03. Mai 2019

Anne-Sophie Mutter braucht die Beziehung zum Publikum

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter steht seit 40 Jahren auf den Konzertbühnen der Welt – demnächst auch in der Schweiz. Ein Gespräch über Qualität, Nachwuchsförderung, Youtube und ihren legendären Mentor Herbert von Karajan.

Anne-Sophie Mutter  (Bild PD)
(Bild: PD)
Lesezeit 6 Minuten

Seit über 40 Jahren sind Sie die unangefochtene «Königin der Violine». Was ist Ihr Geheimrezept?
Man muss ganz einfach lieben, was man tut. Nehmen Sie Roger Federer: Tennis ist seine Leidenschaft, und er hört nicht auf, sich zu perfektionieren. 

Braucht es nicht auch eiserne Disziplin?
Schon, aber wenn man mit Leidenschaft dabei ist, fällt einem die Disziplin leichter. Ich bin eine leidenschaftliche Person, daher ist das für mich ganz natürlich. Wenn mich etwas interessiert, gebe ich alles. Ich achte nicht darauf, wie viel Zeit und Energie ich investiere.

Sind Sie stolz auf das Niveau, das Sie erreicht haben?
Da bin ich wie eine Bergsteigerin: Es gibt immer einen noch höheren Gipfel, den man erklimmen möchte. Aber bei all dem schaffe ich es dennoch, mir Pausen zu gönnen – damit es danach umso besser vorangeht.

Anne-Sophie Mutter spielt exklusiv für das Migros-Magazin:

  • master

Ruhen Sie sich denn nie aus?
Ich möchte das Unmögliche möglich machen, um mein Bestes zu geben. Diesbezüglich war ich bei Herbert von Karajan in einer guten Schule. Er suchte ohne Unterlass den perfekten Klang. Auch nach einem wunderbaren Konzert erschien er tags darauf zur Probe, und wir begannen wieder von Neuem mit der Arbeit.

Was ist geblieben von Karajan?
Wirklich sehr viel. Noch heute, 30 Jahre nach seinem Tod, verzeichnet Karajan bei der Deutschen Grammophon die besten Plattenverkäufe – nur schon das ist doch bemerkenswert. Seine Interpretationen sind eben weiterhin aktuell, es gibt einfach keinen wie ihn. Und Sie sehen: Die Suche nach Perfektion zahlt sich aus.

Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn im Paradies träfen?
Oh, ich würde ihn fragen, ob ich sein Orchester dirigieren und er die Geige spielen könnte. Und dann würde ich sehr langsam dirigieren (lacht). Darf ich Ihnen eine lustige Geschichte über ihn erzählen?

Sehr gern.
Karajan steigt in Berlin in ein Taxi. Der Fahrer ist wegen des illustren Kunden so durcheinander, dass er losfährt, ohne seinen Fahrgast nach dem Zielort zu fragen. Nach einer Weile ruft er: «Maestro, ich habe ganz vergessen, Sie zu fragen, wohin ich Sie ­fahren soll!» Karajan antwortet: «Ganz egal, ich werde überall gebraucht.» (lacht)

War das seine Art?
Nein, überhaupt nicht. Privat war er eher reserviert. Auf der Bühne jedoch kam seine beeindruckende Persönlichkeit zum Vorschein. Und seine blosse Präsenz war gewaltig, man musste bei ihm immer alles geben. Ich finde diese Einstellung sehr positiv – eine wahre Inspiration.

Befürchten Sie, irgendwann nicht mehr Ihr Bestes geben und sich nicht an der Spitze halten zu können?
Es wäre für mich bestimmt sehr bitter, wenn ich etwa an Arthrose erkranken würde. Alles in allem ist es aber schon besser, alt zu werden, als zu sterben. Mein Mann starb mit 60 Jahren – das ist kein Alter zum Sterben. Seither betrachte ich die Alternative des Alterns als etwas Gutes. Es ist schliesslich keine Schande, älter zu werden.

Könnten Sie sich denn ein Leben ohne Konzerte vorstellen?
Nein, ich brauche diese Beziehung zum Publikum. Wenn man so viel probt, dann möchte man nicht allein in seinen vier Wänden spielen, sondern seine Arbeit mit anderen teilen. Bei einem Konzert stehe ich mit dem Publikum in einem Dialog, auch wenn es nicht spricht. Ich fühle die Leute und passe mich entsprechend an.

Teilen Sie diese Art der Erfahrung mit den jungen talentierten Musikern, die Sie über Ihre Stiftung «Mutter’s Virtuosi» fördern?
Unter anderem, ja. Mir gefällt die Idee, dass man jahrhundertealte Werke zum Leben erweckt – für das Publikum. Die Menschen müssen von den Kompositionen bewegt werden, damit sie mit einer schönen Erinnerung nach Hause gehen. Deshalb erkläre ich meinen Protegés immer wieder, dass sie bescheiden bleiben und sich ganz der Musik verschreiben müssen. Wir Musiker sind dafür da, eine Verbindung zwischen dem Komponisten und dem Zuhörer herzustellen. Das gilt insbesondere für Solospieler. Egozentriker sind keine guten Solisten.

