28. Januar 2019

Ankommen in Eilat

Gewisse Orte offenbaren ihre Geheimnisse erst mit der Zeit. So ist es unserer Reporterin mit Eilat ergangen: Am Ende ihrer Reise stand sie ganz im Bann der Stadt am Roten Meer.

Strandpromenade in Eilat
An der Strandpromenade in Eilat erblickt man neben dem Roten Meer auch die Küsten von Jordanien und Ägypten.
Lesezeit 6 Minuten

Wann kommt man an einem unbekannten Ort richtig an? Manche vielleicht bereits am Flughafen, manche im Hotel. Doch wann stellt man fest, dass man tatsächlich in einem fremden Land ist? Weil es anders riecht, das Klima anders ist oder die Menschen anders sprechen?

Im Süden von Israel dauert es eine Weile, bis wir ankommen. Wir beide, mein Freund und ich, waren noch nie hier – und freuen uns umso mehr, etwas Neues kennenzulernen. Obwohl wir am letzten Abend von Chanukka, dem achttägigen jüdischen Lichterfest, in Israel landen, ist der Spirit des Landes zuerst noch nicht greifbar.

Zu sehr fühlen wir uns noch als fremde Beobachter der religiösen Zeremonien, die wir bereits am Flughafen in Ovda beobachten. Von dort, am Rande der Wüste Negev, reisen wir nach Eilat, ans Rote Meer und an den südlichsten Punkt von Israel. Während eines kitschigen Sonnenuntergangs fahren wir durch eine felsige Landschaft, aus dem Autoradio des Fahrers dröhnt Elvis. Das hat was. Aber es könnte auch Amerika sein. Angekommen sind wir noch nicht.

Auch am nächsten Tag weht uns ein Hauch von Amerika entgegen: Wir erkunden die Küstenstadt Eilat mit ihren 50 000 Einwohnern und entdecken Hotelkomplexe mit üppigen Fenstern und Goldornamenten aus den 1970er-Jahren – ein bisschen wie in Miami. Beim Skate-Park fühlen wir uns wie in Venice Beach, auf der Promenade wähnen wir uns in Las Vegas: Nur dort gibt es ähnlich viele Leuchtreklamen und Chilbi.

Am Hafen von Eilat
Die Hafenbecken in Eilat lassen sich dank Passerellen bequem zu Fuss erkunden.

Zum Schluss besuchen wir eine Mall, wie es sie in jeder grösseren amerikanischen Stadt gibt. Doch ein Geheimnis offenbart die «Ice Mall» im Innern: In der Mitte befindet sich ein riesiges Eisfeld. Um das erhitzte Shoppinggemüt abzukühlen, fährt man hier also Schlittschuh. Fröstelnd freuen wir uns auf die Wärme draussen: Den Palmen entlang gehen wir zurück in Richtung Strand.

Ice Mall in Eilat
Kontrast: In der «Ice Mall» bis zur Überhitzung shoppen und sich danach auf dem Eisfeld abkühlen.

Gaumenschmaus und Delfine

Ziemlich genau 50 Stunden nach der Landung kommen wir schliesslich an. Und es geschieht so, wie es uns oft passiert: beim Essen, in «Omer’s ­Place». Zuvor haben wir die touristische Promenade verlassen und sind den Hügel hinaufspaziert, an dem die Einheimischen wohnen. Fast hätten wir unser Ziel verfehlt, weil es sich unscheinbar in eine Reihe kleiner Restaurants eingliedert.

Umso zufriedener sind wir, als endlich die Speisekarte vor uns liegt, mit vielen spannenden israelischen Spezialitäten, die weit über den bekannten Hummus hinausgehen. Besitzer Omer persönlich gibt Empfehlungen ab, und so geniessen wir kurze Zeit später zu lauter israelischer Musik das Beste, was er zu bieten hat:

Essen bei Omer's Place
«Omer's Place» bietet israelisches Ambiente und das beste regionale Essen. Wichtig: Hunger mitbringen.

Sein «Sabich», eine Pfanne mit einem Tahini-Bett und darauf verteilten leckeren Fleischbällchen (man nennt sie Kebap), gewürzt mit exotischen Kräutern und Minze. Dazu rauchig gedämpfte Aubergine, ein gekochtes Ei und knusprige Kartoffeln. Abgerundet wird das Ganze mit Salsa verde, Kürbiskompott und warmem Fladenbrot. Auf dem Tisch häufen sich kleine Schälchen mit hausgemachten Saucen, Salaten und überraschenden Häppchen wie eingemachter Zitrone.

«Omer’s ­Place» ist ein Ort ohne Touristen, obwohl das Tripadvisor-Ranking top ausfällt. Schon nach einigen Bissen wird klar: Jetzt sind wir da. Und dazu so fasziniert vom Essen, dass wir zwei Tage später gleich nochmals bei Omer einkehren. Diesmal deckt er unseren Tisch mit noch mehr Häppchen.

