15. Februar 2018

Schwieriges Coming-out auf dem Rasen

In Marcel Gislers Film «Mario» spielt Max Hubacher einen jungen Profifussballer, der sich in seinen Teamkollegen verliebt. Wir haben uns den Streifen mit dem Schiedsrichter Pascal Erlachner angesehen, der sich kürzlich als schwul geoutet hat.

Pascal Erlachner
Schiedsrichter Pascal Erlachner ist ganz froh, dass sich die Aufregung um sein Coming-out inzwischen etwas gelegt hat.

Es ist purer Zufall, dass «Mario» nur wenige Monate nach Pascal Erlachners (38) grossem medialen Coming-out in die Kinos kommt. Hätte Regisseur Marcel Gisler (57) schon früher Bescheid gewusst, hätte er gern mit ihm gesprochen, um seine Perspektive auf das Thema Homosexualität im Schweizer Fussball einzuholen. Doch auch ohne dieses Gespräch ist Erlachner voller Lob für den Film, der am 22. Februar in die Kinos kommt.

«Er bringt es wirklich auf den Punkt, ist sehr realistisch, und es gab immer wieder Szenen, die mich extrem berührt und stark an meine eigene Situation erinnert haben.» Erlachner ist Schiedsrichter in der Schweizer Super League, Sekundarlehrer sowie FDP-Gemeinderat in Wangen bei Olten SO, wo er mit seinem Partner auch lebt.

Ende 2017 hatte er im «Blick» und einem DOK-Film im Schweizer Fernsehen sein öffentliches Coming-out, das erste überhaupt eines aktiven Spitzensportlers im Schweizer Profifussball. Mittlerweile hat sich die erste Aufregung etwas gelegt, worüber Erlachner ganz froh ist.

Bereut hat er seinen Schritt trotz des Rummels nicht. «Einerseits ist es für mich eine grosse Erleichterung, mich endlich nicht mehr verstecken zu müssen, andererseits gab es auch rundum nur positive Reaktionen.» Sogar in der Karibik, wo er über Silvester in den Ferien war, seien zwei Familien auf ihn zugekommen und hätten ihm gratuliert. Auch aus der Branche selbst erfuhr er bis jetzt nur Unterstützung.

«Wir werden sehen, wie es weitergeht, nun, wo ich nach der Pause wieder auf dem Platz stehe.» Vereinzelt werde es wohl homophobe Sprüche aus dem Publikum geben, «aber das war ja auch vorher schon so».

«Rückständige Zone» Männerfussball

In den letzten Jahren hat sich in fast allen Teilen der westlichen Gesellschaft der Umgang mit Homosexualität entspannt, in vielen europäischen Staaten, aber auch in den USA und Kanada können Lesben und Schwule inzwischen heiraten . «Aber es gibt noch immer einige rückständige Zonen», sagt «Mario»-Regisseur Gisler. «Eine davon ist der Männerfussball. Die Gründe dafür sind vielschichtig, deshalb wird sich daran so schnell auch nichts ändern.»

Das sieht auch Erlachner so. Fussball gelte als Sport der harten Kerle, Schwule hingegen als sensibel, feminin und schwach, das passe gar nicht zusammen. Auch wenn es mit der Realität meist nicht viel zu tun habe.

Dass es sich um einen Mannschaftssport handelt, sei ein weiterer Faktor, sagt Gisler. «Einzelsportler outen sich mittlerweile schon ab und zu, im Mannschaftssport bleibt es eine Seltenheit.» Teilweise liege es auch daran, dass die Mannschaften heute sehr gemischt seien, darunter Spieler aus deutlich homophoberen Kulturkreisen.

Hinzu kämen die ökonomischen Aspekte: «Wer sich outet, verliert an Marktwert und verbaut sich Karrierechancen. Selbst wenn er in seiner Heimmannschaft akzeptiert würde, wäre es sehr schwer, die Mannschaft zu wechseln.» Auch sei das Risiko gross, dass Sponsoren sich abwenden.

«Und er müsste sich stets beweisen», sagt Max Hubacher (24), der den schwulen U21-Spieler Mario in Gislers Film spielt. «Er müsste doppelt so gut sein wie alle anderen. Und jeder Fehler würde entweder mit seinem Schwulsein oder dem Medienrummel in Verbindung gebracht.» Kein Wunder also, dass die wenigen offen schwulen Fussballer sich alle erst nach ihrer Karriere geoutet haben – wie etwa der Deutsche Thomas Hitzlsperger .

Hubacher hat den Medienrummel um Erlachners Coming-out interessiert verfolgt: «Viele haben sich negativ über die vielen Schlagzeilen geäussert. Das sei doch heute kein Problem mehr. Wäre ja schön, wenn es so wäre», findet Hubacher. «Mich irritieren da eher die Leute, die sich auf diese Weise mit ihrer wahnsinnigen Toleranz profilieren wollen – gerade das zeigt doch, wie weit wir immer noch entfernt sind von entspannter Selbstverständlichkeit. Und genau deshalb braucht es solche Coming-outs.»

