Leser-Beitrag
14. August 2017

Glückliche Fügung

Am Tatort «Gartenzaun»

Tatort Garten(zaun)

«Neeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!»

Der Schrei fuhr einem durch Mark und Bein, hallte durch die nächtliche Umgebung. Unten auf der Hauptstraße rauschte der Abendverkehr vorbei, mit Hupen zwischendurch. Einige Augenblicke später erhalte vom gegenüberliegenden Hang ein «Neeeiiiiin».

Auf den Sitzplatz! Erich hatte sich aber schon wieder beruhigt, den Schrei seinem Nachbarn zuordnen können.
Blaukissen, Hortensien und andere Sträucher besänftigten von Außen und Innen. Der lachende Grünspecht heiterte die gespannte Situation auf. Blaumeisen und Finken zwitscherten eine Sonate. Fremder, grüner Bambus rauschte im kühlenden Wind, welcher ein Gewitter ankündete. Schnell herbeiziehende, schwarze, dunkle, tiefhängende Wolken schienen es zu bestätigen. Die Grillen verstummten mit den ersten, schweren Regentropfen, welche auf die Betonplatten prasselten. Der nun heftige Westwind trieb etliche Samen von Erichs Wildgarten in das gegenüberliegende, gepflegte Grundstück.

«Neeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiin!»

Das Sommergewitter entleerte sich nun in vollen Zügen, begleitet von heftigen Blitzen im Minutentakt mit kurz darauffolgendem Donnergrollen. Erich konnte von seinem gedeckten Sitzplatz beobachten, wie sein Nachbar und dessen Frau bei strömendem Regen jedes ungewöhnliche Blatt und fremde Samen aus ihrer gepflegten Grünanlage entfernen wollten. Der Kampf mit Regenschirm im Sturm erzeugte eine lustige Situation.

«Tzzzzzzzzssscccccccccchtzzzzzzzzt.»

Kalt und heiß. Es fröstelte Erich, der Herzschlag klopfte dumpf in den Ohren, als der Blitz in die alte Kiefer einschlug. Mit offenem Mund, halb gelähmt stand er da, die Nachbarn mussten dasselbe Gefühl erleben, da sie wie Götzen, die Rasenschere und den Kübel mit dem ausgezupften Unkraut in der Hand, versteinert im vorher sauberen Rasen standen.
Knarrend, knirschend, ächzend langsam beugte sich der Greis zur Seite. Splitternd, explosiv gab der Stamm an der Einschlagstelle nach und knallte, über den Weg, die Grenze zwischen dem Wildgarten und der geleckten Rasenfläche, auf die zwei Grundstücke.

«Neeeeeiiiiiiiiiin!»

Herr Blattgrün, der Nachbar, versuchte, über den querliegenden Baumstamm auf das Terrain von Erich zu gelangen. Fluchend, balancierend, als flösse unter dem Stamm ein tosender Fluss, überquerte er schlotternd das Hindernis und versuchte, im strömenden Niederschlag, Erich am Kragen zu packen.

«Jetzt fliegen seid Monaten die Samen und Blätter aus Ihrem Urwald auf meinen gepflegten Rasen, und nun noch dieser ausländische Baum.»

Erich nahm den verstörten Mann in den Arm, wusste aber nicht, was er erwidern sollte. Wie klein musste die Welt seines reichen Nachbarn sein.
Hätte er sich denn über den Gehweg, welcher ihre beiden Grundstücke querte, machen und mit dem Nachbarn reden sollen? Bei diesem musste jeder Grashalm, welcher durch die Luft auf seinen Boden geflogen war, einen Konflikt ausgelöst und aufgebaut haben.

Hatte da eine höhere Macht eingegriffen und durch den Blitzschlag einen Nachbarsstreit geschlichtet?

Es ist dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich umzubilden – wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu werden.

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