ist, sei denn auch die grösste Herausforderung gewesen.

Szenenbilder aus Thomas Imbachs neuem Film «Mary Queen of Scots»
Szenenbilder aus Thomas Imbachs neuem Film «Mary Queen of Scots». Die Dreharbeiten fanden in der Schweiz und in Frankreich statt. (Bild: zVg.)
Szenenbilder aus Thomas Imbachs neuem Film «Mary Queen of Scots»
Szenenbilder aus Thomas Imbachs neuem Film «Mary Queen of Scots». Die Dreharbeiten fanden in der Schweiz und in Frankreich statt. (Bild: zVg.)

Dass der Film an wichtigen Festivals wie Locarno oder Toronto gezeigt werden konnte, ist bereits ein erster Erfolg. «Das Feedback ist bisher sehr positiv, und wir haben auch schon einen Weltvertrieb gefunden und dadurch einen Teil der offenen Kosten wieder hereingeholt», sagt Imbach. Wichtig sei nun, dass der Film neben der Schweiz auch in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien ins Kino komme. «Aber wir müssen auch realistisch sein: Es ist natürlich kein Mainstreamfilm. Wenn wir in der Schweiz 50'000 Zuschauer erreichen, wäre das super.»

In jedem Fall war «Mary» für die beiden Filmemacher eine wertvolle Erfahrung, sie wissen nun viel mehr darüber, wie die Branche im Ausland funktioniert. «Ursprünglich wollten wir ja in Schottland drehen, aber in einer Koproduktion hätten wir zu viel englisches Geld finden müssen, um dort arbeiten zu können», sagt Imbach. «Mit der vorwiegend schweizerischen Finanzierung waren wir viel freier und flexibler, hier zu drehen.» Am Ende fanden sie attraktive Schauplätze in der Schweiz, die visuell genau so gut funktionierten.

Grosse Hektik vor dem Kinostart, danach erst mal eine Auszeit

«Spannend war auch, mit so vielen internationalen Schauspielern zu drehen, die Franzosen machen Filme nämlich ganz anders als etwa die Engländer», sagt Staka. «Der Umgang auf französischen Sets ist viel lockerer, bei den Angelsachsen gehts eher militärisch zu.»

Beide durchleben gerade eine hektische Zeit. «Ein Film ist nicht fertig, bevor er schliesslich auch noch im Fernsehen gelaufen ist», erklärt Imbach. Rund um den Kinostart gibt es noch unendlich viel zu organisieren. Staka arbeitet parallel zusätzlich an ihrem eigenen Film, «Cure», den sie mit vielen lokalen Schauspielern in ihrer zweiten Heimatstadt, Dubrovnik, inszeniert hat. Und während Imbach schon vage eine Idee für ein nächstes Projekt hat, darüber allerdings noch nichts sagen will, freut sich Staka auf eine Auszeit, wenn die beiden Filme dann abgeschlossen sind. «Ich muss für eine Weile die Seele baumeln lassen und erst mal die Batterien wieder aufladen. Nur so kann sich bei mir die Inspiration für den nächsten Film entwickeln.»

www.okofilm.ch

Fotograf: Salvatore Vinci