Glücklicherweise zeigt unser Schrittzähler täglich weit mehr als 10 000 Schritte. Wir laufen zum Beispiel durch den Timna-Park. Auch hier sind wir versucht, an Amerika zu denken, denn es sieht aus wie am Grand Canyon.

Skulptur im Timna-Park
Im Timna-Park vermitteln riesige Steinskulpturen einen Hauch Grand Canyon.

Wir geniessen die Freiheit und spazieren vom «Pilz» zu den «Säulen Salomons» und den «Steinbögen». Die Steine sind brüchig und braun oder ähneln glühender Lava – in Form und Farbe. Irgendwann liegt vor meinen Füssen ein kleiner runder mit viel Glitzer.

Als die Füsse vom vielen Wandern müde geworden sind, tauschen wir Erde gegen Wasser: Beim Besuch des Dolphin Reef kann man Delfinen zuschauen und sogar mit ihnen schnorcheln und tauchen. Hier ist es nicht wie in Amerika, hier sind die Tiere nicht in einen viel zu kleinen Pool gepfercht.

Das Riff ist an der Wasseroberfläche durch eine Abschrankung begrenzt – aber nur, um die Wellen zu brechen. Unter Wasser können die Delfine jederzeit hinaus ins offene Meer – und sie tun es auch: Sobald ein grösseres Schiff vorbeifährt, springen sie in seinen Wellen in die Luft. Sie kehren aber freiwillig immer wieder zurück und suchen die Nähe der Menschen.

Delfine im Dolphin Reef
Die Tiere im Dolphin Reef sind frei, suchen jedoch die Nähe zu Menschen.

Als ich durchs Wasser schnorchle, schwimmen sie neugierig herbei und schauen, was ich mache. Noch nie bin ich diesen Tieren auf natürliche Weise so nahe gekommen. Ein Erlebnis – nicht nur für Kinder. Wir lassen uns vom Roten Meer tragen. Weil es so salzig ist, schwimmen wir ohne Anstrengung an der Oberfläche, und mit den Ohren unter Wasser hören wir die Delfine singen. Wenn das kein gutes Ankommen ist.

Schatzkammern der Kultur

Nach einigen Tagen wollen wir dann aber noch etwas anderes entdecken. Eilat liegt eingequetscht zwischen Ägypten und Jordanien. Ausflüge in beide Länder sind möglich, nach Ägypten allerdings eher kompliziert. Wir entscheiden uns für Jordanien. Dort liegt die lange verschollene Ruinenstadt Petra, die zu den sieben modernen Weltwundern gehört.

Wir buchen eine Tour und brauchen an nichts zu denken, sogar unser Visum wird vor Ort organisiert. Aber wir brauchen Geduld: Bis 45 Touristen die Grenze überschritten haben, dauert es eine Weile. Danach passieren wir die Wüstenlandschaft Wadi Rum, wo mehrere «Star Wars»-Filme gedreht wurden, und erreichen das Ziel Petra.

In den 80er-Jahren habe es hier einen Touristenboom gegeben, erzählt Guide Nisar: «Erinnern Sie sich an die Szene aus ‹Indiana Jones›? Das wollten alle in echt sehen.» Heute ist der Andrang mässig, was den Stadtrundgang angenehm macht. Wir gehen abwärts durch rote Steinschluchten und begegnen mehreren Eseln mit Touristen auf dem Rücken, die sich den Aufstieg ersparen.

Die «Treasury» in Petra
Vor der «Treasury» in Petra tummeln sich die Touristen, auf der Suche nach dem besten Fotowinkel – das Bauwunder erhält dabei nicht immer die verdiente Bewunderung.

Schliesslich stehen wir vor der berühmten «Treasury»: vor einem riesigen Grabtempel, in Stein gemeisselt und über 2000 Jahre alt. Ich frage mich, wie die Menschen damals gelebt haben und ob zu jener Zeit schon ein beissender Wind durch die Schluchten fegte.

Den herumliegenden Kamelen scheint der egal zu sein, ebenso den vielen Touristen aus dem asiatischen Raum, deren Hauptziel es ist, eine Menge Selfies zu schiessen Nachdem auch wir bescheiden ein Selfie geknipst haben, gönnen wir uns ein jordanisches Mittagessen.

Und ich erlebe ein weiteres Highlight der Reise, weil mir Jordanien Honig ums Maul streicht: Zum Dessert gibt es Honigbällchen. Ich beisse in den knusprig-frittierten Teig, und in meinem Mund explodiert der Honig. Zurück in Eilat, suche ich vergeblich nach der Leckerei. Doch das Gute am Reisen ist: Jedes Land hat eigene Tricks, um seine Gäste ankommen zu lassen.

Bruno Karl Stebler und Dinah Leuenberger
Auf den Spuren des israelischen Südens: Reporterin Dinah Leuenberger mit Partner Bruno Karl Stebler.

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