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17. November 2014

Unterwegs mit einem Location Scout

Arnold Bucher fährt durchs Land, schaus sich schöne Ort an und wird dafür auch noch bezahlt. Er ist Location Scout und sucht passende Drehorte für Spiel- oder Werbefilme. Im Sommer war er für den neuen «Heidi»-Film im Engadin unterwegs. Wir zeigen seine ursprünglich rekognoszierten Varianten für «Mein Name ist Eugen» (oben) und «Sennentuntschi» (siehe Slideshow weiter unten).

Im musealen Filmsetting von «Mein Name ist Eugen»
Eine Hauptfigur im musealen Filmsetting von «Mein Name ist Eugen». (Bilder zVg)

Arnold Bucher (42) steht vor der alten Kirche und strahlt. Zwei Tage ist er schon im Engadin unterwegs, um den passenden Innenraum einer Kirche für die Dreharbeiten des neuen «Heidi»-Films zu finden – und da ist er nun. «Das passiert nur alle paar Wochen mal», schwärmt Bucher. «Ich komme um eine Wegbiegung, der Blick tut sich auf, und ich sehe die perfekte Location. So was löst geradezu euphorische Gefühle aus, einen richtigen Rush, wie bei einem Schatzsucher, der endlich seine Truhe mit Gold gefunden hat.»

Der Auftrag in diesem Fall war klar: Es musste eine eher ältere, schlichte Kirche sein. Und sie durfte nicht weiter weg als 30 Fahrminuten von Bergün GR sein. «Darsteller und Crew sind in Bergün einquartiert – und wenn der Fahrweg zum Drehort länger als 30 Minuten dauert, muss das als Arbeitszeit bezahlt werden», erklärt Bucher. Sein Hauptproblem: Die meisten der besichtigten Kirchen in und um Bergün wirken zu modern. Vor allem ist das Holz der Kirchenbänke fast überall zu hell. «Das wirkt neu, selbst wenn es alt ist.»

Arnold Bucher und sein wichtigstes Arbeitsinstrument: der Fotoapparat.
Arnold Bucher und sein wichtigstes Arbeitsinstrument: der Fotoapparat.

Im Vorfeld seiner zweitägigen Tour ins Bündnerland hat er intensiv online recherchiert. «Von fast allen Kirchen findet man im Internet Bilder, sicher von aussen, oft auch von innen.» So hat er eine Liste von Kirchen erstellt, die er sich anschauen will. «Aber vieles passiert auch spontan unterwegs – es ist immer etwas anderes, persönlich vor Ort zu sein.» Das kleine Dorf Mon ob Tiefencastel stand auf der Liste, weil es gleich über zwei Kirchen mit Potenzial verfügte – allerdings liegt es im Grenzbereich des 30-Minuten-Radius, weshalb es sich Bucher für die Schlussphase seines Scoutings aufgespart hat.

Doch schon als er sich auf dem Feldweg der Kirche St. Cosmas und Damian nähert, ist klar: Das könnte ein Treffer sein. Die kleine Kirche mit dem grossen Turm sieht richtig alt aus und steht etwas abseits vom Dorf ganz für sich allein. «Hoffentlich ist sie offen», sagt er, stoppt seinen geländegängigen Ford und greift sein wichtigstes Arbeits­instrument: den Fotoapparat. Bucher hat Glück, die alte Holztür ist unverschlossen und führt direkt in den kleinen Andachtsraum: schlichte Wände aus Stein mit christlichen Motiven, ein kleiner Altar, ein Blumenstrauss. Vor allem: keine Spur von Prunk wie in so vielen anderen Gotteshäusern vorher.

Auch US-Regisseur David Fincher war schon Kunde von Bucher

«Ich schaue jetzt zwar noch zwei, drei weitere Kirchen an, aber nun kann ich mich entspannen», erklärt Bucher. «Ich habe jetzt definitiv etwas, das ich Regisseur Alain Gsponer präsentieren kann.» Doch selbst wenn der Location Scout einen persönlichen Favoriten hat, zeigt er seinem Auftraggeber immer eine breite Auswahl an Motiven. «Am Ende entscheidet der Regisseur, und es kommt immer wieder vor, dass der sich für einen Drehort entscheidet, der nicht meine erste Wahl war.»

Deshalb ist es für Bucher auch so wichtig, von Anfang an mit dem Regisseur sprechen zu können. Oft geht es darum, kleine atmosphärische Präferenzen auszuloten. Bei richtig grossen, internationalen Produktionen muss er sich manchmal jedoch mit der zweiten Garde aus dem Produktionsteam begnügen. Etwa als er für den US-Regisseur David Fincher Locations in Zürich für «The Girl with the Dragon Tattoo» (2011) suchte. Dort erklärte ihm ein Produktionsleiter, was gefragt sei.