Was ist die grösste Gefahr für einen Anfänger?
Dass man ihm nicht genug Zeit für die Entwicklung lässt. Wenn die erste CD eines Musikers sich nicht gut verkauft, dann ­streichen ihn die Plattenfirmen aus ihren Katalogen. Das ist schade, denn eine Karriere baut sich über einen längeren Zeitraum auf. Wenn man sich für diesen oder jenen Komponisten noch nicht bereit fühlt, muss man auch Versuchungen widerstehen und Nein sagen können.

Wahrscheinlich wird auch der Druck grösser und die Konkurrenz immer härter.
Das stimmt. Es gibt heute sehr viele talentierte Musiker. Das ist einerseits gut, weil das Angebot dadurch grösser ist und wir mehr Leute erreichen. Andererseits ist es wie bei den Olympischen Spielen: Es geht nicht um die Menge. Und aus der Masse stechen nur sehr wenige Musiker wirklich heraus. Was mir vor allem Sorgen bereitet, sind uninteressante, platte Interpretationen, was Qualität und Individualität betrifft.

Das Problem ist, dass geistiges Eigentum auf Youtube nicht geschützt wird.

Sie sprachen davon, die Menschen erreichen zu wollen. Das passiert heute vor allem über Youtube, wo man jederzeit kostenlos Musik hören kann. Was halten Sie von diesem Angebot?
Das Problem ist, dass geistiges Eigentum auf Youtube nicht geschützt wird. Das ist jedoch sehr wertvoll, darum gibt es das Copyright. Eine Komposition oder Interpretation darf nicht einfach kostenlos zur Verfügung stehen. Das ist ein schlechtes Signal. Darum erhält Youtube von mir die rote Karte.

Sie spielen mittlerweile auch Filmsoundtracks. Möchten Sie dadurch ein jüngeres Publikum erreichen?
Nein. Mich faszinieren lediglich die Möglichkeiten, die eine Geige bietet. Und ich möchte alles ausprobieren – oder zumindest das, was mir interessant erscheint. Ich möchte durch die Interpretation der Werke von legendären Filmmusikkomponisten wie John Williams («Star Wars», «Schindler’s List», «Jurassic Park» u. a., Anm. d. Red.) kein jüngeres, sondern ein anderes Publikum erreichen. Ich bin mit «Star Wars» aufgewachsen; der allererste Film der Serie war 1978 in den deutschen Kinos. Seither bin ich eine von vielen John-Williams-Fans, die so alt sind wie ich.

Filmmusik wird häufig abwertend beurteilt. Haben Sie keine Angst, damit Ihrem Ruf zu schaden?
Für mich gibt es nur gut komponierte und schlecht komponierte Musik. Auch in der klassischen Sparte gibt es romantische, barocke oder zeitgenössische Stücke, die bei Weitem nicht so gut sind wie die von Mozart. Genauso gibt es hervorragende Musik zu einem Film.

Apropos Mozart: In Luzern führen Sie drei seiner Violinkonzerte auf, die Sie in Ihrer Anfangszeit mit Karajan vor über 40 Jahren gespielt haben. Sind Sie solcher Stücke nicht überdrüssig?
Nein, unsere Sicht von Mozart verändert sich ständig. 2019 wird er nicht mehr so gespielt wie in den 1980er-Jahren. Meine erste Mozart-Interpretation unter Karajans Leitung spielte ich 1978 mit einem grossen Symphonieorchester – heute hingegen ziehen wir kleinere, kammermusikartige Formationen vor.

Ist das in Mozarts Sinn?
Um zu verstehen, was ein Komponist wollte, braucht es mehrere Elemente. Was die Grösse des Orchesters angeht, gibt es beispielsweise Briefe von Mozart an seinen Vater, in denen er sich darüber freut, acht erste Geigen zu haben. Die Interpretation damals hing somit auch mit dem Geld zusammen, das zur Verfügung stand. Aber alles ist relativ. Und niemand kann sagen, wie man Mozart in 20 Jahren spielen wird.

Können Sie sich ein Leben ohne Musik überhaupt vorstellen?
Nein. Aber selbst wenn ich kein Instrument hätte, gäbe es in meinem Leben immer Musik. Ich habe ein ganzes Repertoire an Musikstücken in meinem Kopf, die ich jederzeit spielen kann. Das ist ganz praktisch, denn Musik ist für jeden ein Geschenk, eine emotionale Bereicherung.

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