05. Oktober 2017

Rentner(innen) ohne Feierabend

Die Zahl der Frauen und Männer, die über das offizielle Rentenalter hinaus arbeiten, nimmt zu. Vier engagierte Pensionierte erzählen, warum ihnen die Arbeit wichtig ist und sie auf das Gefühl, gebraucht zu werden, nicht verzichten möchten.

Ich habe mich finanziell nie abgesichert

Carole Buess

Carole Buess, 1949, Jonen AG
Job alt: Sozialpädagogin
Job neu: Diverses

«Ich bin Sozialpädagogin und habe über Jahrzehnte mit Erwachsenen gearbeitet, mit Themen wie Drogen und psychischen Problemen. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich hatte ein Burn-out mit 64, der Arbeitgeber und ich haben gemeinsam entschieden, dass es besser ist aufzuhören. Gesundheitlich war ich froh über diesen Entscheid. Aber weil ich ein Jahr vor der offiziellen Pensionierung aufgehört habe, klafft nun ein Lochin der Pensionskasse.

Deshalb arbeite ich heute, wo ich kann, um dazuzuverdienen. Ich habe nie gross gespart, im Gegensatz zum Rest meiner Familie. Alle anderen haben sich irgendwann Häuser gekauft, aber ich wohne noch immer in einem Mietshaus. Ich bekomme 4400 Franken pro Monat aus AHV und Pensionskasse, das klingt nach viel. Aber ich habe Tiere, die kosten mich Geld. Ich liebe sie, sie sind wie meine Kinder. Ich habe mich finanziell nie abgesichert, jetzt schlägt das eben zurück.

Momentan habe ich keine feste Anstellung. Ich versuche mit den unterschiedlichsten Dingen, meinen Lebensunterhalt zu verdienen: Von zu Hause aus verkaufe ich ätherische Öle, schreibe dazu meinen eigenen Newsletter und gebe Traumfängerkurse. Ich bin Sammlerin, habe sehr viele kleinere Dinge und Möbel, damit gehe ich nun auf Flohmärkte. Als Überlebenskünstlerin schaue ich, dass ich mich über Wasser halte.

Auch wenn es finanziell nicht einfach ist: Die Pensionierung hat auch ihre guten Seiten. Ich bin mein eigener Chef und entscheide, wann ich esse, schlafe, aufstehe. Ich fühle mich freier. Es ist nicht einfach, weiterhin arbeiten zu müssen, aber gleichzeitig ist diese Situation auch mein Antrieb. Sie hat zwei Seiten, genau wie ich. Mehr Zeit und Raum für meine Kreativität zu haben, macht mich lebendiger. Wenn ich das Geld nicht bräuchte, würde ich mich vielleicht zu sehr zurücklehnen, denn ich habe auch eine faule Seite und bin ab und zu gern allein. Dass ich arbeiten muss, treibt mich an und bringt mich mit anderen Menschen in Kontakt.»

Ich werde gern gebraucht

Wolfgang Heinzmann

Wolfgang Heinzmann, 1943, Horgen ZH
Job alt: Betriebswirtschaftsingenieur
Job neu: Coach und Berater, selbständig

«Ich bin jetzt 73 Jahre alt und arbeite immer noch 60 Prozent projektbasiert, solange es meine Gesundheit zulässt. Es würde für mich keinen Sinn ergeben, einfach aufzuhören. Schon seit fast 30 Jahren bin ich selbständig, deshalb geht das. Ich bin sehr interessiert an neuen Technologien, das Internet ist meine Wissensbibliothek.

Ein Manager sagte mir mal: Sie wirken jünger als ich. Ich bin Nichtraucher, war fünffacher Schweizer Meister im Wasserball. Noch heute trainiere ich zwei- bis dreimal pro Woche meine Muskeln, Ausdauer und Beweglichkeit. Ich könnte loslassen, kürzertreten. Aber warum sollte ich? Es macht mir doch Freude. Ich bin ein Macher, kein Theoretiker. Und ich werde gern gebraucht.

Frühere Kunden schätzen mein Wissen und beauftragen mich immer wieder. Jüngeren kann ich viel von meinem Wissen weitergeben, wie ich bemerkt habe. Ich bringe Ruhe hinein, Erfahrung, Kompetenz, Sachwissen. Auch wenn ich für immer finanziell ausgesorgt hätte, würde ich trotzdem weiterarbeiten. Zurückzutreten wäre kein Problem für mich, wenn ich wüsste, dass ich jemandem den Job wegnehme, der Familie hat. Ich bin geschieden und habe keine Kinder. Ich habe mich auch schon umgeschaut, ob im Bereich Freiwilligenarbeit etwas für mich dabei wäre.

Hätte ich meine beruflichen Projekte nicht mehr, würde ich mich in Bereichen weiterbilden, für die ich früher nicht die Zeit hatte. Ich würde Länder bereisen, die mich interessieren. Meine Bekannten ermutigen mich alle dazu, weiter aktiv zu bleiben. Keiner von ihnen sagt, ich solle mich zurücklehnen. Ich sehe ja, was das mit den Leuten macht, wenn man nicht mehr aktiv ist. Wenn man Gesundheit geschenkt bekommt, ist es doch auch eine Verantwortung, diese zu erhalten und einzusetzen. Für sich selbst und andere.»

