18. Januar 2016

Annina Walt spielt ihre Lieblingsrolle

Ihr Auftritt in einem «Tatort» brachte den Stein ins Rollen, seither zeigt Annina Walts Karrierekurve steil nach oben. In Micha Lewinskys neuem Film «Nichts passiert» spielt sie ihre Lieblingsrolle: die Aussenseiterin und Verzweifelte.

Annina Walt in Zürich
Newcomerin mit einer Vorliebe für dunkle, gebrochene Figuren: Annina Walt auf der Zürcher Münsterbrücke.

Mit hängendem Kopf steht sie da, blass, stumm, ein Bild des ­Jammers: Tragische Rollen wie in der «Tatort»-Folge «Zwischen zwei Welten» liegen Annina Walt. Die Verzweifelte, die Aussenseiterin, die Ausge­tickte – sie spielt sie kraftvoll, überzeugend.

Mit angezogenen Knien sitzt sie vor einem Café im Zürcher Niederdorf. Sie wirkt schüchtern. Dann aber lächelt sie, ergreift ihre Schultertasche und springt auf; plötzlich gibt sie sich frisch, viel rosiger und selbstbewusster als in ihren Filmen.

Diesen Frühling wird die Zürcherin 20 Jahre alt. Aber mit ihren grossen braunen Augen und dem zartem Gesicht geht sie ­locker als Neuntklässlerin durch. Sie zieht die Nase kraus: «Ja, ich muss oft meinen Ausweis zeigen.» Dabei hat Annina Walt im vergangenen Sommer die Matur bestanden. Zufrieden schlendert sie durch die Niederdorfgassen. Hier trifft sie jeweils Freunde.

Nun plant die Jungschauspielerin ein Zwischenjahr. «Im Frühling werde ich beim ­Theaterprojekt ‹Antigone› mitspielen, dann mache ich eine grös­sere Reise, nach Asien vielleicht, zwischen­durch verdiene ich mit Servieren ein bisschen Geld da

u.» Und danach? «Ich bewerbe mich zurzeit für die Ausbildung an einer Schauspielschule.» Ob in der Schweiz oder in Deutschland – beides würde sie freuen. «Bis vor nicht allzu langer Zeit habe ich nicht einmal zu hoffen gewagt, dass die Schauspielerei überhaupt mein Beruf werden könnte.»

Als Kind bereitete es ihr grossen Spass, sich gemeinsam mit ihrem älteren Bruder zu verkleiden; stundenlang konnte sie sich in Rollen vertiefen. Die Eltern nahmen sie früh mit ins Theater, «von ihnen habe ich die Freude daran mitbekommen, und sie unterstützen mich in meinem Berufswunsch».

Ein grandioser Auftakt

Mehr will sie nicht verraten über ihre Familie, auch nicht darüber, ob sie einen Freund hat. «Das ist privat», sagt sie mit fester Stimme. Lieber erzählt sie, wie sie früher Oboe spielte und im Chor sang, mit 16 etwas Neues probieren wollte und im Jugendclub des Jungen Schauspielhauses anfing.

Ihre erste Rolle war die einer jungen Frau, die erstmals ins Leben eintaucht. «Eine Rolle mit viel Bewegung.» Und es kam noch mehr Bewegung in ihr Leben. Mitspieler gaben ihr die Adresse einer Castingfirma. Sie schickte ihre Daten für einen Schweizer «Tatort» – dann der Bescheid: «Sie sind drin.» Für Annina Walt noch heute einer der grossartigsten Momente.

Und sie legte los: Grandios spielte sie die trauernde Tochter einer ermordeten Frau, leidend, verstört – bis die Figur sich als Mutter­mörderin entpuppt und in einem intensiven Ausbruch ihre Gefühle herauslässt. Die damals erst 17-Jährige bot grosses Kino.

Ebenso glaubhaft verkörperte sie die Schülerin Lara in «Amateur Teens», einem Film über eine Horde Teenager, die sich durch Beziehungsfrust und Pornolust durchwursteln. Der Streifen gewann am Zurich Film Festival den Publikumspreis. Annina Walt mimte die gemobbte Aussenseiterin so echt, dass sie oft gefragt wird, ob sie selber auch schon mal ein Mobbingopfer war. «Nein, gemobbt wurde ich zum Glück nie, ich werde in neuen Gruppen immer gut aufgenommen», antwortet sie und öffnet zielstrebig die Tür zu einer ruhigen Bar.

Sie lässt sich auf eine Eckbank sinken und bestellt einen Kaffee. «Ich bin vielleicht nicht gerade die führende Stimmungskanone, aber eigentlich sehr fröhlich», sagt sie, während sie energisch etwas Zucker in ihren Kaffee rührt. In «Nichts passiert», Micha Lewinskys neuem Film, der im Februar in die Kinos kommt, zeigt sie allerdings nicht viel von dieser Seite: Sie spielt an der Seite von Max Hubacher («Der Verdingbub») und Beat Marti («Fascht e Familie») die Figur der Sarah: eine behütete junge Frau, die nach einem einschneidenden Erlebnis zum Problemfall wird. Keine heitere Rolle. «Brüche faszinieren mich», sagt sie. «Die spiele ich am liebsten.»

Sag niemals nie – Hauptsache, spannend

Hat sie eine bestimmte Spielmethode? «Hm. Ich gehe einfach voll in die Rolle und mache mir eigene Bilder.» Was ist mit Hemmungen, etwa in «Amateur Teens», bei der Nacktszene in der Dusche? Annina Walt streicht eine Haarsträhne hinters Ohr. «Klar, das war anfangs seltsam, aber ich gewöhnte mich rasch daran. Es waren auch nur die allernötigsten Leute dabei, nicht alle vom Team.» Sehr schnell war ihr grösstes Problem nicht das Nacktsein, sondern die Angst, auf dem rutschigen Boden auszugleiten.

Gibt es denn Rollen, die für sie tabu sind? «Wenn ich eine Rolle spannend finde, gibt es keinen Grund, etwas ‹niemals› zu spielen.» Annina Walt mag die Bühne ebenso wie das Filmset. Und wenn sie ihre ganz andere Seite ausspielen will, die laute, extrovertierte, geht sie tanzen. «Dann kann ich voll rauslassen.»

Annina Walt schiebt die Kaffeetasse zur Seite, sie muss weiter. Sie hängt sich die Tasche um und schreitet zielstrebig aus der Bar. Vorerst in Richtung Fussgängerzone. Und vielleicht schon bald hinaus ­in die grosse Schauspielwelt.

Bild: Paolo Dutto

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