Etwa drei Minuten von David Finchers Thriller «The Girl with the Dragon Tattoo» (2011) spielen in Zürich. Rooney Mara als Lisbeth Salander auf dem Weg zu Bankgeschäften.
Etwa drei Minuten von David Finchers Thriller «The Girl with the Dragon Tattoo» (2011) spielen in Zürich. Rooney Mara als Lisbeth Salander auf dem Weg zu Bankgeschäften.

Wie Regisseur Fincher selbst tickt, erlebte Bucher erst, als jener mit einem kleinen Team an einem Wochenende anreiste. «Wir sind einen Tag durch Zürich gelaufen, und ich habe schnell gemerkt, was er mag und was nicht.» Die Zusammenarbeit funktionierte gut, und Bucher war während der eigentlichen Dreharbeiten auch noch Location Manager in Zürich – musste also dafür sorgen, dass Drehbewilligungen vorlagen, Drehorte abgesperrt wurden und alles reibungslos funktionierte. «Er hat etwa sieben Minuten Material in Zürich gedreht, das aber für den fertigen Film auf drei Minuten gekürzt.»

Diese Art von Zusammenarbeit mit grossen Namen ist das A und O in der Branche. «Wenn man sich einen guten Ruf bei wichtigen Leuten erarbeitet, bekommt man auch immer wieder weitere Aufträge für andere spannende Projekte.» Bucher ist so gefragt, dass er mehr Anfragen erhält, als er annehmen kann. «Je nachdem, was sonst noch läuft, schaffe ich vielleicht 20 Aufträge im Jahr – und ich wähle mir die aus, die ich spannend finde.»

Seine Spezialität sind Orte auf dem Land und in den Bergen

Daneben arbeitet er als Regieassistent, etwa für die Verfilmung des Martin-Suter-Romans «Der Koch», der aktuell im Kino läuft, und als Autor. Das Drehbuch des Science-Fiction-Streifens «Cargo» (2009) stammt zum Beispiel aus seiner Feder. Seine Passion für das Scouting hat er vor rund 15 Jahren als Aufnahmeleiter entdeckt, wo er unter anderem dafür zuständig war, die idealen Drehorte zu finden. In der Schweiz gibt es nur eine Handvoll anderer Location Scouts, die auf ähnlichem Level arbeiten wie Bucher. «Und wir kennen uns alle gut.» Seinen Durchbruch hatte er mit Michael Steiners «Mein Name ist Eugen» (2005), seither kennt man ihn.

Bucher liebt es zu recherchieren und in der Natur unterwegs zu sein. «Ich scoute zwar oft auch in Zürich, aber spezialisiert bin ich auf Locations in den Bergen und auf dem Land.» Und bisher hat er noch für jeden Film etwas Passendes gefunden, auch wenn es manchmal lange dauert. «Fürs Sennentuntschi habe ich zwei Jahre lang nach der perfekten Alphütte gesucht, natürlich immer mit Unterbrüchen.» Die Ironie der Geschichte: Am Ende drehten sie auf jener Alp, die schon ganz zu Anfang im Gespräch war – dort, wo schon Fredi M. Murer für seinen Klassiker «Höhenfeuer» (1985) gefilmt hatte.

Besonders gerne nimmt Bucher internationale Aufträge an, was aber deutlich seltener vorkommt als Jobs für Schweizer Produktionen. «Wenn ich darauf fokussieren wollte, müsste ich nach Los Angeles ziehen.» Er schliesst nicht aus, dass er das irgendwann mal tut. Zurzeit ist er aber ganz glücklich so, wie es ist. Er lebt mit seiner Partnerin, einer Journalistin, und ihrem Hund in Otelfingen ZH auf dem Land, wo er in Ruhe schreiben kann und sich bei der Gartenarbeit entspannt.

Buchers Schatzsucher-Instinkt hat ihn auch bei der kleinen Kirche in Mon nicht getäuscht: Das «Heidi»-Filmteam hat dort Ende August die geplanten Szenen gedreht – zu sehen im Frühling 2016 in allen Schweizer Kinos.

www.motivsucher.ch

Ein Treffer für den neuen «Heidi»-Film: der Innenraum der Kirche in Mon bei Tiefencastel GR
Ein Treffer für den neuen «Heidi»-Film: der Innenraum der kleinen Kirche St. Cosmas und Damian in Mon bei Tiefencastel GR.

Fotograf: Laurent de Senarclens, Bucher, Arnold