Max Hubacher, der noch bis zum Sommer in Leipzig die Schauspielschule besucht und derzeit dort mit dem Stück «König Ubu» auf der Bühne steht, war von Anfang an Marcel Gislers Favorit für die Rolle des Mario. «Ich hatte seine früheren Filme gesehen und fand, dass er perfekt passen würde. Ich wollte vom Typ her jemanden, bei dem man nie auf die Idee kommen würde, dass er schwul sein könnte.»

Heimlich verliebt: Die Fussballer Mario (Max Hubacher, links) und Leon (Aaron Altaras) im Film «Mario». (Bild: Frenetic Films)

Als sich beim ersten Gespräch herausstellte, dass der junge Berner noch dazu leidenschaftlich Fussball spielte, war er gesetzt. «Ein Glückstreffer», sagt Gisler. Hubacher seinerseits zögerte keine Sekunde mit seiner Zusage: «Mich interessieren Geschichten, die eine Aussage haben und etwas bewirken. Und ich mag es, Figuren zu spielen, die einen Konflikt haben und ihn zu lösen versuchen.»

Ein paar seiner Freunde hätten ihn dann allerdings schon etwas beunruhigt gefragt, wie denn das genau sei, ob er da nun mit einem Mann Sex haben müsste. Hubacher grinst bei der Erinnerung daran: «Ich habe mich immer betont lässig gegeben, aber als es dann beim Dreh so weit war, war es zuerst natürlich schon etwas speziell.»

Zwar habe er an der Schauspielschule in Leipzig an Partys auch schon «mit allen ein bisschen rumgemacht», aber für den Film brauchte es natürlich mehr. «Und doch war es am Ende eigentlich nicht viel anders, als mit einer Schauspielpartnerin – dort sind Gefühle und Leidenschaft genauso ­simuliert.» Zudem haben er und sein Filmpartner Aaron Altaras zuvor zwei, drei Wochen proben und sich richtig gut kennenlernen können. «Aaron ist ein toller Kerl, wir haben uns vorher nicht gekannt und sind jetzt gute Freunde.»

Um sich in die Rolle des nicht geouteten Fussballprofis einzufühlen, hat Hubacher sich mit Schwulen in seinem persönlichen Umfeld unterhalten, darunter einem Fussballer. «Aber am Ende ist es doch einfach eine Geschichte um eine Liebe, die nicht realisierbar ist – und Komplikationen mit der Liebe kennen wir alle aus eigener Erfahrung.»

Hilfe von YB und dem FC St. Pauli

Die erste Drehbuchfassung für «Mario» entstand schon 2010, aber Gisler überarbeitete die Geschichte danach mehrmals. Bis auch die Finanzierung gesichert war, wurde es 2017. «Anfänglich dachten wir, dass wir die Jungs für den Film in Trikots einer Fantasiemannschaft stecken müssen, aber wir bekamen vom Dachverband Schweizer Fussball den Tipp, dass die grossen Klubs in Bern, Basel und Zürich vermutlich bereit wären, uns zu unterstützen», erzählt Gisler.

So versuchte er es beim damaligen YB-Sportchef Fredy Bickel. «Der war sofort Feuer und Flamme und sagte seine volle Unterstützung zu – seine Nachfolger schlossen sich dem dann an.» So konnten Max Hubacher und seine Schauspielkollegen in YB-Trikots im Berner Stade de Suisse drehen. Genauso einfach war es in Deutschland, wo sie ebenfalls eine Mannschaft und ein Stadion brauchten.

«Der FC St. Pauli in Hamburg ist fast schon offensiv schwulenfreundlich», sagt Hubacher, «es hängen dort auch überall Regenbogenfahnen.» Wenn sich bei denen ein Profi outen würde, wäre das kein Problem, ist Gisler überzeugt. Auch das Publikum im Stadion sei entsprechend offen und zugänglich. «Wer da homophobe Sprüche macht, hätte ein Problem. Im Grunde müsste es das Ziel sein, dass alle Klubs und Fans so ticken wie der FC St. Pauli.»

Anders als diverse Fussballer auf dem Spielfeld bekommt «Mario» von Schiedsrichter Pascal Erlachner keine rote Karte: «Der Film bringt es auf den Punkt und ist wirklich sehr realistisch.»

Ein solches Happy End ist vorderhand allerdings noch nicht in Sicht. Deshalb fand Pascal Erlachner auch den Schluss von «Mario» so gut: «Auch wenn man sich vielleicht ein Happy End wünschen würde, passt es so besser zur Realität.» Alle drei jedoch hoffen, dass der Film und das Coming-out des Schiedsrichters anderen schwulen Profifussballern den Mut geben, offen zu leben. Dass es zwei weitere Mosaiksteinchen sind auf dem langen Weg zur Selbstverständlichkeit. 

«Mario» läuft ab 22.2. in den Kinos. «König Ubu» mit Max Hubacher wird im Schauspiel Leipzig noch bis Mitte Mai gespielt; Infos und Tickets: www.schauspiel-leipzig.de

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