19. Oktober 2017

Angriff der Supermütter

Hinter den Fassaden der Schönen und Reichen im kalifornischen Monterey tun sich Abgründe auf, finstere Abgründe. Für Eltern dürfte die preisgekrönte HBO-Miniserie «Big Little Lies» ein besonderes Vergnügen sein.

Supermütter und ihre Kinder
Die drei Supermütter Madeline (Reese Witherspoon), Jane (Shailene Woodley) und Celeste (Nicole Kidman) mit ihren Kindern. (Bilder: Warner Bros. Entertainment GmbH)

Eigentlich könnte alles so schön sein: Geld ist reichlich vorhanden, die Villen direkt am Meer sind geschmackvoll eingerichtet, und die öffentliche Schule im kalifornischen Küstenstädtchen Monterey bietet dem Nachwuchs eine gute Ausbildung zu akzeptablen Tarifen. Doch am Orientierungstag für die Erstklässler ist Amabella von einem Jungen gewürgt worden, und als das Mädchen zögerlich Ziggy, den Sohn der nicht ganz so wohlhabenden Neuzuzügerin Jane Chapman (Shailene Woodley), als Täter identifiziert, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Ziggy sagt, er sei es nicht gewesen, Amabellas Mutter, die erfolgreiche Geschäftsfrau Renata Klein (Laura Dern) ist ebenso überzeugt, dass er lügt, wie Ziggys Mutter sicher ist, dass er die Wahrheit sagt. Die Spannungen weiten sich aus, als die meisten anderen Eltern sich hinten rum auf Renatas Seite schlagen, derweil Madeline Mackenzie (Reese Witherspoon) und ihre langjährige Freundin Celeste Wright (Nicole Kidman) offen für Jane Partei greifen (nicht zuletzt, weil sie Renata eh noch nie ausstehen konnten). So wird die Grundschule zum Kriegsschauplatz voller passiv-aggressiver Nettigkeiten und geheuchelter Lächeln.

Jede der Supermütter trägt zudem diversen persönlichen Ballast mit sich. Jane wurde vergewaltigt und hat Ziggy deshalb nie verraten, wer sein Vater ist. Madeline nagt noch immer an der Trennung von ihrem Ex, der mit seiner neuen, äusserst attraktiven Frau ebenfalls in Monterey wohnt. Zudem hatte sie im Jahr zuvor eine bis dato geheim gehaltene Affäre mit dem attraktiven Regisseur Joseph (Santiago Cabrera). Und Celeste schlägt sich im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Ehemann herum (Alexander Skarsgard), der von einer Sekunde auf die andere vom liebenden Vater zum prügelnden Gewalttäter werden kann.

Schon in der ersten der sieben Folgen erfahren wir zudem, dass es bei einer Schulveranstaltung einige Tage später einen Toten oder eine Tote geben wird – wer es ist, wird erst in den letzten Minuten der letzten Folge aufgelöst. Zuvor jedoch werden immer wieder Zeugenaussagen mit Bösartigkeiten wie dieser eingestreut: «I believe women are chemically incapable of forgiveness» (ich glaube, Frauen sind chemisch nicht fähig zur Vergebung). Die Miniserie enthüllt so nach und nach die Vorgeschichte des Todesfalls, und von Folge zu Folge erweitert sich der Kreis der möglichen Opfer, weil immer neue und schärfere Konfliktlinien zwischen immer mehr Figuren entstehen.

Freundliche Fassade, hinter der sich Abgründe auftun: Celestes Ehemann Perry (Alexander Skarsgrad) schlägt zu Hause immer wieder zu.

Was nach schwerem, hartem Drama klingt, kommt im Tonfall eher leicht, gelegentlich gar satirisch daher und wurde von einigen Kritikern in die Nähe der TV-Soap «Desperate Housewives» (2004-2012) gerückt. Ein bisschen was hat das schon, aber das clevere Drehbuch und die hochkarätige Besetzung heben die Miniserie auf das gewohnt hohe HBO-Level («Game of Thrones», «The Sopranos»). Sie erhielt dieses Jahr dann auch gleich fünf der begehrten Emmys, die amerikanischen TV-Oscars – eine Bestätigung auch für Reese Witherspoon und Nicole Kidman, die als Produzentinnen fungieren und mit ihrem persönlichen Prestige für das Entstehen der Serie geweibelt hatten. Die gleichnamige Romanvorlage stammt von der australischen Autorin Liane Moriarty, die nach dem Erfolg der Miniserie schon öffentlich über eine Fortsetzung nachgedacht hat. Auch die Darstellerinnen wären dem Vernehmen nach dafür zu haben – offiziell ist aber noch nichts.


«Big Little Lies», bei exlibris.ch für 38,90 Fr. (DVD) oder 57,90 (Bluray) oder 18,30 Fr. (Roman)


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