Ich engagiere mich gern und habe noch Elan

Marion St. Maarten

Marion St. Maarten Jahrgang: 1952, Zürich
Job alt: ETH-Assistentin
Job neu: Rezeptionistin auf Abruf, Selbständige Arbeitnehmende

«Ich bin jetzt 64 Jahre alt und seit Februar 2016 pensioniert. Bis zuletzt habe ich an der ETH als Assistentin für einen Professor gearbeitet. Ich habe gefragt, ob ich bleiben dürfe, aber sie verfolgen die Politik, nach dem offiziellen Pensionsalter niemanden in Anstellung zu behalten. Da sind sie strikt, das ist okay. Ich will auch Jüngeren eine Chance geben und bin froh, jetzt mehr Freizeit zu haben. Heute arbeite ich als Springerin an der Rezeption des Prime Towers in Zürich.

Die Arbeit gefällt mir, es passiert sehr viel, ich bin immer beschäftigt. Es ist streng, natürlich fordernd, aber ich liebe den Kundenkontakt. Dabei kann ich mein Französisch, Holländisch und Englisch wieder auffrischen und lerne jeden Tag dazu. Eine Agentur hat mir die Stelle vermittelt, aber ich habe mir, ehrlich gesagt, keinen Kopf gemacht, ob ich noch etwas finde. Ich liess mich einfach treiben.

Auch, weil ich im Grunde zuerst dachte: Pensioniert zu sein, ist jetzt mein Job. Man kann sich nicht dagegen wehren, das sind die Regeln in dieser Gesellschaft. Irgendwann ist Schluss. Aber was macht man denn, wenn man pensioniert ist? Ich hatte das Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Natürlich hat man viele Freiheiten, aber wenn ich nichts tue, werde ich noch verrückt.

Mein Vorteil ist mein Aussehen, ich sehe nicht alt aus, habe noch Elan und Temperament, und das strahle ich aus. Ich will mir nicht alt vorkommen, weil ich das nicht bin! Ich engagiere mich gern, zum Beispiel auch bei Pro Senectute. Dort betreue ich zwei ältere Damen, mit ihnen gehe ich spazieren oder lese ihnen vor. Das Arbeitsleben fordert mich aber anders. Ich habe kein schlechtes Gewissen, noch zu arbeiten, obwohl andere keinen Job haben. Warum auch? Ich dränge mich ja niemandem auf. Es ist die freie Entscheidung eines jeden Unternehmens, den Kandidaten zu nehmen, den es will.»

Ich bin in ein Loch gefallen

Hans-Ulrich Müller

Hans-Ulrich Müller, 1949, Ennetbürgen NW
Job alt: Geschäftsführer
Job neu: Ehrenamtliche Aktivitäten im sozialen Bereich und Teilzeitpensum beim früheren Arbeitgeber

«Wenn man ein Gut im Überfluss hat, ist es nicht mehr so viel wert. Vor zehn Jahren dachte ich an einem Mittwoch: Wenn ich doch jetzt auf eine Skitour könnte, das wärs! Heute, mit bald 68, ist das anders: Ich bin ja theoretisch pensioniert, ich kann immer auf die Piste. Aber immer auf die Piste gehen, das macht noch kein Leben. Nach der Pensionierung bin ich in ein Loch gefallen. Ich musste mich wieder aufraffen. Die ersten Monate war ich sehr oft schlecht gelaunt. Meiner Frau hat das nicht gefallen.

Wenn Sie 120 Prozent arbeiten und über Nacht auf null gehen, dann ist das ein grosser Einschnitt. Ich dachte immer, das passiere nur den anderen. Aber es passierte auch mir. Ein ganzes Leben lang bin ich früh aufgestanden, habe oft auch samstags gearbeitet. Da blieb einem nicht viel Zeit, sich vorzubereiten.

Früher hat der Bauer mit 90 Jahren noch den Hof gewischt, sich eingebracht ins Geschehen. Warum sollte ich das nicht tun? Meine Arbeit war immer auch mein Hobby. Ich kann mir nicht vorstellen, keine Projekte mehr zu haben. Die letzten 20 Jahre war ich in leitender Position in der Vermessungsindustrie tätig. Ich wollte etwas machen, das für mich und andere Sinn ergibt.
Jetzt will ich der Gesellschaft etwas zurückgeben. Ich arbeite wieder 70 Prozent für meine alte Firma. Als Freelancer leite ich ein Projekt in Südamerika und die Restrukturierung einer Firma in Frankreich. Und ein bis zwei Tage pro Woche bin ich ehrenamtlich als Fundraiser für die Stiftung für Lungendiagnostik tätig.

Ich finde es keine gute Idee, wenn man mit 65 einen Schnitt macht und die Leute in Pension wirft. Der Staat sollte das System flexibilisieren. Mir geht es nicht in erster Linie ums Geldverdienen. Ich möchte weiterarbeiten, weil es sinnvoll ist. Auch für andere. Deshalb bin ich ehrenamtlich für meine Klienten vom RAV tätig. Dort coache ich ehemalige Führungskräfte, die mit 50 ihre Stelle verlieren und Mühe haben, wieder ins Arbeitsleben zu finden. Selber habe ich keine grossen Krisen erlebt. Deshalb will ich helfen.» 

Zahlen zur Arbeit im Rentenalter
Grafiken zur Arbeit über das reguläre Pensionsalter hinaus. (BfS / MMD)

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